Wie ein Bild ohne Rahmen

Die argentinische Pianistin Martha Argerich macht, was sie will. Sie tut es phänomenal. Und morgen Samstag auch in Zürich.

In Zürich wird Martha Argerich Werke von Prokofjew und Mozart spielen. Wenn sie es sich nicht noch anders überlegt.

In Zürich wird Martha Argerich Werke von Prokofjew und Mozart spielen. Wenn sie es sich nicht noch anders überlegt. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es gibt viele brillante Pianistinnen und Pianisten, auch ein paar originelle, charismatische, rätselhafte. Aber eine Martha Argerich: Die gibts nur einmal.

Am Samstag wird man die mittlerweile 77-Jährige nun wieder erleben können, in der selbstverständlich längst ausverkauften Zürcher Tonhalle Maag. Martha Argerich wird dort Werke von Prokofjew und Mozart spielen, wenn sie es sich nicht noch anders überlegt. Das tut sie oft, und es stört niemanden; man geht wegen ihr ins Konzert, nicht wegen des Programms. Hauptsache, sie sagt nicht ab – aber diese einst beträchtliche Gefahr ist sehr viel kleiner geworden mit den Jahren.

Man könnte durchaus sagen, Martha Argerich sei zuverlässiger geworden (vielleicht hat sie sich auch einfach mit ihrem Lampenfieber abgefunden). Aber berechenbarer: das dann doch nicht. Sie macht, was sie will, sie tat es schon immer; auf dem Podium wie daneben. Die wichtigen Termine, die ihre Mutter der begabten Tochter einst in ihrer Heimatstadt Buenos Aires organisiert hatte, liess diese meist verfallen. Und als sie mit zwanzig so richtig durchgestartet war, zog sie sich aus dem Konzertleben zurück, für mehrere Jahre.

Tochter beisst Fan

Sie bekam drei Töchter mit drei Männern, von denen der Pianist Stephen Kovacevich und der Dirigent Charles Dutoit nach wie vor zu ihren musikalischen Verbündeten gehören. Die jüngste Tochter, Stéphanie Argerich, hat vor sieben Jahren einen sehr lustigen Film über ihre herzliche, überforderte, in jeder Hinsicht unkonventionelle Mutter gedreht (und darin verraten, dass sie als Kind einmal einen Fan gebissen habe: Dass man diese Mutter immer mit der Öffentlichkeit teilen musste, war wohl nicht leicht).

Martha Argerich sei wie ein Bild ohne Rahmen, hat der Dirigent Daniel Barenboim einmal gesagt. Ein faszinierendes Bild, muss man hinzufügen; eines, an dem man sich nicht sattsehen respektive satthören kann. Weil Argerichs Kunst so absolut ist, so ungekünstelt auch: Nie hat man den Eindruck, dass sie auf Wirkung spielen würde; die Musik bricht aus ihr heraus, poetisch, kraftvoll, überraschend.

Auch sie selbst scheint sich das nicht so recht erklären zu können. In den wenigen Interviews, die sie gegeben hat, ist ihre häufigste Antwort jedenfalls: «Ich weiss es nicht.» Wo andere wortreich und marketingtechnisch gewieft ihre Interpretationen erläutern, zuckt sie mit den Schultern. Die Rolle als Selbstverkäuferin liegt ihr nicht. Sie spielt halt, das muss reichen.

Auftritte mit Freunden

Für andere wirbt sie allerdings durchaus: Unermüdlich stellt sie ihrem Publikum junge Klaviertalente vor, in Konzerten wie auf CDs, und verschafft ihnen damit Zugang zu einem Betrieb, zu dem sie selbst gerne auf Distanz geht – ein sympathisches Paradox. Oder vielleicht auch nur eine Nebenwirkung ihrer Entscheidung, nicht mehr allein auftreten zu wollen. Rezitale gibt sie seit Jahren keine mehr. Sie tritt entweder als Solistin mit Orchester auf oder, lieber noch, als Kammermusikerin. Am allerliebsten mit Freunden.

Nach Zürich kommt sie nun zusammen mit dem Pianisten Sergei Babayan, mit dem sie seit mehr als einem Vierteljahrhundert zusammenspielt. Und ganz egal, wie der Abend laufen wird: Er wird ein Ereignis sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.03.2019, 15:49 Uhr

Artikel zum Thema

Klassiker der Woche: Fliegen mit Martha Argerich

Mit 19 Jahren zog sich die grosse Pianistin aus dem Konzertleben zurück, aber sie kam wieder: Und wie! Mehr...

Die Grosszügigkeit der Pianistin

Wenn Martha Argerich in Zürich auftritt, ist der Saal rappelvoll. Zu Recht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Hier hängt keine Werbung an den Wänden: Eine Frau schaut auf ihr Handy, während sie in einer U-Bahn in Pjöngjang eine Rolltreppe hinauf fährt. (19. Juni 2019)
(Bild: Ed Jones) Mehr...