Interview

Bruno fischt

Fotograf Bruno Augsburger über sein Leben in der Wildnis – und warum er an der Kunsthochschule ausgelacht wurde.

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Sie verbringen jedes Jahr mehrere Wochen in der Wildnis Kanadas, übernachten bei -30 Grad im Freien und riskieren von Bären gefressen zu werden. Ein ziemlicher Aufwand um gute Bilder zu machen.
Ich reise nicht in erster Linie zum Fotografieren in den Yukon.

Was suchen Sie denn fernab der Zivilisation?
Die Stille. Und Steinpilze.

Trotzdem schleppen Sie Ihr Fotoequipment mit, dokumentieren Ihre Erfahrungen in der Natur und stellen später Ihre Bilder aus.
Klar, ich bin ja auch Fotograf. Aber meine Aufnahmen sehe ich eher als Nebenprodukte. Manchmal fotografiere ich tagelang nichts, es kommt mir nicht mal in den Sinn. Das war nicht immer so. Früher riskierte ich auf der Jagd nach dem perfekten Bild sogar mein Leben, brach in vereisten Seen ein und stürzte von Bäumen.

Und heute?
Ich bin viel gelassener geworden. Die Natur hat mir beigebracht, dass sich nichts erzwingen lässt. Man kann drei Tage erfolglos an einem Bergsee fischen und auf der Elchjagd zeigt sich wochenlang kein Tier. Ähnlich verhält es sich beim Fotografieren. Auch da braucht es Geduld. Man beobachtet, wartet auf den richtigen Moment, der meist unverhofft kommt...

... und drückt ab?
Ja, doch hier hört die Analogie natürlich auf. Der Akt des Tötens, das ist etwas ganz anderes. Es ist ein brutaler Moment, wenn ein Tier unter der Gewalt einer menschlichen Waffe tot zusammenbricht. Das bewegt mich jedes Mal, obwohl ich meine Jagdfreunde ja nur als Helfer begleite.

Ihr Bild des toten Elches im Flussbett erinnert an eine Szene im Film «Into the Wild». Christopher McCandless Beute verfaulte in kurzer Zeit. Was hat er falsch gemacht?
McCandless hat vermutlich gejagt, als die Temperaturen noch zu hoch waren. Da legen Fliegen blitzschnell ihre Eier im toten Tier ab. Aber auch sonst muss das Fleisch nach dem Ausweiden sofort verpackt werden. Und das schaffen auch erfahrene Jäger nur in stundenlanger Arbeit, bei der jeder Handgriff sitzen muss. McCandless hatte leider weder die nötige Erfahrung noch das richtige Equipment.

Apropos Ausrüstung: Sie fotografieren hauptsächlich analog, warum?
Wenn im Umkreis von 500 Kilometern nur Bären und Elche hausen, sind Lademöglichkeiten für Akkus relativ dünn gesät. Fast noch wichtiger sind für mich aber ästhetische Aspekte.

Inwiefern unterscheidet sich heute die analoge noch von der digitalen Fotografie? Ist diese Debatte nicht nur etwas für Nerds?
Der ganze Prozess von der Filmwahl, über die Belichtung bis zum Drücken des Auslösers geschieht beim analogen Fotografieren viel bewusster. Digitalaufnahmen haben zudem oft etwas Aufdringliches, Hartes und Überästhetisiertes. Analoge Fotografie empfinde ich als ehrlicher und natürlicher. Für einen Naturfotografen ist das nicht unbedeutend.

Sie bezeichnen sich gelegentlich ja auch als Wald- und Wiesenfotografen. Wie kam es zu dieser Spezialisierung?
Während meines Studiums fiel ich in eine ausgeprägte Schaffenskrise. Ich wusste nicht, was ich wollte, kopierte andere Fotografen und scheiterte oft erbärmlich. Irgendwann realisierte ich, dass ich das machen muss, was ich kann und wovon ich etwas verstehe. Also verband ich meine beiden Leidenschaften, das Fischen und das Fotografieren.

Wie kam Ihr neuer Fokus damals an der Kunstschule an?
Als ich das Thema meiner Diplomarbeit im Plenum präsentierte, sorgte das für grosse Heiterkeit. Mein Professor stand mit offenem Mund da und meinte bloss: «Das ist aber nicht dein Ernst?» Neben so ambitioniert klingenden Arbeitstiteln wie «Ethik der Ästhetik» oder «Fotografie und Gender» meiner Kollegen war «Bruno fischt» natürlich schon fast ein Affront. (lacht)

Aber Ihrer Karriere hat das offensichtlich nicht geschadet?
Ich kann mich nicht beklagen, der irritierte Professor von damals kommt zumindest immer gerne an meine Ausstellungen und betrachtet, wie er meint, mein Schaffen mit grossem Interesse.

Eins Ihrer Bilder trägt den Titel «last shot». Gehen Sie in Rente?
Keineswegs. Dafür liebe ich die Fotografie zu sehr. Auf einem Trip verlor ich einst in unwegsamem Gelände meine kleine Leica, die ich für Schnappschüsse und Erinnerungsfotos brauchte. Fast drei Jahre später fand ich die Kamera in einem Flussbett wieder. Dank des robusten Titangehäuses blieben die Aufnahmen auf der Speicherkarte erhalten. «Last shot», das war das letzte Bild darauf.

Erstellt: 26.11.2013, 11:16 Uhr

Die Bildhalle in der ehemaligen Akryla-Fabrik in Kilchberg zeigt Werke von Fotografen, die sich im Spannungsfeld zwischen persönlichem Werk und Auftragsarbeiten bewegen. Die Ausstellung «Out there» von Bruno Augsburger dauert vom 28. November bis zum 31. Januar 2014.

Bruno Augsburger (45) stammt aus dem Kanton Bern und lebt und arbeitet in Zürich. Seit 2000 verbringt er jedes Jahr mehrere Wochen im kanadischen Yukon

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