Bern

Berner Kunstmuseum dementiert Gurlitt-Entscheid

Es ist absehbar, dass das Kunstmuseum das Gurlitt-Erbe Ende November annehmen wird. Die Spekulationen der «SonntagsZeitung», wonach der Entscheid schon gefallen sei, seien aber verfrüht und teilweise falsch.

Im Fokus: Das Kunstmuseum sagt, es habe noch nicht entschieden, ob es das Gurlitt-Erbe annehme oder nicht.

Im Fokus: Das Kunstmuseum sagt, es habe noch nicht entschieden, ob es das Gurlitt-Erbe annehme oder nicht. Bild: Urs Baumann

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«Kunstmuseum nimmt Gurlitts Erbe an», titelte die «SonntagsZeitung» gestern. Dass die Institution das Erbe des zweifelhaften Cornelius Gurlitt nach den nötigen Abklärungen im November annehmen wird, ist in der Berner Kunstszene ein offenes Geheimnis, umfasst die umstrittene Sammlung doch rund 1300 Werke von renommierten Künstlern wie Max Beckmann, Marc Chagall, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Pablo Picasso, Pierre-Auguste Renoir oder Carl Spitzweg – eine unvergleichliche Gelegenheit für ein auf Kunst des 19. und 20.Jahrhunderts spezialisiertes Museum.

Die «SonntagsZeitung» schreibt, aus angeblich gut unterrichteten Quellen zu wissen, dass die Sammlung definitiv nach Bern kommen werde – unter der Bedingung, dass das Kunstmuseum nur die von Rückgabeforderungen befreiten und somit unproblematischen Werke übernehme. Die Provenienzforschung in puncto Naziraubkunst bleibe in den Händen der deutschen Taskforce «Schwabinger Kunstfund» unter der Leitung der Juristin Ingeborg Berggreen-Merkel.

Wie Museumsdirektor Matthias Frehner schon mehrfach angedeutet hatte (wir berichteten), komme der deutsche Staat finanziell für die Klärung der Besitzverhältnisse auf. Die Vereinbarung sehe zudem vor, dass das Kunstmuseum im Gegenzug die zur «entarteten Kunst» gezählten Werke den deutschen Museen als Dauerleihgabe zur Verfügung stelle, so die «SonntagsZeitung».

«Unzutreffende Aussagen»

Das Kunstmuseum Bern dementierte noch gestern: Ein formaler Entscheid sei nicht gefallen. Der Stiftungsrat Kunstmuseum will die «in wesentlichen Teilen unzutreffenden Spekulationen» des Artikels nicht weiter kommentieren. Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin fürchte, überrannt zu werden, und verzichte darum auf eine öffentliche Äusserung, so Pressesprecherin Ruth Gilgen Hamisultane gegenüber dieser Zeitung.

Dass vertrauliche Gespräche mit der BRD und mit dem Freistaat Bayern im Gange sind, bestätigt das Museum in einer schriftlichen Stellungnahme. Ziel sei es, Voraussetzungen und Implikationen einer allfälligen Annahme der Erbschaft Gurlitt durch das Kunstmuseum zu ermitteln.

Die Gespräche verliefen konstruktiv, seien aber noch nicht abgeschlossen, heisst es des Weiteren. Eine Aussage über das Ergebnis sei entsprechend verfrüht. Am Ende sei der Stiftungsrat nach wie vor frei, «im bestverstandenen Interesse des Kunstmuseums Bern über Annahme beziehungsweise Ausschlagung des Erbes zu entscheiden», hält die Mitteilung fest.

Entscheid am 26.November

Falls das Kunstmuseum die angeblich bereits im Detail ausgearbeitete Vereinbarung Ende November formell absegnen würde, kämen beträchtliche Herausforderungen auf die Institution zu. Zur Erinnerung: 2012 stiessen die Behörden in der Münchner Wohnung Cornelius Gurlitts auf die umfangreiche Sammlung. Gurlitt, der Sohn von Hitlers Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, stand daraufhin monatelang im Zentrum einer hitzigen Debatte um Naziraubkunst.

Die Taskforce um Ingeborg Berggreen-Merkel ist seither damit beschäftigt, die Sammlung zu inventarisieren und Herkunftsforschung zu betreiben. Bei einigen Bildern, unter anderem Matisse’ «Sitzende Frau», hat sich der Verdachtsfall bereits bestätigt.

Nachdem Cornelius Gurlitt am 6. Mai dieses Jahres gestorben war, wurde bekannt, dass er das Kunstmuseum Bern als Alleinerben eingesetzt hatte. Das Erbe umfasst neben der Kunstsammlung auch Geld und Immobilien. Diese Mittel würde das Museum zur Betreuung der Sammlung einsetzen, wie Museumsdirektor Matthias Frehner nach Bekanntgabe der Erbschaft erklärte.

Betreuung, Lagerung und Versicherung einer so umfangreichen Sammlung sind auch ohne die Kosten für die Herkunftsforschung äusserst hoch. Ob sich die öffentliche Hand bei einer Erbschaftsannahme an den Kosten beteiligen müsste, ist noch nicht klar. Der Grosse Rat hat die entsprechende Tür jedenfalls vorläufig offengelassen.

Warum sich Gurlitt in seinem Testament für Bern entschied, ist bis heute unklar. Womöglich, weil sich das Kunstmuseum Bern international einen Namen gemacht hat für die sorgfältige Aufarbeitung von Herkunftsfragen. Einen definitiven Entscheid wird der Stiftungsrat des Kunstmuseums am 26.November kommunizieren, wie er letzte Woche bekannt gab. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.10.2014, 07:46 Uhr

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