«Wir singen 300-mal dieselbe Rolle»

Startenor Piotr Beczala probt derzeit für «Manon» im Zürcher Opernhaus. Ein Gespräch über die langfristige Planung im Opernbetrieb – und die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben.

«Opernsänger sind das Gegenteil von Celebrities»: Piotr Beczala. Foto: Fabienne Andreoli

«Opernsänger sind das Gegenteil von Celebrities»: Piotr Beczala. Foto: Fabienne Andreoli

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Wo werden Sie heute in vier Jahren sein?
In New York, es gibt dann eine grosse Produktion an der Metropolitan Opera. Mehr darf ich dazu noch nicht sagen.

Das heisst, Sie sind bis 2023 ausgebucht?
So ziemlich. Vor allem Neuproduktionen muss man früh planen, weil die viel Zeit für die Proben beanspruchen. Einzelne Liederabende kann man immer noch später reinschmuggeln.

Ist das nicht gruselig, so weit im Voraus zu wissen, was man tun wird?
Doch, schon. Aber es hat sich bei mir ja erst allmählich so entwickelt. Zuerst war ich Ensemble-Sänger hier in Zürich. Dann freischaffender Sänger mit Residenzvertrag. Seit 2006 habe ich nun mit den grossen Theatern zu tun, mit der Met, der Scala, Covent Garden. Das heisst: Erst hatte ich Pläne für zwei Jahre, dann für drei, jetzt eben für vier bis fünf. Man gewöhnt sich daran.

Wie wissen Sie denn, welche Rolle in fünf Jahren die richtige sein wird?
In einer solchen Zeit kann tatsächlich viel passieren, mit der Stimme, in der persönlichen Entwicklung. Damit muss man sich sehr auseinandersetzen, damit man abschätzen kann, wie es weitergehen könnte. Im Moment singe ich zum Beispiel immer noch «La Traviata»; aber ich glaube nicht, dass ich noch einmal unterschreiben würde, wenn ich für eine Neuproduktion für 2024 angefragt würde. Mein Repertoire verändert sich im Moment sehr stark, ich würde gerne mehr «Tosca» machen, 2020 kommt die erste «Aida».

Wie viele Leute diskutieren mit bei Ihren Entscheidungen?
Ich bespreche das natürlich mit meiner Frau, die selbst Sängerin war, mit meiner Agentur, auch mit einigen Kollegen, die für mich Autoritäten sind. Ich gehe sehr wenige Risiken ein.

Haben Sie dennoch schon einmal danebengetippt?
Nicht in dem Sinn, dass ich eine Rolle über- oder unterschätzt hätte. Einmal habe ich beim Einstudieren gemerkt, dass eine Partie uninteressant ist, dass ich die nicht ins Repertoire aufnehmen will. Da bin ich aus dem Vertrag ausgestiegen. Aber das war noch so früh, dass es keine Konsequenzen hatte. Die Aufführung war noch nicht einmal angekündigt.

Den Vertrag für die Zürcher «Manon» haben Sie im Januar 2015 unterzeichnet. Sie wurden als Erster angefragt: Das ist ein Kompliment, nicht?
Sicher. Wobei es hier nicht um abstrakte Hierarchien geht, es gibt ganz praktische Gründe für die Reihenfolge. Man schnappt sich halt zuerst den, der am meisten beschäftigt ist.

Für Sie heisst das auch, dass Sie oft nicht wissen, worauf Sie sich einlassen: Der Dirigent, der Regisseur, die anderen Sänger werden erst später bestimmt.
Man muss Vertrauen haben. Und wissen, wo gute Leute am Werk sind. Schauen Sie, die Opernwelt ist eine kleine Welt. Ich stehe seit 27 Jahren auf der Bühne, seit 13 Jahren bin ich in den Tophäusern, da kenne ich doch fast alle. Und natürlich redet man miteinander. Wenn mich Andreas Homoki anfragt für eine neue Produktion, wenn wir ein paar Stunden gesprochen haben – dann weiss er ungefähr, was mein Geschmack ist, was ich akzeptieren kann, wo es Probleme geben könnte.

Sie erwarten also, dass man sich nach Ihren Vorstellungen richtet?
Nach so vielen Jahren im Geschäft erwarte ich einen gewissen Respekt, ja. Meine Zeit ist kostbar, ich will nicht sechs, sieben Wochen mit einer Aufführung verbringen, die mir keinen Spass macht. Es gibt Grenzen, die ich nicht überschreite. Aber sie sind weitgesteckt: Bisher ist es nur ein Mal vorgekommen, dass ich beinahe aus einer Produktion ausgestiegen wäre, weil ich Mühe hatte mit der Inszenierung. Wir haben uns dann ins Gespräch vertieft, der Regisseur und ich.

Wie ist es nun bei der Zürcher «Manon»? War die Zusage richtig?
Ja, die Proben laufen sehr gut. Und es ist ideal, in diesem Moment des Jahres eine eher lyrische Rolle zu singen. Darauf kommt es ja auch an: Dass man die Saison so plant, dass die Stimme am Ende noch frisch genug ist für die Festivals.

Sie zählen diesen Sommer in Salzburg und Bayreuth zu den Stars. Das war nicht immer so, Sie haben das Etikett Star-tenor relativ spät bekommen.
Das soll ja auch kein Ziel sein! Ich singe nicht, um ein Star zu sein. Ich will nach jeder einzelnen Vorstellung beurteilt werden, von den Leuten, die im Theater sitzen. Wenn gejubelt wird, ganz egal, ob jemand singt oder rülpst auf der Bühne: Dann ist das künstlerisch nicht in Ordnung und auch vollkommen uninteressant.

Aber der Opernbetrieb lebt schon auch von Stars?
Natürlich. Aber nicht ich brauche das Star-Etikett, sondern das Publikum. Die Leute wollen dabei sein, wenn Stars auftreten, die wollen noch ihren Enkeln davon erzählen, dass sie diese Sängerin oder jenen Sänger gehört haben. Aber für mich ist entscheidend, dass die Qualität stimmt. Opernsänger sind keine Celebrities.

Sondern?
Das Gegenteil von Celebrities. Wir müssen sehr viel können, und zwar auf lange Frist. Es reicht nicht, zwei gute Konzerte zu geben oder eine tolle Produktion zu schaffen, wenn danach nichts mehr kommt. Man muss ja nicht so weit gehen wie Placido Domingo, der mit 76 noch eine neue Rolle gelernt hat. Aber man muss doch mit 35 Jahren Karriere rechnen. Wenn ich da nach 10 Jahren schon den Otello singe, was mache ich dann später noch?

Man muss also Versuchungen widerstehen?
Ja. Es gibt diesen Hunger nach Neuem, aber unser Beruf beruht darauf, dass wir 300-mal dieselbe Rolle singen. Man muss dafür sorgen, dass es einem nicht langweilig wird dabei. Für mich ist es spannend, zu sehen, wie sich eine Figur mit der Zeit verändert. Gewisse Entwicklungen blockiere ich auch ganz bewusst; bei wichtigen Rollendebüts – wie dem Lohengrin 2016 – muss alles stimmen: der Zeitpunkt, der Ort, die Konstellation. Natürlich kann man auch in jeder Saison fünf neue Partien anpacken. Aber irgendwann wird einem die Rechnung präsentiert.

Werden Ihnen oft die falschen Rollen angeboten?
Nicht mehr so oft wie früher. Ich bin ja mit vielen Intendanten und Dirigenten im Kontakt; die wissen, in welche Richtung es geht bei mir. Mit Andreas Homoki habe ich schon 2012 erstmals über die «Manon» gesprochen. Aber junge Sänger haben da tatsächlich oft ein Problem. Sie werden nach den ersten Erfolgen überhäuft mit allen möglichen Angeboten. Dann dürfen sie nicht zu oft Nein sagen – doch manchmal müssen sie. Wenn einer 26 ist, gerade den Tamino in Mozarts «Zauberflöte» singt und ein Angebot für Wagners «Tristan» erhält, dann muss er das ausschlagen.

Was auch aus finanziellen Gründen schwierig ist.
Es gab auch bei mir Zeiten, in denen ich jeden Franken zweimal umgedreht habe. Da überlegt man dann: Kaufe ich jetzt ein Auto, oder investiere ich in die Zukunft und nehme privaten Gesangsunterricht? Aber ich war immer überzeugt: Wenn ich wirklich sehr gut bin, wird sich ein passendes Engagement finden.

Was, wenn die Agentur drängt?
Das gibt es tatsächlich, dass manche Agenturen sagen, du machst das – oder du fliegst. Das ist lächerlich. Aber es ist gar nicht so einfach, eine gute Agentur zu finden. Ich war zuerst bei einer kleineren, die mich eigentlich nur begleitet hat. Nach einer Aufführung kamen Angebote rein, die hat man dann aussortiert. Aber sie konnten nichts vorschlagen, sie hatten keine Macht. Jetzt bin ich bei einer grossen Agentur, mit sehr guten Sängern – Anna Netrebko, Thomas Hampson. Da gibt es viel mehr Perspektiven.

Sie singen oft mit Anna Netrebko.
Wir sind gut befreundet, in New York sind wir sogar Nachbarn. Wir reden sehr viel miteinander.

Sie hat eine ganz andere Karriere gemacht als Sie, sie wurde unglaublich gehypt am Anfang. Und musste dann kämpfen, dass sie künstlerisch ernst genommen wurde.
Ja, solche Einstufungen sind gefährlich. Es sieht ja immer alles nett aus, roter Teppich, Champagner. Aber die Realität ist: Probe um zehn Uhr, sechs Stunden am Tag. Dort passiert das Entscheidende, auch für eine Anna Netrebko. Sie gibt unglaublich viel auf der Bühne. Und sie hat ihre musikalische Entwicklung klug gesteuert: Ihre Karriere dauert inzwischen schon doppelt so lang wie jene der Callas.

Was ist das Wichtigste für eine gute, lange Karriere?
Geduld ist sehr wichtig. Aber alle Geduld bringt nichts, wenn das Potenzial nicht da ist. Man kann das mit einem Auto vergleichen: Wenn Sie einen Vierzylindermotor haben, dann nützt alles Tuning nichts. Es braucht schon einen V8 unter der Haube, der läuft am Anfang vielleicht nicht perfekt, man muss ihn pflegen, neue Ventile einbauen ... aber mit Köpfchen. Einfach einen grossen Auspuff montieren und den Wagen tieferlegen, das ist Blödsinn.

Erstellt: 31.03.2019, 17:56 Uhr

Piotr Beczala

Der 1966 geborene polnische Tenor kam 1997 ins Ensemble des Zürcher Opernhauses – und machte dann eine steile Karriere an allen grossen Bühnen. 2018 wurde er mit dem Europäischen Kulturpreis Taurus und dem International Opera Award ausgezeichnet. Er lebt in Zürich, New York und Wien. (suk)

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