Kubismus, hinreissend dynamisch

Elan und Kraft, Flugzeuge und Eiffeltürme, die zum Himmel stürmen: Das Kunsthaus Zürich zeigt eine grosse Retrospektive zum Werk Robert Delaunays.

Eines von Delaunays Lieblingsmotiven: «La tour Eiffel et jardin du Champs-de-Mars».

Eines von Delaunays Lieblingsmotiven: «La tour Eiffel et jardin du Champs-de-Mars». Bild: Lee Stalsworth

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Durch den gotischen Säulenwald dringen Lichtstrahlen in den Kirchenchor, die prismatisch gebrochen werden. Auf dem Boden zeigen sich dreieckige Schatten neben zerstückelten Farbfetzen, sodass man den Eindruck bekommt, ein frisch gepflügtes Feld vor sich zu haben. Der Ruhelosigkeit der Kreuzrippengewölbe oben an der Decke entspricht das aufs Schönste. Hier, in der Kirche St-Séverin in Paris, löste sich der 24-jährige Robert Delaunay (1885–1941) vom Einfluss Paul Cézannes – und wandte sich dem Kubismus zu.

Mit dem Kirchenmotiv aus der Frühzeit des Malers steigt Simonette Fraquelli, Gastkuratorin im Kunsthaus Zürich, ein in eine chronologisch aufgebaute Ausstellung über Robert Delaunay und Paris. Gewissermassen als Vorspeise wird den Besuchern zuvor eine riesige Stadtkarte serviert, auf der das Jagdrevier des Malers markiert ist: Im Zentrum stehen Tour Eiffel, Champs de Mars, Palais de Tokyo und eben die Kirche St-Séverin. Zudem gewährt hier schon im Foyer ein Fenster in der Ausstellungsarchitektur einen Blick auf das abstrakte Spätwerk des Malers.

Wie Windräder

Die farbenfrohen «Formes circulaires» von 1930 – das monumentale Gemälde befindet sich im Besitz des Kunsthauses Zürich – hängen im letzten Raum und scheinen sich wie mächtige Windräder zu drehen. Das Bild steht in scharfem Kontrast zu den Frühwerken, in denen sich der Autodidakt aus aristokratischem Haus als impressionistischer Porträtmaler versuchte. Und dennoch, die grossen Kleckse, die sich über das Gesicht des «Jean Metzinger» (1906) wie Mosaiksteine verbreiten, passen farblich wunderbar zu den bunten Zirkeln des Spätwerks.

Nun schlüpfen wir aber hinein in den abgedunkelten ersten Raum der Ausstellung. Wie in einer Art Delaunay-Kapelle hängen fünf mit Spots erleuchtete Gemälde in der Kirche St-Séverin. Sie zeugen von den formalen Exerzitien, denen sich der Maler unterwarf, bevor er sich an die epochalen Eiffelturmbilder wagte. Dann treten wir ins Helle und stehen vor dem berühmten, 1911 entstandenen Eiffelturm aus der Sammlung des Guggenheim-Museums, das diese Ausstellung überaus grosszügig mit Leihgaben versorgte. Übrigens: Das Kunstmuseum Basel hat seine Delaunays nicht nach Zürich ausgeliehen. Sie seien zu fragil für den Transport, erfahren wir auf Anfrage.

Hoch ragt sie auf, diese babylonische Setzung, diese Ikone der Moderne, dieser Inbegriff französischen Fortschritts: Unter dem Pinsel Delaunays scheint der Eiffelturm im Moment, in dem er sich aufrichtet, auch schon wieder zu zerfallen. Aber halt! Zeigt der Maler, der letztlich alles andere als ein Fortschrittsfeind war, den Turm nicht vielmehr dabei, wie er sich aufrichtet, wie er sich durch die Wolken in den Himmel hinaufkämpft? Und wie er bei dem himmelstürmenden Kraftakt, heute würde man wohl von einem «Transformer» sprechen, gleich noch die umliegenden Häuser zur Seite drängt?

Quirlige Farbetüden

Jedenfalls sehen wir, wie hinreissend dynamisch Kubismus sein kann. Weil Delaunay immer mehrere Bilder vom selben Motiv malte und wir in einer Ausstellung sind, die sehr grosszügig aus der ganzen Welt Bilder nach Zürich einfliegen konnte, sehen wir gleich fünf dieser dekonstruierten und sich zugleich rekonstruierenden Türme. Im nächsten Raum des Rundgangs erblicken wir dann eine Serie von kubistischen Farbkompositionen. Delaunay nannte sie «Les fenêtres simultanées». Guillaume Appollinaire erkannte inihnen einen malerischen «Orphismus».

Kuratorin Fraquelli arrangiert die Bilder in Gruppen und nutzt die Kleinserien als Kraftmoment für die Ausstellung. Nach den grün-blau-gelben Farbspektren der Simultanfenster beginnen sich Delaunays Bilder zu drehen. Als Zeitzeuge von Louis Blériots Flugversuchen, die ja 1909 darin gipfelten, dass der Flugpionier als erster Mensch mit einem Flugzeug den Ärmelkanal überquerte, malte Delaunay bunte Rotoren. Machte seine Bilder zu quirligen Farbetüden, in denen zu Schemen geronnene Figuren erkennbar sind: Menschen, Flugzeuge am Boden und in der Luft, der Eiffelturm. Auch hier geht es, wie schon in den Fensterbildern, um Simultaneität in der Darstellung. So sieht man in der «Hommage à Blériot» (1914, eine Leihgabe des Musée de Grenoble) das Flugzeug am Boden, in der Luft und zugleich auch noch die Aussicht auf den Eiffelturm.

Basel hat seine Delaunays nicht an Zürich ausgeliehen. Sie seien zu fragil für den Transport.

In den Umkreis dieser 1913 und 1914 entstandenen Rotorbilder, die später den Futuristen so sehr gefielen, gehört die phänomenale «Disque» von 1913. Das Gemälde hat aus der Basler Esther-Grether-Familiensammlung den Weg nach Zürich gefunden. Das Bild, das in den 50er-Jahren in Jasper Johns’ «Target»-Bildern seine Wiederauferstehung feiern sollte, ist im Grunde nichts anderes als eine abstrakte Farbkomposition in einem gevierteilten Kreis, an Abstraktheit nicht zu überbieten und insofern mit der Radikalität eines schwarzen Quadrats zur vergleichen, wie es Malewitsch 1915 malte.

«Disque» bezeichnet den einsamen Höhepunkt eines Werkes, das in der Zwischenkriegszeit an Intensität und Spannung enorm verlieren sollte, was natürlich auch auf die Ausstellung abfärbt. Die Kuratorin hält mit kulturhistorischem Beiwerk dagegen, zeigt Film- und Fotoaufnahmen aus der Zeit. Führt Delaunays nachkubistische Eiffeltürme vor, die zwar grossflächig sind, aber nur ein Abklatsch ihrer kraftvollen Vorläufer. Macht mit den ungelenken Frauenporträts des Malers bekannt und zeigt zwei seiner Sportbilder, die leider nur wenig Dynamik aufweisen.

Delaunay hielt sich in der Zwischenkriegszeit mit Porträts über Wasser, schuf viel Auftragskunst, versuchte sich in grafischen Arbeiten und bediente sich in eklektizistischer Manier seiner Motive aus der Vorkriegszeit. Man muss das nicht unbedingt gesehen haben. Was der Maler vor dem Ersten Weltkrieg schuf, sollte man sich jedoch nicht entgehen lassen.

«Robert Delaunay und Paris», Kunsthaus Zürich. Bis 18.11.

Erstellt: 05.09.2018, 14:34 Uhr

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