Bilder des Glücks und der Tristesse

Das Fotomuseum Winterthur zeigt grossartige Fotografie aus Indien, Pakistan und Bangladesh. Es gibt dabei Meisterwerke zu entdecken, die von Tabus und Ausgrenzung erzählen.

Koloriertes Hochzeitsporträt, um 1950 und eine vollkommen mit Wasserfarben  übermalte Fotografie einer Kurtisane, um 1890.

Koloriertes Hochzeitsporträt, um 1950 und eine vollkommen mit Wasserfarben übermalte Fotografie einer Kurtisane, um 1890. Bild: Alkazi Collection of Photography, Delhi

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Wenn Elefanten ein Bad nehmen, dann tun sie dies nicht unbedingt im Zürichsee wie Sabu bei der Landiwiese, aber oft und gerne in Gesellschaft von Menschen. Rashid Talukder aus Bangladesh zeigt im Fotomuseum Winterthur, wie Kinder gemeinsam mit dem Nutztier im Wasser planschen. Die «überdimensionale Gummiente» ersetze ihnen das Spielzeug im Wasser, kommentieren die Aussteller nicht ohne Ironie diese alltägliche Szene. Denn nun gilt es, den Blick des Westens abzulegen und einen Kontrapunkt zu setzen zu den üblichen Katastrophenbildern, zu Postkartenkitsch und orientalischer Bildnostalgie.

Die in Zusammenarbeit mit der Whitechapel Gallery London und Gastkurator Sunil Gupta entstandene Ausstellung «Where Three Dreams Cross. 150 Jahre Fotografie aus Indien, Pakistan und Bangladesh» präsentiert 400 Fotografien von achtzig Fotografen aus dem südostasiatischen Raum. Keine Frage, sie existiert, die indische Fotografie. «Nur wurde sie bisher nie wahrgenommen», sagt Sunil Gupta, der seit 20 Jahren unermüdliche Aufbauarbeit leistet. Worin aber unterscheidet sich die Fotografie aus dem südostasiatischen Kulturraum von der amerikanisch-europäischen Bildtradition etwa eines Cartier- Bresson, der mehrmals Indien besuchte?

Tabus und Ausgrenzung

Das Fotomuseum liefert keine Antworten, sondern schafft vor allem eines: eine immense Auslegeordnung. Die kaum zu bewältigende Fülle von Bildern wurde auf die fünf Themenschwerpunkte Porträt, Performance, Familie, Strasse und Staatskörper aufgeteilt, was trotz zeitweiliger Überschneidungen ganz gut funktioniert. Anonyme, handkolorierte Miniaturen von Maharadschas in pompösem Dekor werden etwa den zeitgenössischen angloindischen Städtern von Dileep Prakash oder Gauri Gills schlichten Ganzkörperporträts gegenübergestellt. Performance wiederum bezieht sich auf Inszenierungen im Künstlermilieu. Wenn Vivan Sundaram das historische Bild einer entblössten Künstlerin, seiner Verwandten Amrita Sher-Gil, in eine digitale Fotomontage schmuggelt, verquickt er kulturelles Erbe und inszenierte Fotografie zu surrealer Gegenwartskunst.

Familie schliesslich bedeutet nicht immer heile Welt. Die Bilder einer jungen Prostituierten von 1910 oder zeitgenössische Amateuraufnahmen von Transsexuellen aus einem Transgender-Projekt erzählen von Tabus und Ausgrenzung.

Die Strasse als öffentlicher Raum

Die Strasse, die als öffentlicher Raum im Subkontinent Leben schlechthin verkörpert, gehört zum herausragenden Teil der Schau. Neben den Projektionen des preisgekrönten Magnum-Fotografen Raghu Rai gibt es hier zahlreiche weitere Meisterwerke zu entdecken: die gigantischen Wohntürme Rashid Ranas, Alltagsszenen aus Lahore des pakistanischen Fotojournalisten Mohammad Arif Ali, Farbfotografien des Autodidakten Raghubir Singh sowie die Dokumentaraufnahmen der Fotopioniere Jyoti Bhatt und T. S. Satyan. Gerade die schwarz-weissen Abzüge vermitteln den Eindruck, als wolle man mit verhaltener Poesie der realen Bilderflut und dem üblichen Farbrausch in den übervölkerten Städten entgegenwirken.

Bildgruppen unter dem Titel «Staatskörper» runden die wechselvolle Geschichte Indiens, den Zwist mit Pakistan und die Gründung der heutigen Republik Bangladesh, ab: die Bhuttos, die Gandhis, Arbeiteralltag und Menschenansammlungen verweisen auf die gewaltigen gesellschaftspolitischen Umwälzungen im Subkontinent. Dabei bilden nicht eingeflogene Reportagefotografen, sondern unmittelbar betroffene Einheimische das Leben ab. Indien den Indern – auch in der Fotografie.

Dass sich der verklärte oder arrogante Blick des Westens auf den Subkontinent unter diesen Voraussetzungen verändert oder zumindest relativiert, ist das grosse Verdienst der Schau. Sie zeigt keine schlechtere, aber auch keine bessere Welt. Farida Batools Mädchen mit dem Springseil in den Ruinen von Lahore verkörpert sie kongenial. Ein umwerfendes Bild des Glücks und der Tristesse in einer sehr dichten, bereichernden Schau.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2010, 20:29 Uhr

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Die Ausstellung

Bis 22. August. Katalog mit 220 Bildern, ca. 49 Fr. www.fotomuseum.ch

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