Künstler sind Kannibalen

Der irische Schriftsteller John Banville zählt weder das Nettsein noch das Engagiertsein zu seinen Aufgaben. Den Humor allerdings schon.

«Lieber wäre ich Komponist», bekennt der Schriftsteller John Banville. Foto: Sabina Bobst

«Lieber wäre ich Komponist», bekennt der Schriftsteller John Banville. Foto: Sabina Bobst

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Philip Roth hätte nie lautstark verkünden sollen, dass er mit dem Schreiben aufhöre, erklärt der 72-jährige irische Romancier John Banville: «Schreiben ist doch eine lebenslange Passion. Solche Ansagen schaden bloss der Zunft und ihrer Aura!» Und er erinnert an Henry James, der im Delirium auf dem Sterbebett, nach zwei Schlaganfällen, seine Hand noch bewegte, als schriebe er. So sehe echte Berufung aus; die könne man nicht einfach sein lassen. Aber in John Banvilles todernstem, todbeleidigtem Ton lauern Schalk und Selbstironie.

Der Benjamin Black, ja, der habe das mit dem Schreiben als Brotjob kapiert. Auch wenn dieser Black leider dennoch nicht genug verdiene für sein Alter Ego, spottet Banville: Er selbst erfand Black und nutzt den Namen als Pseudonym für seine Kriminalromane. Er, Banville, selbst dagegen sei schlicht zu manisch und zu besessen für einen derart pragmatischen Zugang. Detailbeobachtung und Detailbeschreibung seien seine Obsession. Freude am Dialog jedoch, an Plot und Personengetriebenheit habe er erst allmählich entdeckt – und auch eine ungewohnte Leichtigkeit des Schreibens. Man müsse sich Black als den glücklicheren Autor vorstellen: «Es macht sicher mehr Spass, als Banville zu sein.»

Einspruch der Ehefrau

Vom Nebentisch hört man ein amüsiertes Prusten. Es ist Banvilles Begleiterin, Mutter von zweien seiner vier Kinder. «Es war für meine Partnerinnen wohl schon ein wenig so, als lebten sie mit einem Mörder zusammen», vermutet John Banville. Die soignierte Lady nebenan verharrt nur ganz kurz, ehe sie nachtritt: «Es ist schlimmer, wenn er nicht schreibt, als wenn er schreibt!» Denn dann nehme jeweils seine Obsession im Haushalt überhand. Nur als die Kinder klein gewesen seien, habe ihm der Alltag mit seinen Ablenkungen und Anforderungen gutgetan, als Ausgleich. Es sei eine gute Zeit gewesen – auch wenn einmal die Sozialarbeiterin vorbeigeschaut und sich über den vergitterten und gedeckelten Laufstall aufgeregt habe.

Die beiden haben sich warmgeplaudert, zeigen Fotos von den Enkeln, vom Bordercollie und werfen sich die Anekdoten aus einem langen Künstler- und Zusammenleben zu. Der Knicks vor Henry James etwa: Das habe ja kommen müssen, stichelt sie und verteidigt ihre geliebte George Eliot. Er, Banville, der Demut erklärtermassen «nicht im Sortiment» hat, rümpft seine schmale Nase. Und bedauert, dass man in der Ära von Twitter und Handyfilmchen nicht mehr ungestraft der süssesten Sünde eines Schriftstellers frönen könne, ohne erwischt zu werden – nämlich der, hemmungslos über andere Literaten zu schnöden. Dann schnödet er trotzdem: George Eliots «Middlemarch» sei doch ein fetter, ausgebeulter Roman.

John Banville nennt Henry James als wichtigsten Einfluss. Er liess es sich nicht nehmen, 2017 eine Fortsetzung zu James’ Meisterwerk «The Portrait of a Lady» vorzulegen: «Mrs Osmond». Der virtuose Stilist von der Grünen Insel gibt die moralische Entscheidungsschlacht der jamesschen Heldin quasi als begnadeter Bauchredner wieder und schreibt sie fort. Doch «Mrs Osmond» ist kein Abklatsch, sondern, wie der «Guardian» schwärmt, ein bemerkenswerter eigenständiger Roman.

Verjüngung durch Eros?

In der Schweiz besucht der Autor die Literaturfestivals mit dem nun übersetzten Roman «Die blaue Gitarre», der 2015 auf Englisch erschien. Im Mai war er in Solothurn, am 2. Juli gibt er den Auftakt am Open-Air-Literaturfestival Zürich. Das Buch ist ein Banville-Klassiker: Ein gealterter, ausgebrannter, stilverliebter und gnadenlos narzisstischer Künstler mit kleptomanischen Anwandlungen tröstet sich damit, einem Freund die junge Frau zu klauen – für gelegentliche Schäferstündchen. Doch die Verjüngung durch den Eros geschieht nicht. Am Schluss realisiert er, dass er selber längst der Gehörnte und Abgehängte ist.

Sympathisch ist er nicht, der Banville-­typische Antiheld, der auch über den Tod seiner dreijährigen Tochter einst seltsam gepanzert hinwegrollte. Künstler sind Diebe und die Kunst, wie der Protagonist formuliert, eine alles verschlingende Boa constrictor. «Aber Nettsein ist nicht die Aufgabe des Künstlers», sagt Banville. «Künstler sind Kannibalen – und ungeliebte Propheten. Schliesslich legen sie die menschliche Natur offen: ihre Kälte.» Die Figuren seien aus dem Leben geschöpft, und eine jede sei auch Teil von ihm selbst – was sonst? «Originalität habe ich nie angestrebt», konstatiert sein kaputter Maler im Finale von «Die blaue Gitarre», bevor er in glücklicher Kindheitserinnerung versinkt.

Man-Booker- und Kafka-Preis

Das Verweben von melancholischer Gegenwart mit Erinnerungen an bessere Tage (und scharfsichtige Selbstreflexionen) zeichnete schon «Die See» aus: Für das fiktionale Witwer-Tagebuch erhielt Banville 2005 den lang erwarteten Man Booker Prize. Ein anderer Preis, der ihm sehr am Herzen liegt von den zahlreichen und renommierten, die er bekam, ist der Kafka-Preis von 2011. Mit dem Prager Autor ringe er seit seiner Jugend. Dass 2018 der Nobelpreis ausfällt, findet Banville – dessen Name man auch für diese Ehrung schon in die Runde geworfen hat – unerhört. «Es ist schwer genug, für die Literatur Aufmerksamkeit zu generieren! Jetzt beschädigt man den Preis, indem man ihn absagt. Das bringts nicht. Klar, für die Schweden ist es hart, die sind keine Skandale gewohnt, nicht wie wir Iren. Aber da müssen sie durch.»

Dass Irland wirtschaftlich arg unten durch musste, hätten auch die Schriftsteller zu spüren gekriegt. Zehn Jahre habe Irland Party gemacht, dann kam die Krise. Nun auch noch das Brexit-Desaster. Doch als Kafka-infizierter Autor habe er nicht die Aufgabe, sich über Moral, Politik und gesellschaftliche Anliegen wie Abtreibung oder Homo-Ehe auszulassen. «Was ich tun kann: Romane in die Welt bringen. That’s it. Lieber wäre ich Komponist.» Als Schriftsteller und langjähriger Literaturredaktor spielt er leicht­händig mit den Formen.

«Bis allen der Kopf schwirrt»

Das Faktische fasziniert ihn, er schrieb anhand von Dokumenten einen grossartigen Schlüsselroman über einen ehemaligen MI5-Spion («Der Unberührbare»), verfasste eine Trilogie über Kepler, Kopernikus und Newton. Aber er bezauberte auch mit einer komödiantisch-romanesken Kleistiade («Unendlichkeiten»). Genau, Kleist liebt der elegante, freundliche kleine Mann, der lesend und schreibend seinem engen irischen Geburtsstädtchen Wexford entfloh. Dies beschreibt er im Memoirenband «Times Pieces», in den er, wie er im Gespräch erzählt, «wie im Schlaf hineinwandelte»: Es war ein Zufallsprodukt, angestossen durch einen Fotofund, durch den Banville jenes Dublin kennen lernte, das er als Kind bloss selten besuchen durfte. Und der Band seinerseits ist ihm eine Anregung für die angedachte Autobiografie, in der alles «nur fast stimmt». John Banville will «trumpisch die Wahrheit verdrehen, bis allen der Kopf schwirrt».

Derzeit aber arbeitet er an einer Fernsehfassung von «Der Unberührbare» und plant ein neues Buch – von Banville, nicht von Black. Für sein hiesiges «Blaue Gitarre»-Publikum hat der Autor übrigens einen Tipp: «Kauft allesamt zwei Exemplare!»

John Banville: Die blaue Gitarre. Aus dem Englischen von Christa Schuenke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 351 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2018, 18:17 Uhr

Weltliteratur in Zürich

Lesungen unter freiem Himmel

Literatur Festival Zürich vom 2. bis 8. Juli im Alten Botanischen Garten

John Banville, Irland, 2. Juli, 20.30 Uhr

Sofi Oksanen, Finnland, 3. Juli, 20.30 Uhr

Rebecca Solnit, USA, 4. Juli, 20 Uhr

Clemens J. Setz, Österreich, 5. Juli, 20 Uhr

Irvine Welsh, Schottland, 6. Juli, 19.30 Uhr

Carolin Emcke, Deutschland, im Gespräch mit Teju Cole, USA, 7. Juli, 20 Uhr

Patti Basler, Renato Kaiser, Knackeboul, Lisa Christ, Jens Nielsen – die Schweizer Spoken-Word-Szene, 8. Juli, 20 Uhr.


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