Wie sah Johann Sebastian Bach wirklich aus?

Eine Ausstellung in Eisenach sortiert echte und falsche Porträts des Komponisten.

Ausdruck der Verehrung: Das Bach-Denkmal in Eisenach. Foto: Bachhaus Eisenach

Ausdruck der Verehrung: Das Bach-Denkmal in Eisenach. Foto: Bachhaus Eisenach

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Eine Fahrt ins thüringische Eisenach, Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs, auf der Suche nach dem beglaubigten, dem echten Bach-Bildnis. Wie sah der Komponist wirklich aus? Wer sich dem perfekt restaurierten alten Bachhaus Eisenach auf dem sanft ansteigenden Frauenplan nähert, sieht ihn erst einmal rechts unter Bäumen lebensgross, in Bronze. Die Statue von Adolf von Donndorf ist ein Ausdruck der Verehrung, ebenso wie das monumentale Bach-Denkmal Carl Ludwig Seffners vor der Thomaskirche in Leipzig, in der Bach begraben liegt.

Eisenach traktiert den Besucher mit lauter Rätseln. Zunächst: Bach wurde gar nicht in dem alten Haus, jetzt Bach-Museum, geboren, wie lange geglaubt, sondern – nur vielleicht – in dem in Sichtweite gelegenen Haus in der heutigen Luthergasse. Und dann erwartet den Besucher der Sonderausstellung des Bachhauses die denkbar grösste Verunsicherung: Da werden so viele «Bilderrätsel» der Bach-Ikonografie präsentiert, dass jedes der hier gezeigten Porträtbilder samt Kopien und Fälschungen als «kleiner Krimi» bezeichnet werden kann, wie Kurator und Bachhausdirektor Jörg Hansen sagt.

«Nur eines dieser Bilder Bachs ist nach heutigem Wissen unzweifelhaft von der lebenden Person gemalt worden», weiss Hansen mit Sicherheit. Dieses Bild des Malers Elias Gottlob Haussmann hängt heute im Alten Rathaus zu Leipzig. Erst bei der Restaurierung im Jahr 1913 hat man die rückwärtige Leinwand entfernt und die Originalsignatur entdeckt: «EG Haussmann pinxit. 1746». Bach hält ein Blatt mit den Noten des sogenannten «Rätselkanons» (BWV 1076) in der Hand, auf dem auch sein Name vermerkt steht.

Kritik an der malerischen «Serienarbeit»

Die Entstehung verdankt dieses «offizielle Amtsbild» dem Beitritt Bachs zur «Sozietät der Musikalischen Wissenschaften» 1747. Haussmann hat damals viele Leipziger Ratsherrn und Bürgermeister porträtiert, so auch Bach, aber an solcher «Serienarbeit» wurde später Kritik geübt: Das Bild zeige kaum «den wahren Gesichtsausdruck Bachs». Aber immerhin, es ist authentisch.

Authentisch, aber nicht unbedingt ähnlich: Johann Sebastian Bach, gemalt von Elias Gottlob Haussmann. Foto: Mauritius Images

Allein schon die bewegte Geschichte des Haussmann-Porträts, das später im Besitz des Bach-Sohns Wilhelm Friedemann in Halle und Berlin war, dessen Restaurierungen und Kopien liessen genügend Spekulationen über Echtheit und bildnerische Details spriessen.

Dagegen weiss man über eines der bekanntesten, in Büchern, auf CDs und Plakaten gedruckten Bilder, das lange als der junge Bach galt, dass es lediglich einen jungen Mann aus der Mitte des 18. Jahrhunderts darstellt. Der Leipziger Musikwissenschaftler Heinrich Besseler hatte es 1956, mit fünf weiteren zweifelhaften Bach-Bildern, kurzerhand für «echt» erklärt, obwohl es schon fünfzig Jahre davor als «unecht» eingestuft worden war: Nichts deute da auf einen Musiker hin, der adrette junge Mann ähnele einem Erfurter Kaufmann, befanden Spezialisten.

«Porträt eines mittelalten Herrn»

Ebenso berühmt, heute eher berüchtigt, ist das «Bach-Porträt» des Malers Johann Jacob Ihle von etwa 1740. Es gehörte, so ist überliefert, zu den Gemälden aus dem alten Bayreuther Schloss, die in einem Bäckerhaus gefunden worden waren. Zur Eröffnung des Eisenacher Bachhauses 1907 wurde es erworben, wo es noch heute hängt. Jedoch «nichts an dem Bild», weiss heute Jörg Hansen, «weist auf Bach oder einen Musiker hin». Der Bildtext heisst jetzt nur noch: Porträt eines mittelalten Herrn.

Dieses Bild von Johann Jacob Ihle von etwa 1740 gilt heute nicht mehr als Bach-Porträt. Es zeigt wahrscheinlich einen unbekannten Adligen aus Bayreuth. Foto: Bachhaus Eisenach

Die Eisenacher Ausstellung zeigt ferner das Ergebnis der Restaurierung des Ihle-Bildes von 1985, eine «gezielte Bildfälschung»: Verändert wurden die Augenlider, Augen, Brauen, Nase und Mund, die Perücke sei ein «wolkiges Gebilde», Knöpfe und Knopflöcher sind verschwunden. «Als Bach-Bild», so Hansen, «vermag es so oder so nicht mehr zu überzeugen.» Vermutlich zeige es einen Bayreuther Hofadeligen.

Trial and error – für die Versuche und Irrtümer sind die Ursachen zu finden bei den Malern, die keine Signaturen und Daten hinterliessen, bei den Bildern, die mit neuer Leinwand und späteren Aufschriften versehen wurden, bei den Besitzern der Gemälde, die liebend gern ihre Träume in Realität zu verwandeln suchten, oder sogar bei den Musikwissenschaftlern, die mit ihren Wünschen Spekulation betrieben haben.

Zuverlässig – oder doch eher nicht?

Es gibt jetzt neue alte Bildspuren in der Bach-Ikonografie: 1985 fand man in Berliner Privatbesitz ein Ölgemälde auf Lindenholz, dessen Stichvorlage bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts als massgebliches Bachbildnis galt, darauf die Bezeichnung «Gebel pinx». Das Gemälde aus dem 18. Jahrhundert soll von dem Dresdner Maler Johann Emanuel Göbel stammen, dessen Schwager der Hofcompositeur Georg Gebel war. Der dargestellte Mann mit rundlichem Gesicht hat ein Notenblatt in der Hand, darauf im Bass-Schlüssel die Noten B-A-C-H. 2015 meinte der Kunsthistoriker Reimar Lacher, das Bild sei «nach dem Leben entstanden». Hier wäre also eine neben dem Haussmann-Bild «zweite und wohl zuverlässigere physiognomische Quelle der Bach-Ikonografie» gefunden worden. Der Bachforscher Christoph Wolf hat dem allerdings neuerdings widersprochen.

Das 1985 entdeckte «Gebel-Bild» stammt aus dem 18. Jahrhundert und wird von manchen Forschern für ein originales Bach-Bild gehalten. Foto: Bachhaus Eisenach

Wie Johann Sebastian Bachs Gesichtszüge wirklich aussahen, bleibt also ungewiss. Überliefert ist immerhin, dass die beiden Bach-Söhne Carl Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann echte Bach-Bildnisse besassen. Sie sind verschwunden.

Dafür bietet die wissenschaftlich fundierte Eisenacher Ausstellung in zwei Räumen im funktional gelungenen neuen Trakt des Bachhauses durchaus auch historisch Bizarres. So die populäre «Porträt-Silhouette» von 1921, noch bis vor kurzem ins 18. Jahrhundert datiert, mit J. S.Bach und seiner ersten Frau Barbara auf Silberfolie hinter Glas. Heinrich Besseler datierte sie auf «vor 1720». Geschaffen hat sie aber der Maler, Radierer und Bildfälscher Reinhold Hanisch, um 1910 ein Malerkumpel eines gewissen Adolf Hitler.

Rekonstruktion eines Gesichts

Zu begutachten ist auch der extravagante Versuch Caroline Wilkinsons von 2008, eine auf Grund der 1894 identifizierten Gebeine erzielte Gesichtsrekonstruktion mit Schädelabguss herzustellen – «die bislang exakteste Rekonstruktion des Aussehens der Person, die heute unter der Grabplatte mit der Aufschrift 'Johann Sebastian Bach' in der Thomaskirche beigesetzt ist».

Diese Rekonstruktion der schottischen Anthropologin Caroline Wilkinsons löste 2008 einige Diskussionen aus. Foto: Keystone

Hingegen stellt ein berühmtes Altersbild mit Allongeperücke und von Krankheit gezeichneten Gesichtszügen, das 1904 von der Neuen Bach-Gesellschaft veröffentlicht wurde, keineswegs Bach dar, wie lange geglaubt wurde. Die Stirn sei, verglichen mit dem Haussmann-Porträt, viel zu hoch, heisst es in Eisenach, und nichts weise den grimmigen Alten als einen Musiker aus. Der grosse Bach-Biograf Albert Schweitzer war 1908 noch voller Bewunderung: «So mag der Thomaskantor in seinen letzten Jahren ausgesehen haben, wenn er das Schulgebäude betrat, in dem irgendein neuer Ärger seiner wartete.»

Ausstellung «Bilderrätsel». Bachhaus Eisenach, bis 10. November.

Erstellt: 29.07.2019, 16:38 Uhr

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