Wie er dirigiert!

«Le nozze di Figaro»: Am Lucerne Festival begeisterte Teodor Currentzis das Publikum bis zur Überforderung.

In der Musik ist die Revolution schon da: Teodor Currentzis dirigiert Mozart im Luzerner KKL. Foto: Priska Ketterer

In der Musik ist die Revolution schon da: Teodor Currentzis dirigiert Mozart im Luzerner KKL. Foto: Priska Ketterer

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Drei Jahre nach der Uraufführung von «Le nozze di Figaro» brach die Revolution aus. Sie fegte das Ancien Régime hinweg. In Mozarts Oper ist es noch an der Macht, angeschlagen zwar, aber immer noch gefährlich. Graf Almaviva lässt sich feiern dafür, dass er auf das Ius primae noctis, auf die erste Nacht mit allen weiblichen Abhängigen, verzichtet hat, aber privat möchte er es doch gern noch wahrnehmen, mit Susanna, der Verlobten seines Faktotums Figaro.

Gegen Macht und Machtmissbrauch hilft kein Recht, sondern nur die List, also die Intrige. Daraus ergibt sich die Handlung der Oper, die von Takt zu Takt immer unübersichtlicher wird, bis auch Kenner kaum noch durchblicken, geschweige denn die handelnden Personen.

Im Orchester kündigt die Revolution sich schon an: Teodor Currentzis lässt die MusicAeterna, sein Toporchester aus Perm am Ural, grollen und donnern, lässt die Bögen der Streicher über die Saiten rasen, die Naturtrompeten und -hörner dröhnen, die Pauke wirbeln und knallen.

Aufrüttelnd, verstörend, als Fanal: Etwas grundlegend Neues wird kommen.

Currentzis hat seinen «Figaro» 2014 im Studio auf CD eingespielt, Preise dafür bekommen und seine Interpretation hier und da schon konzertant präsentiert; aber auch im KKL Luzern bekommt man eine Ahnung davon, wie die Musik auf die Ersthörer am Ende des 18. Jahrhunderts gewirkt haben muss. Aufrüttelnd, verstörend, als Fanal: Etwas grundlegend Neues wird kommen. In der Musik ist es schon da.

Currentzis muss die Kondition eines Profisportlers haben. In Luzern dirigiert er vier Konzerte hintereinander, und sein Terminplan geht gerade so weiter. Und wie er dirigiert! Er geht in die Knie, bis diese fast den Boden berühren, dreht und wendet sich, tänzelt und stampft mit den Füssen, als brauche das Schlagzeug noch perkussive Nachhilfe, wirft seine Blicke und Handzeichen in den letzten Bühnenwinkel, spielt mit den Sängern.

Und diese spielen mit. Da steht niemand bloss an der Rampe und liefert seine Arie ab. Überhaupt sind ja die meisten Nummern Duette, Terzette und mehr, bis zu neun Personen singen gleichzeitig, ein dramaturgisches und kompositorisches Wunder.

Fast gestresst von den Stimmungswechseln

Dieses herzustellen, als ereigne es sich quasi hier und jetzt zum ersten Mal, erfordert allerhöchste Konzentration. Da klingt kein Takt gleichgültig, keine Note bloss gekonnt, richtig, routiniert. Und diese Konzentration überträgt sich auf den Saal. Überfordert, fast gestresst ist man von den Stimmungswechseln, der exzessiven Dynamik, den raschen und dann wieder extrem gedehnten Tempi, dem Reichtum an raffinierten Details, die man beim einmaligen Hören gar nicht alle erfasst.

Deshalb nur wenige Beispiele. Wie die fabelhafte Maria Shabashova am Hammerklavier vor Figaros höhnischer Militär-Arie den zackigen Marschrhythmus schon vorwegnimmt. Wie Cherubino (Paula Murrihy) aufgeregt und erotisch überreizt in sein «Non so più» hineinrennt.

Wie der allertraurigste Moment des ganzen Abends der kleinen und schon so intriganten Barbarina (Fanie Antonelou) gehört, ihrer Klage über – eine verlorene Nadel! Wie bei Figaro (Alex Esposito) die Revolution ganz persönlich auszubrechen, aufzuplatzen droht. Und wie das Orchester all das, was nicht ausgesprochen werden kann, uns instrumental mitteilt.

Currentzis arbeitet meist nicht mit Sängerstars, sondern mit jüngeren, engagierten Künstlern, die sein Konzept mittragen – neben den schon Genannten in Luzern Andrei Bondarenko (Graf), Ekaterina Scherbachenko (Gräfin) und Olga Kulchynska (Susanna).

Und das Konzept ging auf. Currentzis’ «Figaro» zeigte eine Welt, in der jeder jedem misstraut, in der es so nicht weitergehen kann. Und der man den versöhnlichen Schluss nicht abnehmen würde, wenn es nicht Mozart wäre, der ihn komponiert hat.

Erstellt: 13.09.2019, 12:07 Uhr

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