Das Kunst-Kommando

Kunst umsonst, einfach so und an irgendwen – das ist das Projekt «Papergirl» Berlin. Dabei bekommt man einzigartige Kunstwerke aus aller Welt wortwörtlich nachgeworfen.

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Street-Art-Künstler haben es heute nicht einfach. Kunst auf der Strasse empfinden viele Menschen als störend, als Verschandelung des Stadtbildes. Die bestehenden Verbote und Vorschriften erschweren es den Strassenkünstlern zudem, ihre Werke unter die Leute zu bringen. «Papergirl» heisst das erfolgreiche Kunstprojekt, das ihnen genau dies jetzt auf legalem Wege trotzdem erlaubt.

In der deutschen Hauptstadt Berlin hat sich vor ungefähr vier Jahren eine Gruppe von Street-Art-Künstlern zusammengeschlossen, um die Plakatier- und anderen Verbote auf eine originelle Art und Weise zu umgehen. Auf ausgefallenen Fahrrädern radeln die Papergirls durch die Innenstadt und werfen ihre Kunst den Passanten einfach vor die Füsse. Diese reagieren auf die überraschenden Wurfgeschosse erst verdutzt, dann meist erfreut, seltener werden sie wütend. Die Papergirls reichen ihre Kunstgeschenke durch Autofenster, legen sie auf niedrige Balkone und lassen sie in offene Handtaschen gleiten.

Eine einfache Idee mit grossem Erfolg

Gründerin des Projekts ist Grafikdesignerin Aisha Ronniger. Sie war früher selbst Strassenkünstlerin und klebte ihre Werke in Form von Plakaten an die Wände. Infolge der aufkommenden Diskussionen über Plakatierverbote suchte sie nach einer Alternative, um Street-Art zu verbreiten. «‹Papergirl› ist ein Kunstprojekt, bei dem Kunstrollen vom Fahrrad aus verteilt werden – so ein bisschen, wie Zeitungsjungs in Amerika es tun, nur halt mit Kunst statt Zeitungen», erklärt Ronniger das Konzept von «Papergirl». Eine einfache Idee – die jedoch einschlug.

Was als Jux unter Designstudentinnen begann, krempelt heute weltweit die Street-Art-Szene um. Nur 30 Leute waren 2006 bei der ersten «Papergirl»-Aktion mit ihren Arbeiten dabei. Inzwischen gibt es die Kunstaktion auch in England, Rumänien, den USA, Südafrika und Israel, Anfragen aus Australien, Kanada, Portugal und China laufen. Das «Papergirl»-Projekt ist eine der letzten professionellen Plattformen, auf der sich Kunst ihrer Vermarktung und Vereinnahmung entzieht.

Ein Jahr für eine Viertelstunde

Zum fünften Mal seit 2006 fand kürzlich eine «Papergirl»-Aktion statt. 240 Künstler aus 18 Ländern machten mit. Zu unzähligen Rollen wurden ihre Werke zusammengefasst, die sie in langer Arbeit davor angefertigt hatten. Fast ein Jahr dauerten die Vorbereitungen. 60 freiwillige Helfer, unter ihnen auch ein paar der Künstler, verschenkten die Rollen schliesslich innerhalb einer Viertelstunde auf Fahrrädern in der Berliner Innenstadt. Den Termin kennen nur die Leute, die sich per Mail als Freiwillige für die Verteilung anmelden. «Niemand soll vorher von der Aktion wissen, schliesslich wollen wir ahnungslose Leute überraschen», betont Aisha Ronniger. «Daraus entstehen die schönsten Momente.»

Ganze 584 Kunstrollen gelangten dieses Jahr unter die Berliner Passanten. Die Werke gibt es nirgends zu kaufen. Wem also eine Rolle in die Hand fällt, darf sich als stolzen Besitzer eines Unikats sehen.

Erstellt: 22.07.2010, 14:15 Uhr

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