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Völlig unbequem, aber umwerfend schön

Die eleganten Raumskulpturen von Leonor Antunes werden im Haus Konstruktiv und in der Fondation Beyeler ausgestellt.

Leonor Antunes erweist mit ihrer Möbelkunst der mexikanischen Designerin Clara Porset die Referenz: Blick ins Museum Haus Konstruktiv. Foto: Nick Ash
Leonor Antunes erweist mit ihrer Möbelkunst der mexikanischen Designerin Clara Porset die Referenz: Blick ins Museum Haus Konstruktiv. Foto: Nick Ash

Mit ihren kunstvollen Wandelementen und möbelartigen Objekten verwandelt die Portugiesin Leonor Antunes Hallen und Säle in zauberhafte, offene Räume. Die oft bis zur Decke reichenden Installationen und die locker im Raum verteilten Skulpturen beziehen sich meist auf modernistisches Möbeldesign, wie es von Clara Porset in Mexiko, Charlotte Perriand in Frankreich oder Franca Helg in Italien entworfen wurde.

Antunes’ Werke, die aus Holz, Metall, Textil, Gummi und Papier hergestellt sind, überzeugen durch einen handwerklichen Feinschliff, der seinesgleichen sucht. Die 1972 in Lissabon geborene und in Berlin lebende Künstlerin arbeitet, wenn sie nicht selbst als Weberin oder Schneiderin tätig ist, mit spezialisierten Handwerkern zusammen, die Einzelstücke von herausragender Qualität herstellen.

Leonor Antunes, Gewinnerin des Zurich Art Price 2019. Foto: Nick Ash
Leonor Antunes, Gewinnerin des Zurich Art Price 2019. Foto: Nick Ash

Letztes Jahr wurde die Künstlerin für ihre Installation «The Last Days in Galliate» in der riesigen Shedhalle des Pirelli-Hangars Bicocca in Mailand von der italienischen Kunstkritik gefeiert. Das vielstimmige und durchlässige Raumkunstwerk, das an einen lichten Wald gemahnt, ist gegenwärtig in der Fondation Beyeler zu sehen. Dort ist es der Höhepunkt einer von Theodora Vischer kuratierten Gruppenausstellung mit dem Titel «Resonating Spaces».

In den «Last Days in Galliate» – der Titel bezieht sich auf den Ort bei Mailand, wo sich die Designerin Franca Helg (1920–1989) am Schluss ihres Lebens aufhielt – bewegen sich die Besucher in einem Raumkontinuum, das von einer transparenten Wand aus schwarz-weiss-goldenen Papierbahnen und vier verschiedenartigen Skulpturen geprägt ist. Neben hohen Stelzen aus dunklem Holz, die vom Boden bis zur Decke reichen, hängen löffelartige Objekte aus Weidengeflecht und gebogene Rohre aus Messing, die an Blasmusikinstrumente erinnern. Dazu verharren spiralförmig Kabel, die von grauem Stoff eingefasst sind, in einem labilen Gleichgewicht.

Raumansicht von der Fondation Beyeler, wo Leonor Antunes' Installation «The Last Days in Galliate» ausgestellt ist. Foto: Stefan Altenburger
Raumansicht von der Fondation Beyeler, wo Leonor Antunes' Installation «The Last Days in Galliate» ausgestellt ist. Foto: Stefan Altenburger

Alles in allem ergibt sich so ein Gesamtkunstwerk, das mit seinen natürlichen Materialien und Farben, seinen Dehnungen und Streckungen und seinen surreal wirkenden Formen (die mehr oder weniger stark an Entwürfe von Franca Helg erinnern) eine derart verführerische Kraft entwickelt, dass man den Saal kaum mehr verlassen möchte.

Zu Kunstwerken geronnene Möbel

Leonor Antunes wurde letztes Jahr mit dem Zurich Art Prize ausgezeichnet, der nicht von der Stadt Zürich, sondern von der Versicherung gleichen Namens verliehen wird und mit 100’000 Franken dotiert ist. Davon gehen 20’000 Franken an die Künstlerin, während 80’000 Franken im Sinne eines Institutionensponsorings dem Haus Konstruktiv zugute kommen. Das Museum zeigt in zwei grossen Räumen Antunes’ Skulpturen, die einem wie zu Kunstwerken geronnene Möbel vorkommen.

Warum? Weil die Möbel im Laufe einer aufwendigen künstlerischen Recherche all ihre Funktionalität verloren haben. Auch wenn zwischen gebogenen und sorgsam geschliffenen, geölten Holzrahmen, die in jeder bürgerlichen Wohnstube eine gute Figur abgeben würden, professionelle Webarbeiten aus Binsen aufgespannt sind. Auf diesen Objekten kann niemand mehr sitzen oder liegen.

Hommage an Charlotte Perriand: Blick in die Ausstellung des Museums Haus Konstruktiv. Foto: Nick Ash
Hommage an Charlotte Perriand: Blick in die Ausstellung des Museums Haus Konstruktiv. Foto: Nick Ash

Im oberen Saal beziehen sich Antunes’ Arbeiten auf das Industriedesign der Möbel und Lampen der Französin Charlotte Perriand (1903–1999), die zurzeit mit einer umfassenden Ausstellung im Museum der Fondation Louis Vuitton in Paris gefeiert wird. Von Perriand, die eng mit Le Corbusier zusammengearbeitet hat und mit ihm und Pierre Jeanneret auch die berühmt gewordene Le-Corbusier-Liege entwarf, übernimmt Antunes die charakteristischen Biegungen ihrer meist aus Metall geformten Möbel- und Lampenentwürfe.

Im Erdgeschoss erinnern die Objekte an die Stühle und Liegen von Clara Porset, einer bedeutenden mexikanischen Designerin des 20. Jahrhunderts, die von 1895 bis 1981 lebte. Für Antunes, die ihre Spurensuche in der Designgeschichte auch als ein feministisches Projekt versteht, sind insbesondere Porsets Rattanmöbel von Interesse. Sie macht aus deren nützlichen Möbeln gestische Skulpturen.

Die Ausstellung im Haus Konstruktiv in Zürich dauert bis zum 12. Januar, jene in der Fondation Beyeler in Riehen bis zum 26. Januar.

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