«Also bitte, da sind wir doch längst weiter»

Die grösste Schweizer Gameshow beginnt. Zwei Entwicklerinnen über Subventionen, dumme Spiele und den Sexismus ihrer Branche.

Gehören zu den bekanntesten Köpfen der Schweizer Game-Design-Szene: Tabea Iseli (rechts) und Helen Galliker. Foto: Urs Jaudas

Gehören zu den bekanntesten Köpfen der Schweizer Game-Design-Szene: Tabea Iseli (rechts) und Helen Galliker. Foto: Urs Jaudas

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Wir treffen Helen Galliker (27) und Tabea Iseli (28) im Game Lab der Zürcher Hochschule der Künste. Der Raum ist vollgestellt mit Games, Brettspielen und Konsolen. Hier fühlen sich die Frauen wohl, hier haben sie studiert. Iseli wurde bekannt als Entwicklerin von Blindflug Studios, dem renommiertesten Schweizer Game-Studio. Am nächsten Tag fliegt die Bernerin nach London, wo sie ein Referat zu Frauen in der Game-Branche halten wird. Die Luzernerin Galliker kommt gerade von der ETH, für die sie eine Gesundheits-App entwickelt.

Inwiefern ist es in Ihrem Arbeitsalltag ein Thema, dass Sie Frauen sind?
Helen Galliker: Kein grosses Thema. Was ich mitbekomme, ist höchstens ein Erstaunen darüber, dass eine Frau auch programmieren kann. Dann sind die Leute ganz beeindruckt. (lacht)
Tabea Iseli: Ich weiss noch, als ich 2014 zum ersten Mal als Entwicklerin die Gamescom in Köln besucht habe. Da gab es mehrere Leute, die es nicht glauben wollten, dass ich Game-Entwicklerin bin und kein «Booth Babe». So nennt man die Hostessen, die an den Messeständen stehen, um Flyer zu verteilen und Leute anzulocken. Es ging ihnen nicht in den Kopf, dass es tatsächlich Frauen gibt, die an Ständen stehen, weil sie Games entwickeln.

Wenn Sie Referate über Frauen und Games halten, reden Sie dann über solche Erlebnisse?
Iseli: Es gab Erlebnisse, bei denen ich dachte: Das ist jenseits, einem Mann wäre das nie passiert. Aber ich finde es schwierig, darüber zu sprechen. Wenn ich erzähle, wie ein Typ versuchte, seine Hand auf mein Bein zu legen und sie immer weiter hochzuschieben, während er über sein Spiel redete, kommen von Aussenstehenden sofort Fragen wie: «Was hast du getragen?» «Warst du betrunken?»

Hat #MeToo die Industrie noch gar nicht erreicht ?
Iseli: Doch. In der Entwicklerszene haben schon viele Frauen über ihre Erlebnisse geredet.

Allgemein: Wie lebt es sich als Schweizer Game-Designerin?
Galliker: Ich schätze den grossen Abwechslungsreichtum sehr, jeder Monat sieht bei mir wieder anders aus. Das birgt natürlich auch seine Tücken. Finanziell gesehen, zahlt sich vieles davon nicht aus. Dennoch, immer wieder an neuen Projekten zu arbeiten, empfinde ich als Privileg.
Iseli: Es gibt ja die Vorstellung, Game-Designer müssten nur ab und an was Kleines für eine Versicherung oder eine Grossbank programmieren, und danach könnten sie sich wieder den geliebten Games zuwenden. Aber das ist eine Illusion. Nicht wenige haben so ein Auftrags-Game angenommen – und sind nie mehr zum eigenen Projekt zurückgekommen. Zu viel Arbeit für zu wenig Geld. Deshalb halte ich mich lieber fern davon.

Ab heute läuft die Zurich Game Show. Was bringt sie?
Iseli: Ich bin dieses Jahr nicht dort. Aber ich finde es schön, dass die Schweiz nun auch eine grosse Game-Messe hat. Ich bin sehr gespannt, wie sie sich in den nächsten Jahren verändert.
Galliker: Ich stelle dort mein Spiel «Monocular» aus. Solche Kongresse sind spannend. Viele inspirierende Leute treffen sich auf kleinem Raum. Man kann Feedback austauschen und seine Arbeiten in neuem Licht sehen. Manchmal ergeben sich aus diesen Begegnungen sogar weitere tolle Projekte.

Trailer zum Game «Monocular». Video: Vimeo/Helen Galliker

Verstehen Sie sich als Künstlerinnen?
Iseli: Ich arbeite derzeit an einem Game, in dem man eine Prinzessin spielt und mit der Zeit die Erfahrung macht, dass die Gesellschaft Erwartungen an einen haben kann, die schwer oder unmöglich zu erfüllen sind. Es geht also um Eigenwahrnehmung, aber auch um Gesellschaftsnormen. Damit will ich bei den Gamern etwas auslösen, wie schon mit meinen früheren Arbeiten wie «Cloud Chasers», in der es um Flüchtlinge ging. Ein Kunstwerk sollte etwas ­auslösen, also auch ein Game. Ich muss aber zugeben: Ich habe diesen Sommer ein Game programmiert, in dem es um Enten und Techno geht. Eigentlich ziemlich dumm. Aber halt lustig, das brauchts auch mal. Oder ­besser: Das brauchte ich auch mal. (lacht)
Galliker: Für mich ist der Übergang zu anderen Kunstformen und Medien fliessend. Als Game-Designerin habe ich Bild, Ton, Raum und Interaktion zur Verfügung. Die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, sind bei weitem noch nicht ausgelotet. Games werden immer noch unterschätzt. Für mich sind sie ein unglaublich vielfältiges Medium, um experimentelle Ansätze zu verfolgen.

Das Enten-Techno-Game «Juliäntli». Video: Youtube/stardust_ch

Ein ernster, fast etwas pädagogischer Ansatz scheint Schweizer Games zu dominieren. Auf der anderen Seite: die smoothen Blockbuster der Grossstudios.
Iseli: So eindeutig ist das nicht. Denken wir nur an «Call of Duty», in dem der Spieler nach einer Atomexplosion dahinsiechen muss, das Game auf einmal sehr mühsam wird. Da sehe ich durchaus eine klare Message.

Die Explosion der Atombombe in «Call of Duty 4». Video: Youtube/Fracrem30

Im globalen Trend sind derzeit Psychospielchen in der Art von «Angry Birds», die den Gamer mit raffinierten Belohnungssystemen süchtig machen.
Iseli: Belohnungssysteme haben sich definitiv gewandelt, aber das gilt auch für die Erwartungen der Spieler. Wenn man mal die Games der frühen 90er anspielt, merkt man, wie unglaublich schwierig die waren. Die schenkten einem nichts. Das hatte auch technische Gründe, der Speicherplatz war beschränkt: Man musste die Leute mit einer möglichst kleinen Datenmenge möglichst lange beschäftigen. Heute erwarten die Gamer, dass sie ein Spiel easy durchspielen können, wie ein Messer durch die Butter. Ich möchte diese Erwartung brechen. Ich will nicht einfach nur Bedürfnisse der Spieler befriedigen. Ein Spiel kann nur dann Fragen aufwerfen, wenn es dem Gamer Widerstände entgegensetzt.

Ein anderes Thema sind die Subventionen: Am 23. September wird im Kanton Zürich über die Film- und Medienförderungsinitiative abgestimmt, die möchte, dass künftig auch Games Geld bekommen. Brauchts das?
Galliker: Games sind ein junges Medium, aus dem unglaublich viel Neues entstehen kann. Da sollte man mitgehen.
Iseli: Wir machen ja keine elitäre Kunst, sondern Unterhaltung, die zugänglich ist für alle und Spass macht. Es kann auch eine Form von Wissensvermittlung sein: sozialkritische Themen, wissenschaftliche Forschung wie bei Helen. Dazu kommt das Wissen über die Game-Entwicklung, das man sichern muss. In den 80ern gab es in der Schweiz eine aktive Szene von Entwicklern, die beispielsweise für Amiga programmierten. Dieses Wissen ist verloren gegangen.

Soll die Schweiz Orchideen-Games fördern, die zwar niemand kauft, die aber schön aussehen?
Iseli: Anders als bei der Filmförderung werden aber keine Games entwickelt, in denen nur Schweizerdeutsch gesprochen wird. Wir richten uns an den internationalen Markt. Wenn man schaut, woher die Menschen kommen, die ein Game spielen, dann ist der Anteil an Schweizern immer verschwindend klein, auch wenn das Spiel aus der Schweiz stammt. Zudem stelle ich mir die Frage, ob finanzieller Erfolg die einzige legitime Form von Erfolg ist. ­«Erfolg» kann ja vieles heissen. Man kann das Bewusstsein stärken für ein Thema. Man kann ein Leben verändern.

Games verändern Leben?
Iseli: Klar. «Guild Wars» hat mich als Teenagerin derart beeindruckt, dass ich entschieden habe: Das will ich auch machen.
Galliker: Es kann einem in einem Game ja vieles zusagen, eine Handlung, die einen inspiriert, oder eine Figur, mit der man sich identifiziert. Einem Freund von mir haben Games in einem schwierigen Lebensabschnitt sehr geholfen.
Iseli: Ich wünsche mir auch eine klügere Debatte über Games. Wenn heute über Spiele geredet wird, denke ich oft: Also bitte, da sind wir doch längst weiter. Politiker sagen immer noch Dinge wie: «Games machen süchtig», und reden ständig über Gewalt. Unglaublich! Als Game-Entwicklerin lebe ich in einer völlig anderen Welt, da gibt es wunderschöne Erlebnisse. Dieses Potenzial müsste in der Diskussion doch endlich auch vorkommen! (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.09.2018, 19:06 Uhr

Zurich Game Show

Vom 14. bis 16.9. findet in der Messe Zürich zum zweiten Mal die Zurich Game Show statt, wo über 30 Studios neue Videogames vorstellen. Ausserdem gibt es «Fortnite»-Turniere, Cosplay-­Wettbewerbe und VR-Ecken. Auch rund 16 neue Schweizer Games lassen sich testen. Infos unter zurichgameshow.ch.(red) 

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