«Wir machen es uns zu kompliziert»

Deniz Uzun ist Ronja Räubertochter in der neuen Kinderoper am Opernhaus. Die Mezzosopranistin findet es ein Leichtes, als Erwachsene ein Mädchen darzustellen.

«Was wirklich ankommt, ist meist das Einfache»: Deniz Uzun im Zürcher Opernhaus. Foto: Reto Oeschger

«Was wirklich ankommt, ist meist das Einfache»: Deniz Uzun im Zürcher Opernhaus. Foto: Reto Oeschger

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Können Sie sich an Ihren ersten Opernbesuch erinnern?
Ich war da wohl vier oder fünf Jahre alt. Meine Mutter hat mich damals jede Woche in die Oper mitgenommen, sie hatte Freikarten. Wir lebten im Frauenhaus in Mannheim, weil sie alleinerziehend und in einer schwierigen Situation war, und dieses Frauenhaus stand gleich neben dem Opernhaus. Sie war aber die Einzige, die das Freikartenangebot auch wirklich genutzt hat.

Da haben Sie aber wohl keine Kinderopern gehört ...
Nein, das war der ganz normale Spielplan. Das erste Stück, das mich beeindruckt hat, war Verdis «Un ballo in mas­chera». Und dann natürlich die «Zauberflöte». Aber es gab nicht nur Oper für mich; meine Mutter hat auch Rammstein gehört oder türkische und balkanische Volksmusik, sie hat mir sehr vieles vermittelt. Madonna und Michael Jackson faszinierten mich von der Darstellung her. Auch MTV war wichtig für mich, ich habe jeweils in einem Pseudoenglisch gesungen, um das zu imitieren.

Was hat Sie denn an der Oper am meisten fasziniert?
Das Ambiente, und dass ich mich chic anziehen durfte. Vom Gesang her war ich sehr wählerisch, da gefielen mir eigentlich nur Maria Callas und Cecilia Bartoli, von denen kannte ich ein paar Aufnahmen. Was ich live gehört hatte, fand ich oft nicht so toll.

Mochten Sie denn Opernstimmen? Kinder reagieren ja oft allergisch auf das Vibrato.
Ich hatte da zwei Phasen: Zunächst einmal haben mich diese grossen Stimmen begeistert. Aber mit zehn Jahren habe ich selbst angefangen zu singen im Kinderchor, da mochte ich plötzlich die ­vibratolosen, quasi instrumentalen Stimmen mehr. Ich habe dann auch selber so gesungen und mir damit viele Steine in den Weg gelegt, weil ich eben eine grosse Stimme habe. Aber ich wollte nun mal wie ein Kind klingen.

Wie singen Sie nun, wenn Sie in einer Kinderoper ein 10-jähriges Mädchen darstellen?
Schon anders als in einer «normalen» Oper. Vor allem in den Dialogen versuche ich, kindlich zu klingen – was auch riskant ist. Es kann der Stimme schaden, wenn man sie verstellt. Und eben: Ich habe nun mal eine grosse Stimme, das kann ich nicht ändern.

Kann eine Figur wie Ronja Räubertochter überhaupt eine Opernstimme haben?
Ich bin nicht mit Ronja aufgewachsen, eher mit Pippi Langstrumpf und den Figuren der Disney-Filme. Ich habe Astrid Lindgrens Buch erst jetzt gelesen, im Hinblick auf diese Aufführung. Aber doch, ich finde schon, dass sie eine Opernheldin sein kann. Ein Mädchen, das sich den Eltern widersetzt, das nicht räubern will und seinen eigenen Weg geht: Das ist doch eine Heldin. Auch wenn sie am Ende nicht an Schwindsucht stirbt.

«Für mich gab es nicht nur Oper. Meine Mutter hat auch Rammstein oder türkische Volksmusik gehört.»Deniz Uzun

Wie schwierig ist es denn schauspielerisch, als 27-Jährige ein Mädchen darzustellen?
Ach, das fällt mir überhaupt nicht schwer, ich fühle mich wie ein Kind! Das ist wirklich das Leichteste. Nein, die Herausforderung ist nur in der Musik, die ist sehr kompliziert. Ich denke manchmal: Entschuldigung, Herr Arnecke, aber so kompliziert muss man für Kinder nun wirklich nicht komponieren. Vielleicht klingt ja dann gar nicht alles kompliziert, aber für uns Sängerinnen ist es schwierig. Es gibt ständige Taktwechsel, dadurch sind wir sehr an die Dirigentin gebunden. Wir müssen dauernd auf sie schauen, damit nichts schiefgeht. Das beeinträchtigt uns dann schauspielerisch.

Das gilt ja für viele der neu komponierten Kinderopern: Man will den Kindern etwas zutrauen, die Stücke sollen nicht simpel sein.
Das ist hier definitiv so, nicht nur musikalisch, auch inhaltlich. Die Aufführung ist ziemlich hart, es ist eigentlich eher eine Jugendoper als eine Kinderoper. Die Regisseurin ist toll, sie geht sehr frei an die Sache heran, auch sehr provokant; ich bin nicht sicher, ob man eine solche Inszenierung den Kindern in der Türkei oder in den USA zeigen würde. Wir mussten im Laufe der Proben auch noch einige Dinge ändern, manches war zu krass. Wir wollen ja niemanden traumatisieren. ­Andererseits leben wir nicht in einer Märchenwelt. Ich finde es gut, wenn auf der Bühne Themen wie Krieg oder Sexualität nicht ausgeblendet werden.

Hätten Sie selbst eine solche Aufführung gemocht als Kind?
Ich glaube schon. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es manchen Kindern nicht gefällt.

Das werden Sie spüren, Kinder reagieren ja sehr direkt.
Ich bin dazu erzogen worden, immer bis zum Ende still sitzen zu bleiben. Und klar, man lernt viel dadurch. Aber für mich ist es auch in Ordnung, wenn jemand geht in der Pause. Oder wenn ein Kind anfängt zu reden, wenn es sich langweilt. Das sind ehrliche Reaktionen, und die sind sehr wichtig. Ich habe früher viel Strassenmusik gemacht, und ich bedaure es, dass ich das in letzter Zeit nicht mehr so oft machen konnte. Wenn man so singt, dass die Leute gar nicht anders können, als stehen zu bleiben und die Einkaufstaschen abzustellen: Da lernt man, was wirklich ankommt.

Was denn?
In meiner Erfahrung ist es meist das Einfache.

Liegt man also falsch, wenn man herausfordernde Kinderopern zeigt? Wenn man anstelle der einstigen «Zauberflöten»-Bearbeitungen auf zeitgenössische Musik und problematische Stoffe setzt?
Es passt in unsere Zeit. Wir machen es uns manchmal zu kompliziert, nicht nur in der Musik. Es fällt uns schwer zu entspannen.

Was wäre entspannend?
Für mich als Kind war es das Grösste, eine schöne Belcanto-Oper zu hören. Belcanto-Opern sind ja irgendwie Märchen, und ich finde, dass die viel zu selten aufgeführt werden. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt auch wirklich gute Kinderopern.

Sie haben etliche gesungen. Welche mochten Sie am liebsten?
Als 11-Jährige habe ich sehr gern die Eule in «Kalif Storch» von Josef Gabriel Rheinberger gesungen, die hatte so schöne orientalische Melodien. Und dann war ich während des Studiums bei einem deutsch-türkischen Stück dabei; «Wüstenwind» hiess das, es wurde von einem holländischen Türken komponiert, Çöl Yüzgari. Da gab es kein Orchester, sondern türkische Instrumente; es kamen wirklich zwei Welten zusammen. Das finde ich schon sehr gut, dass es auch solche Angebote gibt, gerade an Orten, an denen das Thema Migration so wichtig ist. Da kommen auch neue Impulse. Die braucht es in der Opernwelt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2017, 18:54 Uhr

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Die 27-jährige Sängerin stammt aus Mannheim; dort und in den USA hat sie studiert. In der Saison 2015/16 war sie Mitglied im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, danach kam sie als Ensemblemitglied ans Zürcher Opernhaus, wo sie unter anderem als Jacob in der Kinderoper «Gold!», als Sonetka in «Lady Macbeth von Mzensk» und als Alisa in «Lucia di Lammermoor» zu hören war. Nun singt sie die Titelpartie in Jörn Arneckes 2014 uraufgeführter Astrid-Lindgren-Oper «Ronja Räubertochter». Regie führt Marie-Eve Signeyrole, die musikalische Leitung hat Carrie-Ann Matheson. Premiere ist am Samstag, 18. November, um 17 Uhr, weitere Aufführungen gibt es bis 25. April 2018. (suk)

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