Jetzt geht es dem traditionellen Geschichtsbuch an den Kragen

In der Shedhalle Zürich zeigen zwölf internationale Künstler, wie die neuen Medien Geschichtsschreibung manipulieren und ergänzen. Eine kluge, sperrige Schau.

«Ich war’s. Tagebuch 1900–1990»: In einer wandgrossen Arbeit übernimmt Daniela Comani die Verantwortung für 365 historische Ereignisse.

«Ich war’s. Tagebuch 1900–1990»: In einer wandgrossen Arbeit übernimmt Daniela Comani die Verantwortung für 365 historische Ereignisse. Bild: PD, Pro Litteris, Zürich 2010

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Zwei aschblonde Zwillingsbuben sitzen auf dem Rücken eines fliegenden Storches. Der Vogel – Schnabel voran und mit gestrecktem Hals – droht in einer furiosen Szene mit seiner menschlichen Fracht vom Himmel zu stürzen. Schnitt.

Die Bildsequenz aus dem Abenteuerfilm «The Two Who Stole the Moon» zeigt knallbuntes Kinderkino aus den Sechzigerjahren. In den Hauptrollen: Lech und Jaroslaw Kaczynski. Sie lesen richtig, Kaczynski. Den alten Spielfilm mit dem Kinderstar und nachmaligen, bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückten polnischen Präsidenten Lech Kaczynski hat der Schweizer Künstler Christoph Draeger ausgegraben und in eine vielschichtige Filminstallation eingebaut.

Information wird zu Spekulation

Und so sitzt man denn in einem Flugzeugsessel in der Shedhalle, während Bilder von Wrackteilen, von schematisierten Anflugschneisen, von aufgewühlten Anwohnern und ernst dreinblickenden Journalisten pausenlos auf einen niederprasseln. Draeger führt mit gefundenem Filmmaterial und mit Einschüben aus zahlreichen TV-News den Overkill von globaler und medialer Berichterstattung vor Augen.

Dass Lech Kaczynski, seine Ehefrau und 94 ranghohe Passagiere ausgerechnet auf dem Weg zur Gedenkfeier für die 20'000 im Auftrag Stalins im Jahre 1940 ermordeten polnischen Offiziere im Wald von Katyn abstürzten, lässt Erinnerungen, aber auch Verschwörungstheorien hochkommen. Sabotage. Racheakt. Verschwundene Leichen. Jeder gibt einen persönlichen Kommentar vor laufender Kamera ab. Information wird zu Spekulation, ungefiltert, oft auch unreflektiert.

Politische und virulente Fragen

«Durch die Anhäufung von Daten ist heute alles sehr kompliziert geworden. Man kriegt alles zu sehen und versteht doch vieles nicht», sagt Kuratorin Yvonne Volkart, die zusammen mit Anke Hoffmann in der klugen, sperrigen Schau «Überblendungen – Das Zukünftige rekonstruieren» Geschichtsschreibung, Kunst und neue Medien auf einen Nenner bringt. «Die Vorstellung von Geschichte als einer grossen Wahrheit im linearen Fluss bahnbrechender Ereignisse ist nicht nur verdächtig geworden, sondern erscheint vor dem Hintergrund vernetzter Medien als nicht mehr zeitgemäss», lautet ihre These. Mit anderen Worten: Dem traditionellen Geschichtsbuch geht es an den Kragen.

Das zeigt auch Daniela Comanis wandfüllende Arbeit. Vom ersten bis zum letzten Tag des Jahres dekliniert sie 365 historische Ereignisse durch. 1. Januar: «Ich habe in Berlin die kommunistische Partei Deutschlands gegründet.» 31. Dezember: «Während einer Silvesterfeier fliehe ich aus Kuba. Damit endet mein Regime.» Indem die Künstlerin historische Ereignisse in der Ich-Form aufnotiert, führt sie die Geschichten von Helden, Opfern und Tätern ad absurdum und fragt nach der Verantwortlichkeit des Einzelnen in Krieg und Katastrophen. Eine hoch politische und virulente Frage – immer noch.

Austauschbare Protagonisten

Nach der Vorlage von kollektiv gespeicherten Pressebildern lässt das Künstlerpaar Hofmann & Lindholm Laienschauspieler auf vier Grossprojektionen deutsche Geschichte re-inszenieren. Das in Zeitlupe gedrehte Re-Enactment etwa von Willy Brandts Kniefall in Warschau (1970) oder von Gorbatschows Besuch auf dem Bonner Rathaus-Balkon kurz vor dem Mauerfall (1989) macht deutlich, wie austauschbar die Protagonisten auf der politischen Weltbühne sind. Ein bildstarkes, humoristisches Memento über das Zustandekommen der Fotografie als Zeitdokument.

Neue Medien manipulieren nicht nur, sie ergänzen die Geschichtsschreibung. Uriel Orlovs poetische Videorecherche über eine armenische Geisterstadt, Karen Geyers berührende Audioinstallation erlebter Judengeschichte in Zürich und ein als digitalisiertes Game aufbereitetes Selbstmordattentat der Gruppe Knowbotic-Research fordern auf künstlerisch überzeugende Art die Notwendigkeit des historischen Gedächtnisses ein.

Auch wenn sich in der Shedhalle nicht alle Arbeiten restlos erschliessen lassen – etwa die okkulte Zeichnungsinstallation «Hexen 2039» von Suzanne Treister –, so thematisiert die Schau letztlich ein wichtiges und zeitloses Anliegen: Nur wer Geschichte aufarbeitet, kann Gegenwart verstehen und Zukunft gestalten.

Ausstellung bis 23. 12. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2010, 20:01 Uhr

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