«KI? Da können wir uns entspannt zurücklehnen»

Computer werden dumm bleiben, sagt der Politologe Robert Feustel. Doch ein Technikfeind ist er nicht. Im Gegenteil.

Hat wohl wieder einen Witz verschluckt: Data aus der Science-Fiction-Serie «Star Trek». Foto: Getty Images

Hat wohl wieder einen Witz verschluckt: Data aus der Science-Fiction-Serie «Star Trek». Foto: Getty Images

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Herr Feustel, ist Tesla-Chef Elon Musk ein Visionär oder eine Nervensäge?
Der kann schon nerven, aber genauso genervt bin ich von den Apokalyptikern, die zielen mit ihren Horrorvorstellungen ja auch auf ein göttliches Werk. Bei denen ist es einfach die Zerstörung der Menschen durch die Maschinen, während man auf der utopischen Seite von der Neuschaffung des Menschen als digitale Apparatur träumt. Beides ist überdreht und enthält eine religiöse Spur.

Sie sind doch nicht etwa ein Technikfeind?
Nein, im Gegenteil. Mir fällt aber auf, dass man heute die Krisen des Neoliberalismus kitten möchte, indem man einfach die Digitalisierung darüberlegt. In Deutschland will FDP-Chef Christian Lindner die Probleme des Klimawandels dank technischen Erfindungen lösen. Politische Restriktionen, etwa zur Verminderung des CO2-Ausstosses, braucht es da gar nicht mehr. Dieser Gedanke ist aber naiv. Weil entpolitisierend.

Auch mit digitalen Mitteln kann man ja niemals alle Probleme lösen.
Trotzdem beobachte ich in den Diskussionen oft, dass man sich insbesondere von der künstlichen Intelligenz genau das verspricht. Das hat durchaus eine religiöse Komponente. Wenn man die Geschichte der Information nacherzählt, kommt irgendwann die Vorstellung auf, man sei in der Unterscheidung von 0 und 1 auf eine Art Ursubstanz gestossen, auf eine einzige Differenz, von der sich alles ableiten lässt. Und der binäre Code produziert ja auch eine sehr hohe Komplexität. Aber wenn dabei so etwas wie eine Letztbegründung herauskommt, landet man beim religiösen Glauben.

 «Beispiel Überwachungswahn: Da tun Menschen Menschen etwas an, das ist nicht das Werk von Computern.»Robert Feustel

Ist die Popkultur auch deshalb so fasziniert von der künstlichen Intelligenz?
Klar, in «Star Trek» gibt es den Androiden Data, an dem die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz sehr schlau durchgespielt werden. Diese KI rechnet wahnsinnig schnell, aber sobald Zwischentöne wie Ironie und Sarkasmus ins Spiel kommen, begreift sie schlicht nichts mehr. Ich finde es plausibel, dass wir einmal genau solche Apparate haben werden. Es kommt nicht bald die KI, die gescheiter ist als der Mensch, da können wir uns meiner Meinung nach sehr entspannt zurücklehnen.

Nur liest man ständig irgendwo davon, dass bald ein Supercomputer den Turing-Test bestehen wird, wir also nicht mehr feststellen können, ob wir es mit menschlicher oder künstlicher Intelligenz zu tun haben, wenn wir diesen Computer bedienen.
Seit 1948 geht dieser Test durch die Gegend, und seither versuchen alle möglichen Ingenieure, eine Maschine zu bauen, die ihn endlich besteht. Bis heute ist es nicht gelungen. Es gibt auch seit den 50er-Jahren Hochrechnungen, wie lange es noch dauern wird, und lustigerweise heisst es immer: «In fünf bis zehn Jahren.» Allerdings ...

Allerdings?
Es könnte ja sein, dass ein Computer es eines Tages schafft, uns vorzugaukeln, dass er Ironie versteht. Dann stellt sich die Frage: Ist der Unterschied zwischen Ironie und der Simulation von Ironie überhaupt noch erkennbar? Dann müsste man wieder zum Metaphysiker werden.

Wie die HBO-Serie «Westworld» zeigt: Es ist vor allem furchtbar anstrengend, wenn man ständig raten muss, wer Mensch und wer Maschine ist.
Die war zum Teil auch richtig schlecht, nicht? Aber eigentlich interessant, weil sie zeitgemässe Fantasien auf zwei Seiten hin bedient: Einerseits werden die Roboter in diesem Western-Themenpark mit einem Unbewussten ausgestattet und so vermenschlicht, dass man sie nicht mehr von Menschen unterscheiden kann. Anderseits können die menschlichen Figuren dank Upload als digitale Arrangements weiterleben, sozusagen vom Mensch zum Chip werden.

Eindeutig ein Roboter. Oder? Figur in der Fernsehserie «Westworld». Bild: John P. Johnson/HBO.

Dazu passt dieser Satz aus Ihrem Buch «Am Anfang war die Information»: «Während es üblicherweise heisst, dass die Rechner bald denken und selbst lernen, sind wir eher dabei, das Denken in die Niederungen des Prozessierens zu verabschieden.»
Ja, wir stellen uns das Denken als schlichte Rechenoperation vor. In der Debatte um Digitalisierung beruhen sowohl Hoffnung wie Angstvision auf dem Bild vom Menschen als Rechenmaschine. Wenn ich annehme, dass sich die Maschinen die Menschen unterjochen können, gehe ich davon aus, dass es eine Schnittstelle gibt, über die sich der Mensch mit Computern verkabeln und kontrollieren lässt. Ähnlich denken die Propheten des Digitalen. Würden alle zugeben, dass die Sache komplizierter ist, würden die Fantasien unkonkret. Beispiel Überwachungswahn: Da tun Menschen Menschen etwas an, das ist nicht das Werk von Computern.

Der Mensch wird also auf ein Informationssystem reduziert. Beobachten Sie das auch im Alltag?
Wenn die Leute über ihre Arbeit reden, verwenden sie auffällig oft Ausdrücke wie «Mein Arbeitsspeicher ist voll» oder «Ich muss mal die Pausentaste drücken». Zeitgemäss ist auch die Fetischisierung des Gehirns, wo man vergisst, dass es noch einen Körper gibt, der sich nicht immer kontrollieren lässt. Wir konzentrieren uns auf das, was sich als Information prozessieren lässt, und das hat dann ganz reale Folgewirkungen.

Zum Beispiel?
Wenn US-Präsident Trump einen Tweet absetzt, wird dieser unabhängig von seinem Wahrheitsgehalt ins Mediensystem eingespiesen. Allerlei Gerüchte und Lügen werden heute erst einmal als Informationen prozessiert. Man kann das gut sehen, wenn Trump über den Handelskrieg mit China twittert, dann brechen dort immer gleich die Aktienkurse ein. Sobald sich dann herausstellt, dass ein Tweet nicht der Wahrheit entsprach, ist es zu spät, der Effekt wurde bereits erzielt.

Haben die Medien also auch das Denken verabschiedet?
Die Medien sind ähnlich wie die Börsen bestimmt von einer zirkulären Zeit. Das heisst, dass wir heute Erwartungen an die Zukunft haben, die wiederum die Gegenwart beeinflussen. Wie im Aktienmarkt, wo auf die Zukunft gewettet wird, sodass die Unterscheidung zwischen Jetzt und Später praktisch aufgehoben wird. Ich nenne das Systemzeit, da es wie beim Rechner kein Vorher und Nachher mehr gibt. Es geht jetzt nur noch um den Prozessdurchlauf im System. Wir mäandrieren uns in Systemzuständen vorwärts, um es blumig auszudrücken.

Braucht es also eine Vorstellung vom Tod? Werden Ingenieure einmal einen Computer bauen, der weiss, dass er stirbt?
Maschinen sterben ja nicht, sie gehen kaputt. Und wie will man so etwas wie den Verfall des menschlichen Körpers auf einen Computer übertragen? Sollte es irgendwann möglich sein, Gedächtnisinhalte auf eine Festplatte hochzuladen, käme dort auch etwas ganz anderes dabei heraus. Schliesslich sind Erinnerungen etwas wesentlich anderes als einfach nur gespeicherte Daten.

Erstellt: 23.06.2019, 17:11 Uhr

Robert Feustel




Robert Feustel ist Politikwissenschafter und arbeitet heute im Fachbereich Wissenssoziologie und Gesellschaftstheorie am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Foto: PD

Das Buch

Robert Feustel: Am Anfang war die Information. Digitalisierung als Religion. Verbrecher-Verlag, Berlin 2019. 200 S., ca. 22 Fr.

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