Auch Rache kann ein Antrieb sein

Er wütete mit den Farben und schuf zugleich die delikatesten Radierungen: Das Kunstmuseum Basel widmet dem Belgier James Ensor (1860–1949) eine prächtige Ausstellung.

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«Der war ja eine Wildsau», sagte eine Ausstellungsbesucherin angesichts von James Ensors Gemälde «Der Fall der rebellischen Engel». Zwei Halbkugeln dominieren das Bild: eine helle im Hintergrund, davor ein vorwiegend roter Bogen, darstellend die siegreichen Engel oben, die mit Lanzen die Rebellen Richtung Hölle drängen. Die Konturen der Kämpfenden lösen sich im Licht auf. Unten links übergibt sich eine grün gewandete Figur: ein degoutierter Betrachter des Geschehens?

Als Ensor 1889 dieses Bild schuf, wollte niemand etwas von seiner Malerei wissen. Sogar die Mitglieder des von ihm mitbegründeten Avantgardistenzirkels Le XX lehnten seine Bilder ab. Erfolg hatte er erst ab 1903, als er eine Mäzenin fand, die unter Pseudonym begeisterte Essays über seine Werke veröffentlichte.

Mehrfach hinschauen

Als 1922 ein Bankett zu seinen Ehren gegeben wurde, erklärte Ensor in einer Rede seine Erkenntnisse über Linien und Licht: «Unser Blick verändert sich; auf den ersten Blick sieht der gemeine Betrachter bloss die einfache, trockene Linie, ohne das Bemühen um Farbe.» Auf den zweiten Blick vermöge man Farbtöne und deren Raffinesse wahrzunehmen – «was vom gemeinen Betrachter schon weniger verstanden wird». In der letzten Phase sehe der Künstler die «Feinheiten und das vielfältige Spiel des Lichts», die Linie werde dabei sekundär. Um das zu begreifen, müsse man ein Bild aufmerksam studieren, der gemeine Betrachter hingegen sehe nichts als «Unordnung und Verstösse gegen die Korrektheit».

Ja, manchmal wirkte Monsieur Ensor ganz schön arrogant. Doch das war nur die Kehrseite seiner Abstürze in die Verzweiflung: 1893 hatte er sein Atelier samt Inhalt für 8500 belgische Francs zum Verkauf angeboten, aber niemand hatte es gewollt. Dabei hatte alles so schön angefangen: Sein Vater, ein in Brüssel geborener wohlhabender Engländer, hatte die Tochter eines Ladenbesitzers in Ostende geheiratet, wo James auch geboren wurde. Früh schon erkannte der Vater das Talent des Sohns, liess ihn von zwei Malern unterrichten; und mit 17 begann James, in Brüssel an der Kunstakademie zu studieren. Gipsabgüsse abzuzeichnen, gefiel ihm, der immer in die Natur hinausgezogen war, um dort zu malen, aber nicht. Nach drei Jahren schmiss er das Studium hin, kehrte nach Ostende zurück und sollte zeit seines Lebens ein Feind der akademischen Malerei bleiben.

Handwerklich hatte er dennoch viel gelernt: Seine Radierungen, von denen Nina Zimmer, die Kuratorin der Basler Ausstellung, eine sehr schöne Auswahl präsentiert, sind von einer unglaublichen Feinheit und Raffinesse. Wie er hier mit Licht arbeitet, erinnert an sein grosses Vorbild Rembrandt. Thematisch aber gibt es durchaus Parallelen zu Ensors Wildsaumalerei: Auf einem Blatt etwa führen zwei langschwänzige Teufel Jesus in die Hölle. Und ein Prunkstück ist das grossformatige Blatt «Die Rache Hop Frogs» von 1898. Es ist die Illustration zu einer Erzählung von Edgar Allan Poe. Darin nimmt ein von Höflingen gequälter Hofnarr grausame Rache.

Rache war auch für Ensor ein wichtiger Antrieb. 1899 erzählte er in einem Brief, wie er dazu gekommen sei, Masken zu seinem Hauptmotiv zu machen: «Umgeben von Feindseligkeit und überall masslos kritisiert, fand ich Vergnügen daran, Masken zu malen. So konnte ich philosophisch die scheinheiligen, heuchlerischen, berechnenden und trügerischen Gesichter der Feiglinge betrachten und dadurch zunichtemachen, dass ich sie auf verächtliche Weise veränderte. Das war eine glückliche Wahl, sie führte logisch zu übersteigerten und knalligen Farben.»

Masken hatte es um ihn herum immer gegeben: Seine Mutter und seine Tante betrieben Souvenirgeschäfte, und der Ostender Karneval war berühmt. Doch zu seinem Thema machte Ensor die Masken erst 1883. Oft ist nicht klar, ob sich dahinter Menschen befinden oder ob die Masken nicht vielmehr ein Eigenleben entwickeln: So in «Die Verwunderung der Maske Wouse» (1889), wo ein einigermassen weibliches Wesen mit tropfendem Regenschirm einen Haufen auf dem Boden liegender Masken betrachtet, von denen eine aber Oboe zu spielen scheint; und hält das Wesen vorn mit der Totenkopfmaske nicht einen Kerzenständer in der rechten Hand?

Oft ist der Tod dabei

Rätselhaft auch das Bild «Die Intrige» (1890). Wer intrigiert hier gegen wen? Meint die Dame in Grün es gut mit dem Zylinderträger, oder ist sie Teil der Verschwörung? Einmal mehr präsent ist rechts im Bild der Tod. Wie so oft bei Ensor. Der machte eine Radierung von sich als elegant hindrapiertem Skelett mit vielen Haaren. «Mein Porträt im Jahre 1960» heisst sie.

1942 meldete das belgische Radio den Tod des mittlerweile geadelten Künstlers. Der fand das ausgesprochen lustig, legte sich ein schwarzes Armband an, um die Statue zu besuchen, die 1931 zu seinen Ehren errichtet worden war. «Ich trauere um mich», erklärte er Passanten. Am 19. November 1949 holte ihn der Sensenmann dann wirklich.

Erstellt: 17.02.2014, 08:31 Uhr

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