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Wenn Hingis mit Alice Schwarzer diskutiert

Eine merkwürdige Runde traf sich in Zürich. Es ging um Freundschaft, Anna Kurnikowa – und die Stasi.

Guido Kalberer
Entspannte Runde: Martina Hingis, Alex Capus, Alice Schwarzer und Wolf Biermann. Foto: Dominique Meienberg
Entspannte Runde: Martina Hingis, Alex Capus, Alice Schwarzer und Wolf Biermann. Foto: Dominique Meienberg

Kurnikowa habe besser ausgesehen, sie aber besser gespielt. Das sagte Martina Hingis auf die Frage, ob es Freundschaften im Spitzentennis überhaupt gebe. Ja, zwei Jahre seien sie eng befreundet gewesen, was ihnen beim Doppel natürlich geholfen habe. Das direkte Gegeneinander sei hingegen eine Belastungsprobe gewesen – nicht zuletzt deshalb, weil «gute Freundinnen die Spielzüge der anderen besser lesen können».

Martina Hingis, ehemaliger Tennisprofi. Foto: Dominique Meienberg
Martina Hingis, ehemaliger Tennisprofi. Foto: Dominique Meienberg

Aber jemanden wie die Russin Anna Sergejewna Kurnikowa an der Seite zu haben (neben den Eltern), sei für sie wichtig gewesen. «Als 17-jährige Frau bin ich 35 bis 40 Wochen jährlich unterwegs gewesen.»

Neugier und Niveau

Auf dem von Martin Meyer geleiteten NZZ-Podium zu «Freundschaft – Glück und Wahl» war die ehemalige Schweizer Tennisspielerin, die vier Jahre lang die Nummer eins war, die bekannteste der illustren Runde: Neben dem Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann sassen die Feministin Alice Schwarzer und der Autor Alex Capus auf der Bühne des Schauspielhauses.

Alex Capus, Autor. Foto: Dominique Meienberg
Alex Capus, Autor. Foto: Dominique Meienberg

Eigentlich eine unmögliche, ja zum Scheitern verurteilte Zusammensetzung. Aber es kam anders: Die beiden Frauen und die beiden Männer haben sich nicht nur freundschaftlich, sondern neugierig aufeinander eingelassen, ohne es an Niveau fehlen zu lassen.

Zum Glück brauchts Feinde

Wolf Biermann, ein grosser Erzähler, blickte auf seine prägende Zeit in der DDR zurück. Mit «zärtlicher Bitterkeit» musste er damals feststellen, dass es auch falsche Freunde gebe. Darum habe er sich immer wieder «zerfreundet», denn zum Glücklichksein, so seine Erkenntnis, brauche es auch Feinde.

Im Übrigen solle man es sich nicht zu einfach machen: «Die Stasi-Leute waren nicht alle Schweine, so wie nicht alle Schweine Stasi-Leute waren.» So viel Differenzierung musste dann schon sein an diesem harmonischen Abend.

Alice Schwarzer, Journalistin und Publizistin. Foto: Dominique Meienberg
Alice Schwarzer, Journalistin und Publizistin. Foto: Dominique Meienberg

Nur Alice Schwarzer und Alex Capus gerieten sich ein wenig in die Haare, als es darum ging, ob Frauen oder Männer die Kunst der Freundschaft besser beherrschten. Die «Emma»-Herausgeberin hielt Männer für «freundschaftsfähiger», weil sie sich nach einem verbalen oder körperlichen Streit einfach wieder zusammenrauften und ein Bier trinken gingen. Frauen hingegen seien verletzlicher und «leichter zu verunsichern». Freundschaften mit Männern habe sie stets als schwierig erlebt. Denn als klar wurde, dass sie nicht «verfügbar» sei, hätten sie sich entfernt.

«Jungs begegnen Frauen heute weniger sexbezogen als früher.»

Alex Capus, Schriftsteller

Alex Capus hielt dagegen, dass gerade die von Schwarzer wesentlich initiierte Emanzipationsbewegung zu einer Verhaltensänderung geführt habe. Der Vater von fünf Söhnen will eine Entspannung zwischen den Geschlechtern erkannt haben. «Jungs begegnen heute Frauen anders als früher», also nicht mehr so sexbezogen.

Wolf Biermann, Liedermacher und Lyriker. Foto: Dominique Meienberg
Wolf Biermann, Liedermacher und Lyriker. Foto: Dominique Meienberg

Mehr Sorgen macht dem Autor und Beizenbesitzer, dass es heutzutage immer mehr fragmentierte Freundschaften gebe: Mit dem einen mache ich das, mit der anderen das – je nach Funktion wähle man aus. Diesen «Zweidrittel- oder Dreiviertel-Freundschaften» hielt Capus das romantische Ideal der ganzheitlichen Beziehung entgegen. Nicht auf Facebook finde diese ihre Bühne, sondern in der guten alten Kneipe.

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