Bilder, an die man ganz nahe heranwill

Er war Japans «Lebender Nationalschatz»: Das Museum Rietberg zeigt erstmals Holzschnitte von Ito Shinsui ausserhalb seiner Heimat.

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Es wuchert. Erst vor wenigen Wochen eröffnete die Ausstellung «Gärten der Welt» im Museum Rietberg – und mit ihr eine neckische kleine Holzkonstruktion auf dem Plätzchen vor dem Museumseingang. Als Amuse-Bouche für die Schau und als Sitzgelegenheit der etwas anderen Art war das Ding mit unzähligen Pflanzenkübeln bestückt worden, aus denen anfangs artig kleine Pflänzchen lugten. Nun spriesst es üppig an allen Ecken und Enden; ein regelrechter Mini-Dschungel ist da entstanden. Und so hübsch das aussieht, so weh wird einem ums Herz, wenn man daran denkt, dass bald der Herbst Einzug hält und die ganze blühende Pracht dahin sein wird.

Eine ähnliche Wehmut befällt einen auch im Soussol des Museums, wo in dem kleinen Saal vis-à-vis der Gartenausstellung gestern still und leise eine Premiere über die Bühne ging: Erstmals überhaupt wurde eine Ausstellung des japanischen Holzschnittmeisters Ito Shinsui (1898–1972) ausserhalb seiner Heimat eröffnet. Und mit den zarten Motiven einem Bild Japans Leben eingehaucht, das es so nicht mehr gibt – und nie mehr geben wird.

Eine existenzielle Frage

Schon als Shinsui die Bilder schuf, in den Jahrzehnten rund um den Zweiten Weltkrieg, waren sie retro. Viele seiner Kollegen packten die Chance beim Schopf, die ihnen die langsame, aber ­sichere Öffnung Japans hin zum Rest der Welt bot, und peppten ihr Metier mithilfe west­licher Inputs auf – motivisch, aber auch, indem sie etwa natürliche Pigmente mit chemischen ersetzten. Shinsui hingegen stand für Tradition.

Damit wurde er rasch zur Galions­figur der «Shin hanga»-Bewegung (neue Drucke), die in Opposition stand zur «Sosaku hanga» (kreative Drucke). Und auch, wenn das für hiesige Ohren klingen mag wie jene monty-pythoneske Fehde zwischen der Judäischen Volksfront und der Volksfront von Judäa – die Wahl zwischen «shin» und «sosaku», also zwischen Tradition und Moderne, war in dem von jeher auf sich selbst bezogenen Land eine existenzielle.

Das spiegelte sich auch im Tokioter Strassenbild: Zwischen den Kimonos tauchten erste Stücke westlicher Kleidung auf. Und natürlich waren es vor allem die Japanerinnen – deren oberstes Ziel es bis dahin gewesen war, eine «ryosai kenbo», eine gute Ehefrau und Mutter, zu sein –, für die die Möglichkeit, Bubi­kopf und Zigarettenspitze spazieren zu führen, einem regelrechten Befreiungsschlag gleichkam.

Nur ein einziger der 50 ausgestellten Drucke – 100 werden insgesamt gezeigt, aber in zwei aufeinanderfolgenden Tranchen: mehr als ein paar Wochen im Spotlight kann man ihnen nicht zu­muten – zeigt ein solches «moodan gaaru» (modern girl). Der Rest von Shinsuis «bijinga» – den Bildern von schönen Frauen, seinem Parademotiv – bedient das Klischee vom japanischen Boudoir: Wo immer man hinblickt, wird frisiert, gebadet, geschminkt (und einmal – wie keck! – sogar Fusspflege betrieben). Natürlich stets im kunstvoll gemusterten Kimono sowie in leicht manierierter Pose. Die reinste Augen­weide ist das, bisweilen auch sanft erotisch – und man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Kunden Shinsui seine zarten, knapp A3-grossen Meisterwerklein aus den Händen rissen.

Wobei nicht nur die Sujets reizvoll sind. Wer Handarbeit auf Topniveau schätzt, wird mit der Nasenspitze an ­diesen Bildern kleben. Schlicht meisterhaft, wie da die zahllosen Arbeitsschritte der Holzdrucktechnik in detailverliebten, farblich raffinierten Kompositionen resultierten. In einer Vitrine sind all die kleinen Bambuspinsel und die ­lackierte Druckscheibe aufgereiht, mit welcher das Motiv aufs Papier über­tragen wurde; in einem kurzen Video kann man verfolgen, wie ein solcher Druck nach traditioneller Methode entsteht.

Der Ritterschlag für Shinsui kam 20 Jahre vor seinem Tod: 1952 wurde er offiziell zum «Lebenden Nationalschatz» erklärt. Wohlgemerkt nicht nur für seine Frauenbilder, sondern auch für die selteneren, aber ebenso malerischen Landschaften. Im Museum Rietberg wurden einige zwischen die hübschen Damen gestreut. Man schreitet die Wände ab, saugt die Nostalgie auf – und denkt: Es hat etwas Trauriges, dieses stille, letzte Aufbäumen einer nicht wiederzubringenden Zeit. Aber selten war ein letztes Aufbäumen so entwaffnend schön.

Erste Ausstellungstranche bis 13.11., zweite Ausstellungstranche 15.11.–8.1.2017. Das Ticket ist für beide Tranchen gültig.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.09.2016, 18:28 Uhr)

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