Kürzer, brutaler, lustiger

In der Schweiz wuchs in den letzten Jahren eine junge Comedyszene. Dank ihr wird bald niemand mehr fragen, ob Schweizer – oder Frauen – lustig sein können.

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Stand-up ist der härteste Bühnenjob der Welt: ein Mann, ein Witz, ein Publikum. Manchmal ist es auch eine Frau. Funktioniert die Pointe, detoniert im Zuschauerraum Euphorie. Wenn nicht, kann der Komiker im Schweigen dem gestreckten Galopp seines Herzens lauschen. «Bombing» heisst das im Fachjargon, doch diese Gefahr ist heute Abend bei «Comedy in der Zukunft» gering. Auf der von einer Patina aus Discoschweiss und verschüttetem Bier gebeizten Bühne referiert der Zukkihund die nächtlichen Dialoge zwischen seiner Blase und dem Gehirn. Sonst eine Figur auf Facebook, steht sein Herrchen, der Zürcher Grafiker Rafi Hazera, heute in Fleisch und Blut vor seinen Fans. Und die werfen sich weg.

Hazera ist nicht nur Moderator und Clubmaskottchen in Personalunion, er gehört auch zu den Initianten der Comedyabende. Seit drei Jahren organisiert er sie monatlich, zusammen mit Guy Landolt und Herr Richiger sowie neu nun auch Yonni Meyer alias Pony M. Sie steht kurz darauf ebenfalls im Lichtkegel, beschattet mit den Händen die Augen, linst in den Saal und führt zurück in die Hölle des Turnunterrichts, damals in der Primarschule. Das Schweissaroma der Garderoben, die pelzigen Beläge der dicken Matten, weinende Kinder beim Bocksprung, entnervte Turnlehrer. Mit ein bisschen Fantasie lässt sich die Turnstundennummer als Allegorie lesen auf das, was hier gerade im Moment passiert: In der Schweiz formiert sich eine neue Comedyszene. Nicht in grossen Turnhallen, sondern in Clubs, wo Stand-ups zum Gaudi eines ausgelassenen Publikums auf der Bühne herumturnen und hoffen, dass sie beim Bocksprung nicht stolpern. Inzwischen gibt es solche Comedyabende im Club auch in Bern, Basel und Luzern.

Früher gab es Cabaret, und manchmal war es politisch. Ein Mann, Komikerinnen gab es kaum, stellte sich auf eine Kleinkunstbühne und erzählte eine mehr oder weniger lange, mehr oder weniger lustige Geschichte. Dann kam Comedy nach angelsächsischem Vorbild: kürzer, brutaler, pointenreicher. Die neuen Vorbilder waren auf Netflix, Youtube oder Comedy Central zu sehen. Und weil nicht jeder gleich mit einem abendfüllenden Programm loslegen kann, sind Mixed Shows für junge Komiker essenziell. Hier können sie Dinge ausprobieren und dabei auch mal scheitern. Die meisten angelsächsischen Stars entwickelten ihre Kunst so, auf kleinen Bühnen, im stetigen Ausprobieren – wobei Versagen zur Ausbildung gehört.

Jungs pissen in Gläser

Heute gibt es diese Bühnen, sei es beim Poetry-Slam, in den sozialen Medien oder eben in Comedyclubs. Heute hört man auch nur noch selten die Frage, ob Schweizer Humor haben und, wenn ja, ob er lustig sei. Sie ist etwa ähnlich ergiebig wie jene, ob Frauen lustig sein können. Die US-Komikerin Tina Fey hat sie in ihrem Buch «Bossy Pants» definitiv beantwortet – und gleich auch den Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Humor definiert: «Normalerweise beantworte ich die Frage so diplomatisch und langweilig, dass der Frager mir davonläuft. (…) Aber hier die Antwort: Es gibt einen Unterschied zwischen Comedyschreibern, und ich werde ihn jetzt preisgeben: Männer urinieren in ihren Büros in Tassen. Manchmal auch Gläser. Und stellen sie dann aufs Bücherregal.»

Der zurzeit bedeutendste Schweizer Komikexport ist mit Hazel Brugger eine junge Frau, bei der niemand die Frage überhaupt wagen würde, ob sie witzig sei. Ihre ersten Bühnenversuche machte Brugger in der Slamszene, die sich als Talentpool für angehende Komiker entpuppt hat. Mittlerweile ist sie Teil der monatlichen deutschen Satiresendung «Die Anstalt» im ZDF. Auch Gabriel Vetter begann als Poetry-Slammer, gewann von Anfang an jeden Wettbewerb, machte eine Radioshow und eine Miniserie fürs Schweizer Fernsehen. Gerade hat er sein erstes abendfüllendes Programm als Stand-up erarbeitet und auf verschiedenen Bühnen der Schweiz getestet. Darin erzählt er vom heiligen Ernst seines eineinhalbjährigen Sohnes beim Sortieren der Shampooflaschen und von Störchen, die ausgerechnet auf schwedischen Abtreibungskliniken nisten. Im Herbst wird er damit auf Tour gehen.

Vorbilder motivieren Nachahmer, das beobachtet auch Guy Landolt. Der ehemalige Banker steht seit zwanzig Jahren auf Comedybühnen in der Schweiz und in Deutschland und erläutert, wie sich das Umfeld für Komiker verändert hat: «Früher waren Komiker ein Wurmfortsatz des ganzen Kleinkunstkuchens. Heute wächst die Szene organisch, die Leute beginnen früher und lernen zielgerichteter.» Hat ein Slammer oder ein Liedermacher oder ein Performancekünstler komisches Talent, findet er heute eine Szene, die ihm Know-how und einfache Auftrittsmöglichkeiten bietet. Manchmal sogar einen Mentor für handwerkliche Tipps.

Vor zehn Jahren machte sich Gabriel Vetter gern darüber lustig, dass das Höchste, was ein Komiker in der Schweiz erreichen könne, eine Tournee mit dem Circus Knie sei. Doch in diesen zehn Jahren ist einiges geschehen. Heute füllen Comedyacts wie Divertimento das Hallenstadion gleich zweimal, auch Fabian Unteregger spielt mit seinem Bühnenprogramm «Doktorspiele» vor ausverkauften Rängen. Er hat sich vom Stimmenimitator zum ausgereiften Stand-up entwickelt, mit passgenauen und perfekt getimten Pointen, dazu ist er ein begabter Musiker. Wenn er Moritz Leuenberger als Virtuose lang gezogener Äääähs oder den blumig zarten Stephan Eicher in seiner imaginären Arztpraxis auf den Behandlungsstuhl bittet, gibt es kein Halten mehr im Saal. Doch hinter dem leichtfüssigen Programm steckt minutiöse Arbeit, eine musikalische Ausbildung unter anderem an der Jazzschule Zürich und Analysen von Stand-ups in den USA und England. Auch er war schon verschiedentlich bei «Comedy in der Zukunft» zu Gast. Zuerst um sein Programm vor Publikum zu testen, inzwischen als Stargast.

Auch Müslüm hat es mittlerweile vom Telefonscherzkasper und Musiker zu einer eigenen Fernsehsendung gebracht, ebenso der Luzerner Dominic Deville. Der Autor, Punkrocker und Ex-Kindergärtner mit Hang zu krawalligem Irrsinn wird mit «Deville» demnächst ebenfalls seine eigene Late-Night-Comedy auf SRF bekommen. Auch er punktete mit seinem ADHS-Humor vor allem bei einem jüngeren, angelsächsisch orientierten Publikum. International erregte er erstmals Aufsehen mit seinem Angebot, als unheimlicher Clown Kinder zu erschrecken. Das führte auf dem Portal Jezebel zur schönen Schlagzeile: «Progressive Erziehung: Engagieren Sie einen unheimlichen Clown, um ihr Kind zu stalken.»

Von Facebook auf die Bühne

Welche Entwicklung das Genre in der Schweiz gemacht hat, lässt sich auch auf der Angebotsseite ablesen. Es entstehen neue Veranstaltungsorte, im Februar hat mit dem Comedy-Haus in Zürich eine neue Kleinbühne für Stand-up eröffnet, «Comedy in der Zukunft» ist bereits eine Institution. Nach kleinen Anfängen mit Auftritten von Freunden aus dem persönlichen Umfeld kommen heute Acts aus der ganzen Schweiz, auch grosse Namen, die bereits etabliert sind. Sie spielen hier für wenig Geld, weil sie das Ambiente mögen und weil man sich in der Comedyszene kennt. «Don’t forget your history», sang Bob Marley, und das gilt auch bei den Comedians.

Yonni Meyer und Rafi Hazera sind nicht vom Slam her gekommen, sondern haben ihren Weg zum Stand-up von den sozialen Medien her gemacht. Im April 2012 begann Hazera seine Zukkihund-Comics zu kreieren, zuerst privat für Freunde, bereits ein Jahr später ging er damit auf die Bühne und erlebte, was die meisten am Anfang erleben: «Ich war eine Katastrophe. Aber die Leute haben mitgemacht und es lustig gefunden.» Seine Facebook-Existenz erwies sich dabei als höchst nützliches Werkzeug. Nicht nur hatte er sich dort bereits eine Fangemeinde aufgebaut – was von unüberschätzbarem Wert ist für jeden Komiker. Denn erstens sind die Fans dankbar, den Zukkihund endlich als Menschen sehen zu dürfen, zweitens wissen sie bereits, dass sie ihn lustig finden, und warten nur darauf, seine Pointen mit Lachen zu belohnen – auch wenn er nur einen annehmbaren anstatt den besten Witz aller Zeiten gemacht hat. Aber so kann er sich entspannen und Anlauf holen für richtig gute Witze. Und drittens weiss Hazera bereits, welche Gags dem Publikum besser gefallen und welche weniger.

Dasselbe berichtet auch Yonni Meyer: «Ich begann privat zu schreiben, erst Kolumnen auf Facebook, dann ein Buch, dann gab ich Lesungen und merkte, wie viel mir diese Bühnenpräsenz bedeutete.» Den ersten Auftritt als Stand-up hatte sie letzten Mai, sie war furchtbar nervös, aber dank der sozialen Medien weiss sie bereits, was ihrem Publikum gefällt, und dieses freut sich, sie leibhaftig zu sehen. Meyer liefert ihren Fans, was sie von ihr haben möchten, und die danken es ihr mit tobendem Applaus – selbst wenn sie die Themen schon kennen. Denn es ist doch ein Unterschied, etwas im Netz zu lesen oder live vorgetragen zu bekommen, noch dazu in greifbarer Nähe.

Und so steht sie im Bierdunst auf der Bühne der Zukunft und lächelt in den Zuschauerraum, der genug Lärm macht, um den Galopp ihres Herzens ganz zu vergessen.

Das Pony hat die Hürde genommen. Bomben ist heute Abend nicht angesagt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2016, 23:29 Uhr

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Hazel Brugger.

Fabian Unteregger.

Yonni Meyer.

Gabriel Vetter.

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