«Könnte ich nicht mehr schreiben, würde ich wieder Drogen nehmen»

T. C. Boyles neuer Roman dreht sich um LSD und spielt auch in Basel. Ein Gespräch über Wut, Rausch und Ignoranz. Und über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft.

«Es fühlt sich fast an wie ein Bürgerkrieg», sagt T.C. Boyle über die gesellschaftliche Polarisierung in den USA. Video: Mischa Hauswirth / Tamedia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Boyle, haben Sie den «Bicycle Day» – die Velofahrt von LSD-Erfinder Albert Hofmann – in Basel nachgestellt?
Nein. Ich liebe die Geschichte, und es gibt ja Tausende von Berichten darüber. Mir gefiel die Idee, die Velofahrt aus der Perspektive der Assistentin von Hofmann zu erzählen. Es ist ja fast eine Art Märchen. Deshalb habe ich sie auch vom Rest des Buches abgetrennt; als eine Art Vorgeschichte.

Was war der Ausgangspunkt für Ihr Buch? LSD oder Timothy Leary, der Drogenguru?
Ich wollte immer mal was über den «Bicycle Day» schreiben. Es war mir nur nicht klar, in welchem Zusammenhang. Es hätte auch eine Kurzgeschichte werden können ... Ich dachte dann eine Weile nicht mehr daran, bis ich vor sechs Jahren oder so hörte, LSD sei wieder im Aufschwung; und zwar in seiner ersten, der ursprünglichen Form: um in der Psychotherapie verwendet zu werden, um die ganzen Abwehrmechanismen zu entschärfen, die wir haben. Leary ist für mich nur ein Ausgangspunkt. Er interessierte mich weniger als vielmehr die Frage, wie das LSD seinen Weg aus den Labors in die Gesellschaft fand.

Hätte LSD wirklich diese augenöffnende Wunderdroge werden können, wenn Leary und seine Leute nicht die Kontrolle darüber verloren hätten?
Hm. Es ist schwer, Geschichte anders zu denken. Es ist, wie es ist. Aber Sie werden bemerkt haben, dass am Anfang, in den 60ern, der Wunsch da war, richtig harte Drogen zu nehmen wie Heroin oder LSD, um wirklich weit weg zu gehen in den Trips. Und dann wachten wir Hippies auf und begannen, den Konsum etwas zu dosieren. Schliesslich landeten wir bei Kokain, weil wir dachten: Das ist sicher! Man zieht ein paar Linien, geht heim, geht ins Bett. Doch so funktionierte es nicht. Aber LSD hat sicher einen grossen Teil der Kunst, der Musik dieser Zeit inspiriert.

Die Absichten zu Beginn waren redlich: Diese Professoren wollten etwas entdecken, um in den Geist der Menschen, der Patienten vorzudringen. Das ist nicht per se zu verurteilen, oder?
Nein. Und jetzt sind wir ja wieder da. Die Droge wird wieder klinisch angewendet. So hätte es immer sein sollen. Aber sie ist eben auch sehr verführerisch.

War das Leary und seinen Freunden bewusst?
Ahhhh. (zögert) Was mich hier wirklich interessiert: Macht LSD es möglich, Gott zu sehen? Stimmt es, dass LSD diese Kraft hat? Wenn ja, dann ist Gott bloss eine Erfindung, nichts anderes als eine Stimulation von Nervenzellen. Ein Teil des Materials, das ich für dieses Buch gelesen habe, behauptet, dass alle Religionen auf Kults oder Sekten zurückgehen, die mit irgendwelchen bewusstseinserweiternden Substanzen gearbeitet haben.

«Kunst ist wie ein Affe auf der Schulter. Sie kann befreien.»

Das schreiben Sie im Buch auch. Sie zitieren sich gerade eben selber.
Korrekt. Im Grunde geht es doch in all meinen Büchern darum: Gibt es einen Weg, unsere fünf Sinne zu erweitern? Wir haben diesen Kontrollmechanismus, der es uns erlaubt, hier zusammenzusitzen und miteinander zu reden. Wir filtern dabei alles. Mein Hund würde jetzt hier sitzen und die Welt ganz anders wahrnehmen. Für ihn ist alles Geruch. Er würde einen anderen Hund drei Strassen weiter wahrnehmen können. Ich bin Materialist. Ich glaube nur an das, was ich sehen, hören, berühren kann. Aber es gibt viel mehr als das. Ist LSD ein Weg, das zu ergründen?

Es gibt am Ende des Buches eine Szene frühmorgens auf einem See. Ein starkes Naturerlebnis. Ist dies Ihre Art, dem Leser zu sagen: «Ihr braucht all dieses Drogenzeug gar nicht!»
Nein. Gar nicht.

Ich habe Sie falsch interpretiert.
Nein, das stimmt auch nicht. Ich sage dem Leser gar nichts. Ich kreiere Fiktion, ein Kunstwerk, frei für Sie zu interpretieren, wie Sie wollen. Ich könnte jetzt eine Dissertation darüber schreiben, was ich damit meine. Doch das ist nicht fair. Nicht fair dem Leser gegenüber. Denn das ist das Schöne an einem Buch: Es ist interaktiv. Die Geschichte entwickelt sich, während ich schreibe. Und ich schreibe ohne eine These oder eine Art Skript. – Sie wissen bestimmt, dass ich mit Drogen experimentierte?

Ja, das hab ich gelesen.
Ich nahm Heroin, versuchte LSD, aber ich hatte damals auch nichts anderes im Leben. Ich war wütend. Die Opiumsucht innerhalb der Arbeiterklasse der USA heutzutage rührt auch daher. Diese Leute sind verzweifelt, sie haben nichts zu tun. Würden Sie mir sagen: «Ab morgen dürfen Sie nicht mehr schreiben!», dann würde ich hingehen und wieder Drogen nehmen. In meinem Fall, und das mag jetzt kitschig klingen, war es so, dass ich das Schreiben entdeckte und so von den Drogen wegkam.

Weil Sie ein Ziel hatten?
Nach 9000 Nächten bis zum Abwinken in einer Bar dachte ich mir: Vielleicht gibts doch noch was anderes im Leben? Ich reichte eine Geschichte ein, sie wurde publiziert, da schrieb ich mich in diesem Iowa-Writers-Workshop ein, und ich ging nach Westen. Ich war zum ersten Mal westlich des Hudson River. Es war eine Art Demarkationslinie: Sie brachte mich weg von der New Yorker Drogenszene. Ich war in Iowa, 25 Jahre alt, ein bisschen erwachsen, und das ersetzte mir alles andere.

Sie mögen das jetzt kitschig nennen: Aber kann nicht auch ein gutes Buch bewusstseinserweiternd wirken?
Selbstverständlich. Kunst ist wie ein Affe auf der Schulter. Sie kann befreien. Wenn ich am Schreiben bin, verliere ich mich, es ist ein Rausch. Es ist wie Heroin spritzen. Und am nächsten Tag sind Sie süchtig. Und Sie suchen diesen Rausch wieder und wieder. So ist es für mich.

Deshalb sind Sie so produktiv.
Ja, vermutlich. Es ist mein Vergnügen. Mir wurde schon oft vorgeschlagen, für den Film zu arbeiten. Was soll ich da? Mehr Geld machen? Wofür? Ich brauche nicht mehr Geld. Ich schreibe auch nie mit der Überlegung im Kopf, ob sich das jetzt gut verkaufen wird oder nicht.

«Wir alle sind Diener der Grossfirmen, die alles kontrollieren.»

Holen wir ein bisschen weiter aus: Warum grassiert in der amerikanischen Gesellschaft der Drogenkonsum?
Wir können es noch genereller machen: Warum brauchen wir alle Drogen – oder Alkohol? Weil unser Bewusstsein so bedrückend ist. Wir müssen dem entfliehen. Speziell in unserer ständig eingestöpselten Gesellschaft. Wie viele Menschen haben noch Naturerlebnisse? Gehen Sie raus, ziehen Sie die Stöpsel aus den Ohren! Riechen Sie mal, wie gut es duftet.

Somit sind Städter empfänglicher für Drogen als Menschen auf dem Land?
Nein, so ist es nicht. Wenn Sie die Zahlen in den USA anschauen, grassieren die Drogen auf dem Land derzeit sogar stärker.

Weshalb?
Wegen der Langeweile, wegen der Perspektivlosigkeit. Dann fängt man an zu trinken oder nimmt Drogen.

Hat dieselbe Zukunftslosigkeit zu Donald Trumpals Präsidenten geführt?
Absolut. Ja. Und die Propaganda. Unsere Arbeiterschicht hat limitierten Zugang zu Nachrichtenquellen und ist einfach zu manipulieren. Ich kann mir erlauben, so zu reden, weil ich, im Gegensatz zur Intelligenzija, auch aus der Arbeiterklasse komme. Ich war der Erste unserer Familie, der je ein College besucht hat. Ich kenne diese Menschen und respektiere sie. Aber sie wählen entgegen ihren besten Absichten. Sie stimmen gegen Healthcare – dabei sind sie es, die Healthcare brauchen.

Was mich beschäftigt, ist der Bruch in der amerikanischen Gesellschaft. Man hört einander nicht mehr zu.
Da haben Sie recht. Ich bin ganz schlecht darin, Politik vorherzusagen. Ich war hier vor den Wahlen 2016 und sagte, dieser Clown werde nie gewählt werden. Am Tag nach der Wahl wollte die Presse wissen, was meine Reaktion sei. Und ich sagte: «Ich bin das Problem!»

Sie? Warum?
Weil es keinen gemeinsamen Boden mehr gibt. Die andere Seite glaubt an die Kontrolle der Grossfirmen. Daran, dass wir gemolken werden dürfen. Ich glaube an die Rechte der Frauen, an Umweltschutz, an öffentliche Schulen. Schauen Sie sich mal an, wer im Weissen Haus für Erziehung verantwortlich ist! Betsy DeVos. Eine Milliardärin, die ihr ganzes Leben der Verneinung von Public Education gewidmet hat. Ich sehe diesen gemeinsamen Boden nicht.

Wie hält man diese Zweiteilung des Landes aus?
Es fühlt sich fast wie ein Bürgerkrieg an. Und egal ob Liberale oder Konservative: Wir alle sind Diener der Grossfirmen, die alles kontrollieren. Das ist das Problem. Denn diesen Firmen sind die schmelzenden Polkappen egal. Alles, was sie inte­ressiert, sind die nächsten Quartalszahlen.

Ist Literatur eine Waffe gegen all das?
Ja. Jede Art von Kunst und Bildung ist eine Waffe, weil es Ignoranz war, die Donald Trump zur Wahl verhalf.

T. C. Boyle: Das Licht. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2019. 380 S., ca. 36 Fr.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.02.2019, 17:57 Uhr

Punker, Junkie, Künstler

Thomas Coraghessan Boyle (*1948) wuchs nahe New York als Sohn eines Busfahrers und einer Sekretärin auf. Boyle versuchte sich als Punk-­Musiker und nahm harte Drogen. Erst nach der Aufnahme in den Writer’s Workshop der Universität von Iowa wendete sich sein Leben zum Besseren. Zu Boyles Lehrern gehörten unter anderem John Irving und John Cheever. (mw)

Boyles beste Bücher

«Wassermusik» (Originalaus­gabe 1982). Entdeckergeschichte um den Afrikaforscher Mungo Park, seinen schwarzen Begleiter Johnson und den Emporkömmling Ned Rise.

«World’s End» (1987). Von den ersten Siedlern an der Ostküste bis ins Jahr 1968. Klug aus­gedacht, elegant verknüpft.

«Willkommen in Welville» (1993). Kellogg’s Cornflakes kennen alle. Aber wer war John Harvey Kellogg? Boyle belebt eine historische Figur.

«América» (1995). Illegale mexikanische Einwandererin Südkalifornien. Rassistische Weisse. Auch eine Mauer kommt darin vor.

«Hart auf Hart» (2015). Ein junger Amerikaner wird zum bewaffneten Einzelkämpfer und Mörder. Geschichte einer Radikalisierung. (mw)

Artikel zum Thema

LSD, Marihuana, Alkohol, Pilzli

T. C. Boyles neuster Roman «Das Licht» handelt von viel Drogen, Ausbruch und Lebenslügen. Auch Basel und Bottmingen sind Schauplätze. Mehr...

Schöne neue Hölle

Acht Versuchspersonen betreten eine künstliche Biosphäre: In seinem neuen Roman denkt T. C. Boyle ein reales Experiment aus den 90er-Jahren zu Ende. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Geldblog So streng ist der PK-Vorbezug limitiert
Outdoor Bremst du noch oder stehst du schon?

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Eingewickelt in Bananenblätter: Ein «Schlammmensch» nimmt auf den Philippinen am Taong Putik Festival teil. (24. Juni 2019)
(Bild: Ezra Acayan) Mehr...