Kunst zwischen Fun und Politik

Niemand hat mehr Macht im Kunstbetrieb als Hito Steyerl.

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Sie ist also der mächtigste Mensch im Kunstbetrieb – und zwar exakt seit gestern, 00.01 Uhr, seit das britische Kunstmagazin «Art Review» wieder mal seine jährliche «Power 100»-Liste online gestellt hat: Hito Steyerl.

Hito wer?, fragt sich seither alles, denn tatsächlich gehört die 51-jährige Münchnerin mit japanischen Wurzeln zu jener Sorte Kreativer, die zwar dem Kunstnerd ein anerkennendes Nicken abringen, beim Laienpublikum aber unterm Radar durchfliegen. Was eigentlich verblüffend ist, wenn man bedenkt, dass die Frau in den letzten Jahren überall ausgestellt hat, wo das Kunstvolk in Scharen hinpilgerte: An der Gigaschau Documenta XII war sie ebenso dabei wie an den Skulptur-Projekten in Münster, wo sie eine Rauminstallation mit dem schönen Titel «HellYeahWeFuckDie» einrichtete. Man sass da auf betonharten Bänkchen und sah sich Videos an, in denen Roboter von Menschen geplagt wurden. Die Venedig-Biennale hat Steyerl sogar schon 2015 abgehakt – und den deutschen Pavillon in eine Mischung aus Chill-out-Zone und Game-Keller verwandelt.

Das ist visuell so verquer, wie es klingt. Was natürlich gewollt ist und daher rührt, dass die Steyerl sich lustvoll zwischen Film und bildender Kunst, zwischen Fun und Politik, zwischen Manga und Minimal Art treiben lässt, frei nach dem Motto «Nimm von allem ein bisschen, und lege dich bloss nicht fest». Wer will, darf hier die Denkräume der promovierten Philosophin verorten, die seit 2010 Professorin an der Universität der Künste in Berlin ist. Vor allem aber entstehen so bitterbös-lustige Spielwiesen für eine Gesellschaft mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Pop-ups.

Mit Steyerl hat nicht nur der erste Künstler das Treppchen erklommen – sondern auch die erste Frau.

Und es kommt noch dicker. Zeitgenössische Kunst, sagte Steyerl unlängst dem «Guardian», werde da möglich, wo neoliberales Kapital, das Internet und eine immer krassere Lohnungleichheit zusammenkämen; Spekulation, Steuerflucht und Geldwäsche spielten auch eine Rolle. Autsch!

Bei den «Power 100»-Experten scheint sie damit einen Nerv getroffen zu haben – jedenfalls begründeten sie Steyerls Wahl zur neuen Nummer 1 damit, dass sie aktiv daran arbeite, besagte Verstrickungen aufzulösen.

Und so rangiert nun also erstmals seit Bestehen der «Power 100», also seit 2002, eine kunstschaffende Person an deren Spitze. Zuvor waren es Galeristen, Sammler, Mäzene (oder, wenns hoch kam, Museumsleute oder Ausstellungsmacher). Die Produktion vorne: Das ist ein Statement. Oder, um es mit den Worten von «Art Review»-Herausgeber Oliver Basciano zu sagen: eine Rückversicherung, dass es neben der Macht des Geldes eben auch die intellektuelle, aktivistische Macht gebe. Und eine feministische obendrein: Mit Hito Steyerl hat nämlich nicht nur der erste Künstler das Treppchen erklommen – sondern auch die erste Frau. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2017, 19:02 Uhr

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