9/11 – das letzte Tabu der Kunst

Zum zehnte Mal jährt sich der Terroranschlag von 9/11. Die Kunstszene liefert erstaunlich wenig zu diesem historischen Ereignis. Eine einzelne Fotografie allerdings verstört nach wie vor.

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Eigentlich kennt die Kunst keine Tabus. Ob Sex, Religion, Gewalt – alles, was schockiert, aufrüttelt und zum Nachdenken animiert, wird künstlerisch verarbeitet, diskutiert und analysiert. Denn oft ist es gerade die Kunst, die es schafft, mit ihren Mitteln Themen anzugehen, die man mit Worten nicht beschreiben kann.

Ausserdem, so sind sich viele Kunstkritiker einig, hat die Kunst auch die Pflicht, das Andenken an historische Ereignisse wachzuhalten. Wie zum Beispiel im Fall des Terroranschlags vom 11. September. Doch statt dem Kollektiv-Trauma mithilfe der Kunst ein Gesicht zu geben und die Ohnmacht künstlerisch zu dokumentieren, gehen viele Künstler zögerlich mit dem Thema 9/11 um.

Künstlerische Schweinereien an der Uni

Erstaunlich, denn normalerweise kennt die Kunst keine Grenzen. Legendär ist etwa die «Uni-Ferkelei» der Wiener Aktivisten, die am 7. Juni 1968 zur Veranstaltung «Kunst und Revolution» luden und dann verschiedene Körperaktionen durchführten. So verletzte sich etwa der Künstler Günther Brus mit einer Rasierklinge, trank seinen Urin und sang dazu die österreichische Nationalhymne. Die Künstler wurden verhaftet und verurteilt.

Oder man denke an Marina Abramovic. Die serbische Performance-Künstlerin hat sich mit einer Rasierklinge die Bauchdecke geritzt, sich nackt auf einen Eisblock gelegt, ihre Haare gebürstet, bis die Kopfhaut blutete, oder auf einem Knochenhaufen sitzend dem Krieg in ihrer Heimat gedacht. Vor religiösen Tabubrüchen schrecken Künstler genauso wenig zurück wie vor politischer Provokation.

Einen mittleren Skandal löste 2004 Thomas Hirschhorn mit seiner Ausstellung «Swiss-Swiss Democracy» im Schweizer Kulturzentrum in Paris aus: Hirschhorn hatte es gewagt, Tell zu demontieren, eine Schauspielerin in eine Abstimmungsurne erbrechen und einen Darsteller symbolisch gegen ein Bild des SVP-Bundesrates Christoph Blocher urinieren zu lassen. «Thomas Hirschhorn hat die Grenzen des Zumutbaren gesprengt», sagt Paolo Bianchi, Kurator, Autor und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste.

In vier Collagen bringt Hirschhorn Augenzeugen-Bilder von Folterungen mit Schweizer Wappen zusammen. Aber: «Die Schweiz beleidigt hat er nicht, weil er Abu Ghraib und die Schweiz nur verknüpfte, aber nicht gleichsetzte.» Somit waren die Provokationen des Künstlers gerechtfertigt. Ein Verdienst Hirschhorns sei es, dass durch seine Provokation «in der Schweiz die grösste kulturpolitische Debatte seit Jahrzehnten in Gang kam». Das Beispiel Hirschhorn zeige, so Bianchi, dass «in der Kunst alles erlaubt ist, sofern das Material so bearbeitet ist, dass es in einen neuen Zusammenhang gebracht wird und einen kreativen Denkprozess freischaltet».

Dagegen kommt kein Kunstwerk an

Wieso nur geben sich Künstler gegenüber 9/11 dermassen zurückhaltend? Der Chefredaktor Holger Liebs sucht in der aktuellen Ausgabe des Kunstmagazins «Monopol» in seinem Impressum ebenfalls nach Antworten, will wissen, wieso «diese Ereignisse in der Kunst nicht viel zu sagen haben». Er schreibt: «Begründet wird das meistens so: Der Terroranschlag und seine unmittelbaren Folgen in New York waren so bildmächtig, wurden auf so unzählig vielen Kanälen in die Welt versendet, dass in Sachen ästhetischer Wucht und Gewalt kein Kunstwerk dagegen ankommt.»

Für Paolo Bianchi ist diese Erklärung zu einfach, denn Kunst reagiere nicht «1:1 auf spektakuläre Ereignisse wie 9/11». Sie liesse sich als Katalysator unmittelbarer Betroffenheit nicht bemühen. «Die US-Künstlerin Jenny Holzer sprach unmittelbar nach dem 11. September stellvertretend für viele von Lähmung und Sprachlosigkeit.» Kunst widerspiegle nicht verantwortungslose Politik, weltumspannende Katastrophen oder spekulationssüchtige Geldmärkte, sagt Bianchi, sondern setze sich mit globalen und lokalen Phänomenen, mit grossen und kleinen Gefühlen auseinander. Am besten mit der richtigen Dosis an Kritik. «Gerade kritische Kunst erbringt den Beweis, dass nichts und niemand auf Kritik verzichten kann.»

Eine noch nie dagewesene Bilderflut

Ein Jahr nachdem der berühmte Komponist Karlheinz Stockhausen mit seiner Aussage, wonach der Anschlag auf das World Trade Center das grösste Kunstwerk sei, «das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos», die Welt schockierte, setzte der britische Damien Hirst noch einen auf die ohnehin schon hitzige Polemik drauf. Zum ersten Jahrestag von 9/11 sagte er, man sollte den Terroristen gratulieren, denn es sei ihnen gelungen, etwas zu erreichen, was niemand für möglich gehalten hätte. Die Bilder der zusammenbrechenden Twin Towers seien «visuell überwältigend». Mit dem letzten Satz mag Hirst ja auch recht haben, denn die weltweit übertragenen Bilder der einstürzenden Türme gehören in der Tat zum Eindrücklichsten, was je übertragen wurde.

Und genau darin sieht Bianchi wohl auch die Rechtfertigung für die im Augenblick wahrgenommene Zurückhaltung zeitgenössischer Künstler. «Wenn die Terroristen von 9/11 einen Bildersturm entfacht haben und die Medien in der Folge ihrer Lust am Schreckensszenario frönen, wird von Künstlern zu Recht ein anderer Umgang mit diesem Bild erwartet.» Denn ihre Auseinandersetzung mit dem Ereignis könne weder radikal affirmativ noch rein kritische Tendenzen haben. «Die Aufgabe der Kunst ist nicht, sich an der blossen Repräsentation zu orientieren, sondern Künstler sind gefordert, über die Repräsentationsformen von Wahrheit und Wirklichkeit nachzudenken.»

Erstellt: 09.09.2011, 15:07 Uhr

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Das beste 9/11-Kunstwerk laut Paolo Bianchi (Kurator, Kunstdozet ZHdK):
«Eine Fotografie des 11. Septembers 2001 von fast unheimlicher Brisanz wurde allerdings erst fünf Jahre später veröffentlicht. Zum Jahrestag von 9/11 berichtete die ‹New York Times› am 10. September 2006 darüber – ohne jedoch das Bild zu zeigen. Nach seiner Veröffentlichung löste das inzwischen berühmte Foto von Thomas Hoepker massenhaft Polemiken in den USA aus. Hoepker sah sich den Angriffen der politischen Rechten ausgesetzt, die das Bild als Verharmlosung des Terrors bezeichnete. Doch er weiss sich zu wehren: «Dieses Bild ist im Niemandsland der Realitäten. Es schillert, und jeder sieht darin etwas anderes.»
Nachdem die weltberühmte Fotoagentur Magnum in New York einen Tag vor dem 11. September ihr Jahrestreffen veranstaltet hatte, wird Thomas Hoepker, am Tag des Anschlags in seiner Wohnung in der Upper East Side angerufen. Seinem professionellen Instinkt folgend, versucht er so nahe wie möglich zur Katastrophe vorzudringen. Doch die Subway steht still. Er weicht auf das Auto aus, um gleich darauf in einen Stau zu geraten. Er fährt über die Queensborough Bridge Richtung Brooklyn. Eben ist der zweite Tower implodiert.
In einem kleinen Park am Ufer des East River sieht er fünf junge Leute, die vollkommen entspannt in der Morgensonne sitzen. Eine fast idyllische Szene nahe einem Restaurant mit Blumen und Zypressenbäumen. Normalität im Angesicht des Terrors. Thomas Hoepker stoppt den Wagen und drückt kurz entschlossen auf den Auslöser. Gleich darauf fährt er hastig weiter, in der Hoffnung, näher in das Zentrum des Horrors zu gelangen. Vier Jahre später fällt das Bild Hoepker beim Durchstöbern seines Archivs zufällig in die Hände. Er fand es merkwürdig und surreal. Das Bild stellte Fragen, ohne Antworten zu geben.»

(Bild: Thomas Koepker)

«Kunst reagiert nicht 1:1 auf spektakuläre Ereignisse wie 9/11»: Paolo Bianchi, Kurator, Autor und Kunstdozent an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

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