Bilder wie ein stiller Donner

Der US-amerikanische Landschafts- und Gesellschaftsfotograf Robert Adams beschert dem Fotomuseum Winterthur seine bisher vielleicht spektakulärste Ausstellung.

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Suchen Sie Eden? Dann biegen Sie rechts ab. Eden? Nein, nicht das biblische Paradies. Das Eden von Robert Adams liegt in den USA, und auf dem Bild sieht man davon bloss eine Autobahn. Und die Hinweistafel, sich rechts zu halten.

«Eden, Right Line». Die Fotografie von 1968, am Saaleingang und nicht zu übersehen, ist das Signalbild einer Ausstellung über das Projekt Amerika, über den amerikanischen Westen als verlorenes Paradies. Doch dieses Paradies ist auf dem Reissbrett erfunden, ist nach einem Eisenbahnpionier benannt und besteht aus einem Schrottplatz, einer Raststätte (geschlossen) und ein paar Metallschuppen. Das ist das Eden von Robert Adams, ein Ort in Colorado.

Das Bild eröffnet eine Ausstellung, die noch der Gründungsdirektor der Museums, Urs Stahel, organisiert hat. Jetzt werben seine beiden Nachfolger dafür, sie tun es euphorisch und mit der Aussage, «den wichtigsten lebenden amerikanischen Landschaftsfotografen» vorzustellen.

Unnachgiebige Schärfe

Grosse Worte sind das, doch tatsächlich: Diese Retrospektive des Fotografen, der hierzulande noch immer ein Unbekannter ist, gehört womöglich zum Spektakulärsten in der Geschichte des Museums. Denn Adams ist der Begründer eines modernen fotografischen Blicks auf Landschaft und Natur, der in den USA der 70er-Jahre der Romantik abgeschworen und sich der Objektivität verpflichtet hat. Und dieser spezifische Blick zelebriert zwei Qualitäten, die heute weder Prestige noch einen Ruf besitzen: Introvertiertheit. Und Stille.

Die Entdeckung von Robert Adams und seiner 45 Jahre langen Arbeit über die Zähmung des Wilden Westens ist die Entdeckung eines hoffnungslos zeitwidrigen Werks. Zu sehen sind 240 kleinformatige Silbergelatine-Abzüge, in Serien gruppiert, entstanden von den 60er-Jahren bis heute, gehalten in 50 Schattierungen von Grau. Endlose Ebenen, dramatische Himmel, Menschen in Shoppingmalls – ins Bild gesetzt in immer gleicher, unnachgiebiger Schärfe. Unbeteiligt nur scheinbar, ereignislos nur sozusagen: ein Werk wie ein stiller Donner.

Das Generalthema ist Heimat, oder das, was im Laufe der Zeit davon übrigbleibt. Adams, 1937 in Jersey geboren, fotografiert, wo er lebt oder gelebt hat, und folglich heisst diese Ausstellung, die erste grosse Retrospektive in Europa, «The Place We Live». Kürzlich war sie am Pariser Jeu de Paume zu sehen, Winter­thur ist die letzte Station der Tournee. Stets sind Ort und Zeit auszumachen in seinen Aufnahmen, auch wenn der Ausschnitt zufällig und die Komposition beiläufig scheint: In der Serie «Our Lives and Our Children» (1979–1983) porträtiert er Männer, Frauen, Kinder, die in der Nähe einer Fabrik für Nuklearwaffen wohnen; in «Los Angeles Spring» (1978–1983) verzichtet er auf Menschen, zeigt sie aber in ihren Taten. Er fotografiert das vormals grüne Paradies als aufgewühlte Landschaft, in die sich die Highways fressen: Ansammlungen letzter Zitrushaine und Eukalyptusbäume, als Windschutz gepflanzt, schnell verkommen, wertloses Holz, malträtiert von Einschusslöchern, Zielscheibe sinnloser menschlicher Aggression.

Und dann die Bilder der Goldgräberstadt Denver in den 80er-Jahren! Der Ölboom fordert im Umland den schnellen Bau billiger Siedlungen. Die Kinder, die hier aufwachsen, fliegen auf Adams’ Bildern wie Staubkörner über die Gehsteige vor den neuen Shoppingmalls, Fast-Food-Restaurants und Wohncon­tainern. Der Amoklauf Jahre später in der Columbine Highschool: Hier kündigt er sich unauffällig an. Robert Adams’ Bilder sind die Bilder vor dem ersten Schuss.

Landschaft, Gesellschaft

Dieser Fotograf porträtiert die Landschaft und meint eine Gesellschaft, die sich an ihr vergeht. Er stellt die Frage, was sie sich selbst damit antut. Welchen Wert sie sich gibt, welche Werte sie vertritt. Doch er belässt es nicht bei solchen Fragen, Anklagen in Bildern, die er wort­reich (und nicht immer pathosfrei) in der Ausstellung selbst kommentiert. Adams hat 40 Bücher geschrieben, und auch sie sind Teil der Schau und in Vitrinen ausgestellt. «The New West» von 1974 ist sein berühmtestes, es steht in einer Reihe mit anderen Foto-Bibeln über die Gesellschaft und die Kultur Amerikas: Walker Evans’ «American Photographs», Stephan Shores «Uncommon Places», «The Americans» von Robert Frank.

«Nur dem, der geht, erschliesst sich die Welt», schreibt der Chronist einer bodenlosen Gesellschaft und einer bedrängten Natur in einem seiner Texte über Fotografie – und lässt vielleicht darum seine Bilder als langes Fries, dem wir entlangschlendern sollen, über die Wände laufen. Bild für Bild, Schritt für Schritt ist in der Sprache der Fotografie zu entziffern, wie sich Denver verändert hat, was es mit der Abholzung der Douglasfichten in Oregon auf sich hat oder den Geisterdörfern in Colorado.

Es sind stets nur minimale Verschiebungen, die auf den Bildern sichtbar sind, oder dann ist es der Wechsel des Standorts, der sehen macht.

Es sind die kleinen Schritte, die zu Grossem führen. Im Westen von Amerika, aber nicht nur.

Bis 31. August.

Erstellt: 21.06.2014, 10:10 Uhr

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