Bist du Vincent?

Ein Künstler sucht Doppelgänger des berühmtesten Rotschopfs der Welt. Hunderte haben sich gemeldet. Die Bilder.

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Wo ist Vincent 2.0? Das war die Frage, die Douglas Coupland – Künstler, Autor und weltbekannt durch den 1990er-Kultroman «Generation X» – umtrieb, als er vor wenigen Wochen die Website iamvincent.com aufschaltete. Darin ruft er die User dazu auf, Fotos von Doppelgängern des niederländischen Malers Vincent van Gogh zu posten. Denn: Für ein neues Kunstprojekt will Coupland im Laufe der nächsten paar Jahre Bronzeskulpturen bekannter rothaariger Persönlichkeit anfertigen und im öffentlichen Raum platzieren. Losgehen soll es mit dem Ebenbild Vincent van Goghs, für das Coupland nun ein geeignetes Modell aus Fleisch und Blut zu finden hofft.

Und das soll dem 1890 verstorbenen Maler nicht nur ähneln. Sondern ihm so stark gleichen, wie es eben nur geht. Egal, ob das perfekte Vincent-Lookalike nun in Timbuktu zu Hause ist, in Moskau oder in Bümpliz: Coupland ist fest entschlossen, es aufzuspüren, es zu sich nach Vancouver einfliegen zu lassen und es dort einem 3-D-Scan zu unterziehen. Ach ja: 5000 Euro gibt es obendrauf.

25 Einträge erhofft, über 1000 erzielt

Deshalb ist nun faktisch der ganze Globus aufgefordert, die Augen offen zu halten und Coupland bei seiner Suche zu unterstützen. Der perfekte Vincent könnte schliesslich überall stecken: «It could be your next door neighbour. It could be a guy at work. It could be you», schreibt Coupland auf seiner Website. Und hat vermutlich mit allem davon recht: Schliesslich gibt es kaum jemanden, der nicht schon irgendwann mal das Gefühl hatte, Vincent van Gogh gegenüberzustehen. Kunststück: Der Maler ist so etwas wie die Galionsfigur der Rothaarigkeit. Prince Harry, Ron Weasley und David Bowie selig mögen ihn in Sachen Popularität zeitweilig überrundet haben; letztlich sass und sitzt Vincent aber felsenfest auf dem Thron der prominenten «Redheads».

Resultat: Hunderte von Fotos – hauptsächlich aus England, Canada und den USA, aber auch von überall sonst auf der Welt – sind bisher auf Couplands Seite hochgeladen worden. «Ich dachte, wir würden vielleicht 25 Einträge erzielen», zeigt sich Coupland überwältigt. Jetzt sind es schon über 1000, und täglich kommen neue dazu.

Wer sich durch die Bildergalerie klickt, sieht reihenweise Rotschöpfe; mal eher blond, mal kupferfarben, meist bärtig, teils mit Strohhut, Pfeife im Mund und mit Bilderrahmen um den Hals. Ein paar besonders engagierte Kandidaten haben sich für das Selfie das linke Ohr bandagiert, welches sich der Original-Vincent bekanntlich nach einem Streit mit seinem gehassliebten Kollegen Paul Gauguin kurz vor Weihnachten 1888 abschnitt.

Nur zwei Prozent der Weltbevölkerung

Woher diese überraschende Lust am «Vincent-Spotting»? Liegts an Van Gogh und an dem durch ihn verkörperten Klischee des lebenslangen Aussenseiters, dessen Genie erst nach seinem Tod erkannt wird? An seinem Ruhm, der durch regelmässige Auktionsrekorde, vermeintliche Fälschungsskandale und den reissenden Absatz von Sonnenblumenregenschirmen, -mousepads und -handyhüllen am Leben gehalten wird? Gewiss – zum einen. Zum andern liegts aber wohl auch an der Faszination der Rotschöpfe generell, die gerade mal zwei Prozent der Erdbevölkerung ausmachen. Sogar in Schottland und Irland, den Ländern mit der grössten Rotschopf-Dichte weltweit, kommen sie auf lediglich 14% respektive 10% der Bevölkerung – und versprühen den Reiz des Seltenen.

Historisch betrachtet, hat ihnen dies nicht immer zum Vorteil gereicht – man denke nur an all die rothaarigen Frauen, die im Mittelalter als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannten. (Judas, so glaubte man damals, sei rothaarig gewesen, und wollte bei den anderen Rotschöpfen wohl auf Nummer sicher gehen.) Bis ins 16. Jahrhundert hinein war das Körperfett Rothaariger eine unverzichtbare Zutat bei der Herstellung von Gift. Der Aberglaube, wonach sich rothaarige Menschen nach ihrem Tod in vampirähnliche Wesen verwandeln, geht gar auf die griechische Mythologie zurück. Und dass sich im alten Rom Sklaven mit rotem Haar teurer verkauften als andere, weil sie als besonders zäh galten, wird den armen Teufeln auch nicht von grossem Nutzen gewesen sein.

Vincents Ohr am Boden

Heute trumpft die Genetik die Mystik. Jeder kann auf Wikipedia nachlesen , dass «Rothaarigkeit sich einer Variation auf dem Chromosom 16 verdankt, die zu einer Veränderung des Proteins MC1R führt: Anstatt des dunklen Melanins befindet sich Phäomelanin in Haut, Haaren und Augen, was zu einer hellen Haut und vermehrt Sommersprossen führt». Dieselbe Genvariation mache die Betroffenen ausserdem auch weniger sensibel für Schmerzreize. Alles erklärbar, also. Aber deshalb nicht weniger faszinierend: «Vielleicht haben sie», lacht Douglas Coupland, «ja noch weitere ‹mutant powers›, die sie aber keinem verraten.»

Wie die Bronzeplastik, die er anhand des ausgesuchten Modells anzufertigen plant, genau aussehen wird, steht noch nicht definitiv fest; vermutlich wird sie auf dem Boden knien und das linke Ohr an den Boden drücken, so, als lausche sie, was sich unter der Erdoberfläche abspielt. Was da krabbelt und gedeiht. Das passt: Immerhin soll die Vincent-Plastik in einem Weingebiet in British Columbia aufgestellt werden. Ende August will Coupland sich für ein Modell entscheiden, nachdem er sich von einem plastischen Chirurgen über die Eigenschaften des menschlichen Gesichts hat beraten lassen.

Und dann? Wirds in den darauffolgenden Jahren weitergehen: mit Henry VIII, mit Winston Churchill, mit Ann-Margret (ja, wir mussten auch googeln). Den Einwand, dass Bronze doch ein etwas gar angestaubtes Medium sei, um einem Kunstwerk 2016 Form zu verleihen, lässt Coupland nicht gelten: «Medien setzen keinen Staub an. Nur Ideen tun das», findet der 54-Jährige. Ausserdem würde diese Bronze-Serie ja – very 2016 – mithilfe des Internets zustande kommen. Wo er recht hat, hat er recht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 11:06 Uhr

Douglas Coupland (*1961) ist Schriftsteller und bildender Künstler. Der erste Roman des Kanadiers, «Generation X» aus dem Jahr 1991, wurde zu einem internationalen Bestseller. Die britische Zeitung «The Guardian» nahm 2009 zwei seiner Erzählungen, «Girlfriend in a Coma» und «Microsklaven», in die Liste der 1000 Romane auf, die jeder gelesen haben muss. 2013 wurde Coupland der Order of Canada verliehen, die höchste Auszeichnung, die kanadische Zivilpersonen erhalten können. Coupland lebt mit seinem Partner in West Vancouver, British Columbia. (Bild: Doris Fanconi)

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