Bis heute ein Geheimtipp

Das Kunstmuseum Bern ruft mit einer berauschenden Ausstellung Augusto Giacometti als Pionierfigur der Malerei in Erinnerung.

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Persönliche Animositäten und unvereinbare berufliche Haltungen können mitunter zusammenfallen. Augusto und Giovanni Giacometti, Cousins zweiten Grades, waren in dem kleinen Bergeller Bergdorf Stampa praktisch Tür an Tür aufgewachsen – und als Maler erbitterte Rivalen, die für den jeweils anderen zeit ihres Lebens kein gutes Wort übrig hatten. Giovanni Giacometti (1868–1933) mokierte sich über die dekorative, «epigonenhafte» Kunst von Augusto (1877–1947), der seinerseits den «Bildermaler» mit Hohn übergoss und ihn als «Hampelmann mit Feldstuhl und Staffelei» bezeichnete.

Die zwei Wirtshäuser und die Motive im Dorf teilten die beiden Künstler stillschweigend unter sich auf, sodass sie sich kaum je begegneten. Giovanni – der spätere Vater des berühmten Alberto – kehrte nach dem Studium in München heim ins Bergell, wo er bis zu seinem Tod wirkte. Sein jüngerer Cousin Augusto besuchte derweil die Kunstgewerbeschule Zürich, wurde in Paris Schüler des Jugendstil-Wegbereiters Eugène Grasset, lebte vor dem Ersten Weltkrieg in Florenz, wo er die Frührenaissance studierte und liess sich schliesslich in Zürich nieder. Er verbrachte aber fast jeden Sommer in Stampa.

Augustos Karriere ist geprägt von scheinbaren Stilbrüchen und Widersprüchlichkeiten. Zu seinen künstlerischen Phasen gehörten der Jugendstil und der Symbolismus; gleichzeitig war er aber auch ein Pionier des Abstrakten, bei dem die Farbe stets im Zentrum stand. Er war ein stolzer Bergler mit der Aura des Grandseigneurs, der selbst im Atelierchaos nicht auf seine Krawatte verzichtete, und ein unabhängiger Kopf. So nahm er aus persönlicher Sympathie an einer Dada-Soiree teil, hatte gleichzeitig aber keine Probleme damit, im Zürcher Grossbürgertum zu verkehren und Blumenstillleben zu malen. Wie soll man ihn da einordnen?

Obwohl einzelne seiner Werke heute hohe Preise erzielen und er später mit monumentalen Wandbildern sowie als Präsident der Eidgenössischen Kunstkommission zu einer Art «offiziellem» Künstler avancierte, ist Augusto Giacometti für Matthias Frehner einer, «der bis heute im Stadium des Geheimtipps verharrt». Das Dilemma glaubt der Direktor des Kunstmuseums Bern daran festmachen zu können, «dass in diesem Werk eben immer beides vorhanden war: das Abstrakte wie das Gegenständliche».

Die von den Kuratoren Daniel Spanke und Beat Stutzer – der langjährige Direktor des Bündner Kunstmuseums gilt als ausgewiesener Giacometti-Kenner – souverän inszenierte Ausstellung zeigt, dass dieser Künstler mit seinen Stilwechseln auf das Unverständnis vieler tonangebender Sammler reagierte. Diese zeigten sich zwar der Avantgarde gegenüber offen, beharrten jedoch zugleich auf der Erkennbarkeit gegenständlicher Motive. Ausgangs- und Endpunkt dieser im wahrsten Wortsinne farbenprächtigen Schau – unter den 130 Exponaten hat es auch Leihgaben des Moma in New York sowie noch nie öffentlich Gezeigtes aus Privatbesitz – bilden die frühen Pastelle, die ab 1899 in Paris entstanden. Der junge Giacometti aquarellierte im dortigen Zoologischen Museum Schmetterlinge, liess die Konturen weg, spannte stattdessen vor dem inneren Auge ein Netz aus kleinen Quadraten über den Flügeln und verwandelte das Ganze so in eine Erscheinung aus Licht und Farbe. Diese Experimente in Abstraktion fanden, notabene, ein gutes Jahrzehnt vor den epochalen Auftritten von Malewitsch, Mondrian und Kandinsky statt.

Später übertrug Giacometti seine chromatischen Fantasien auch auf grosse Ölbilder und setzte sich damit – zumindest temporär – an die Spitze der Avantgarde. In der Wirkung Mosaiksteinchen nicht unähnlich, wurden die Farben mit dem Spachtel so aufgetragen, dass die Leinwand als Gestaltungselement zuweilen durchscheint. In den flächigen Kompositionen dominiert die Nahsicht: Ein Horizont ist kaum erkennbar, Zentralperspektive und illusionistische Raumtiefe sind überwunden.

Aussenstelle Grossmünster

Während die letzte grössere Ausstellung zu Augusto Giacometti, 2003 in Chur, den Durchbruch des Künstlers zur Abstraktion ins Zentrum stellte, gibts nun in Bern den «ganzen» Giacometti zu sehen. Nicht zuletzt wurde auch die Glasmalerei auf innovative Weise in die Ausstellung integriert: Per Livewebcam sind Giacomettis Kirchenfenster aus dem Zürcher Grossmünster zugeschaltet, deren oft – zurecht – gerühmte Strahlkraft natürlich auch vom Wetter und von der Tageszeit abhängt.

Giacomettis internationale Ausstrahlung wird derweil in einer kleinen Ausstellung innerhalb der Ausstellung augenfällig: Von Cézanne über Adolf Hölzel bis zu Richard Paul Lohse werden Künstler aus der hauseigenen Sammlung gezeigt, die sich auf vergleichbare Weise mit dem Phänomen Farbe beschäftigten. Das Kunstmuseum Bern führt mit dieser – nicht ohne Sendungsbewusstsein konzipierten – Schau eine Tradition von monografischen Ausstellungen über Schweizer Kunst der Moderne fort: von Hodler über Amiet bis zu Vallotton – und Giovanni Giacometti.

Jetzt ist der Cousin an der Reihe, endlich. Und so löst die Schau auf überzeugende Weise die zentrale These von Co-Kurator Beat Stutzer ein: Was die Vorrangstellung der Farbe angeht, ist das Werk trotz stilistischer Vielseitigkeit von frappanter Folgerichtigkeit.

Bis 8. Februar 2015. Katalog ca. 39 Fr.

Erstellt: 25.09.2014, 08:13 Uhr

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