Als die Künstler jede Menge Kokain konsumierten

Die Ausstellung «Gesamtkunstwerk Expressionismus» in Darmstadt schafft ein kühnes kulturhistorisches Panorama.

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«Gesamtkunstwerk Expressionismus» – hinter dem Titel der Ausstellung steckt kein hybrider Anspruch, alles zeigen zu wollen, sondern eine klare Konzeption. Im Gegensatz zu der legendären Zürcher Ausstellung «Hang zum Gesamtkunstwerk» (1983) von Harald Szeemann beschränkt sich die Ausstellung in Darmstadt auf die zwei expressionistischen Jahrzehnte zwischen der Gründung der Künstlergruppe «Die Brücke» 1905 in Dresden und der programmatischen Absage an den utopisch-expressionistischen Aufbruch durch die Ausstellung «Neue Sachlichkeit» 1925 in Mannheim.

Der Ausstellungsort, die Mathildenhöhe, ist selbst ein Gesamtkunstwerk im Geiste des Jugendstils: Die Bebauung geht auf die von Grossherzog Ernst Ludwig 1899 gegründete Künstlerkolonie zurück, die Joseph Maria Olbrich mit dem Bau des markanten Hochzeitsturms und des Ausstellungsgebäudes betraute. An ebendiesem Ort fand 1920 die erste grosse Expressionisten-Schau statt.

Mehrfach begabte Künstler

Der Begriff «Gesamtkunstwerk» wurde 1827 von Karl Friedrich Eusebius Trahndorff geprägt. Rund zwanzig Jahre später übernahm ihn Richard Wagner – als Programm für «Gesamtkunstwerke der Zukunft», die «praktisch nur in der Genossenschaft aller Künstler» realisiert werden könnten. Eine verbindliche Definition des Wortes gibt es nicht, aber seit über 150 Jahren steht es für ein diffuses Streben nach Totalität. Robert Walser vermittelt einen Eindruck vom zeitgenössischen Traum des Gesamtkunstwerks: «Mein Bruder malt, dichtet, singt, spielt Klavier und turnt ausgezeichnet. Er ist sehr, sehr talentvoll. [...] Er will Kapellmeister werden, und doch möchte er lieber wieder nicht Kapellmeister werden, sondern etwas, das sämtliche Künste der Erde in sich vereinigt. Gewiss, er will hoch hinaus.»

Die Konjunktur des Gesamtkunstwerks zwischen 1905 und 1925 verdankt sich mehreren Faktoren: Erstens gab es unter den Künstlern zahlreiche mit Mehrfachbegabung, darunter Arnold Schönberg, Wassily Kandinsky oder Egon Schiele. Sie alle arbeiteten spartenübergreifend. Zweitens schlossen sich viele Künstler zu Gruppen zusammen, um Kunst und Leben zu synchronisieren – oft auch mit politischem Anspruch wie beim «Arbeitsrat für Kunst in Berlin», dem etwa Walter Gropius, Erick Heckel sowie Erich SchmidtRottluff angehörten. Drittens traten mit Film, Theater und Tanz Kunstsparten in den Vordergrund, die von Haus aus im Kollektiv entstehen. In der Mathildenhöhe werden in diesem Zusammenhang Oskar Kokoschkas Bühnenbild-Aquarelle zu Paul Hindemiths hintergründiger Oper «Mörder, Hoffnung der Frauen» (1922) gezeigt.

Der «neue Mensch»

Die Ausstellung bietet einen Überblick über die verschiedenen utopischen Ansätze, die man damals verfolgte. Gleichzeitig zeigt sie auf, wie eine allen Künstlern gemeinsame Erfahrung hinzukam – jene der kommenden beziehungsweise eingetretenen Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Zusammen mit der Russischen Revolution und dem Untergang der Monarchien war es diese «Urkatastrophe», die den Imperativ belebte, auf das bürgerliche Zeitalter müsse nun ein ganz neues folgen und auf den «alten Menschen» der «neue». Eine Reihe von Zeitschriften und die politische Grafik belegen dies.

Im Expressionismus spiegelten sich Aufbruchs- und Selbsterlösungsfantasien, aber auch apokalyptische Szenarien. Das tritt in den Gemälden von Otto Dix und George Grosz ebenso deutlich zutage wie in den Gedichten von Jakob van Hoddis oder den fantastischen Architekturmodellen von Paul Scherbart oder Ludwig Mies van der Rohe. Bruno Taut sah die Stadt als «Utopie eines Sozialismus freier Menschen ohne Staat und Ordnungszwang», während der Bildhauer Rudolf Belling die Plastik «Dreiklang» schuf, in deren Mitte auf einer Plattform – nach Schönbergs Vorstellungen – Musik gespielt werden sollte. Das Projekt wurde nie realisiert.

Private Versuche, Kunst und Leben zusammenzubringen, zeigt die Schau anhand einer Rekonstruktion von Ernst Ludwig Kirchners Berliner Atelierwohnung. Diesem «Lebensraum des Künstlers» entsprach jener des Kunstkonsumenten: Die Wohnungsausstattung der Kunstkritikerin Rosa Schapire etwa hatte Karl Schmidt-Rottluff geschaffen.

Nirgendwo aber wird das expressionistische Grundgefühl zwischen Bewegung, Aufbruch und Rausch eindringlicher inszeniert als im Tanz. Anita Berger wurde durch ihren Kokaintanz berühmt und durch den Nackttanz mit ihrem Ehemann Sebastian Droste ebenso berüchtigt. Das Kokain, das die Künstlerszene zu jener Zeit massenhaft konsumierte, stammte von der Firma Merck in Darmstadt und galt damals offiziell noch als Schmerzmittel. Von Gottfried Benn über Ernst Jünger bis zu Ernst Ludwig Kirchner machten viele Erfahrungen mit dem ekstatischen Taumel und dem «Tanz auf dem Vulkan».

Ihr umfassendes kulturhistorisches Panorama des «Gesamtkunstwerks Expressionismus» runden die Kuratoren Ralf Beil und Claudia Dillmann mit der Sparte Film ab: Als besonderer Leckerbissen sind Szenen aus dem epochalen Horrorstreifen «Das Cabinet des Dr. Caligari» (1920) von Robert Wiene in einem Ambiente zu sehen, das die fantastische Filmarchitektur nachbaut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2010, 09:14 Uhr

Ausstellung

«Gesamtkunstwerk Expressionismus», bis 13. Februar 2011. Katalog ca. 60 Fr.
www.gesamtkunstwerk-expressionismus.de

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