Das Museum Rietberg geht fremd

Die Ausstellung «Gastspiel» zeigt Schweizer Gegenwartskunst inmitten seiner Artefakte aus fremden Kulturen – und wirft damit brisante Fragen auf.

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Bestenfalls ist Kunst ja ein wildes Tier. Und das Museum die Manege, die dem Tier seine Bedeutung in der Gesellschaft zuweist. Elegant im Kreis geführt von ­einem Kurator. Das Museum ist die Instanz, die Kunst überhaupt erst als Kunst erkennt, sie benennt, beschriftet und betreut. Um sie dann erzieherisch mit uns, dem Kunstpublikum, in Kontakt zu bringen – berühren verboten, natürlich. Frei laufende Kunst, Kunst im öffentlichen Raum? Ein schwieriges Kapitel, vor allem in Zürich, Heimathafen eines ­Hafenkrans.

In der Zürcher Kunstchronik dieses Jahres gesellt sich zum streitbaren Thema des Hafenkrans ein neues ungebührliches, da kaltblütig gedachtes Experiment: Das städtische Museum Rietberg, international eine erste Adresse für aussereuropäische Kunst, öffnet sich einer Provenienz, die dort bis dato exotisch war – der Schweiz. 21 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler dieses Landes sind sozusagen ins Rietberg-­Museum migriert und haken sich dort in sämtlichen Gebäuden fest, auch im Park, und selbst in einzelnen Bäumen.

Pipilotti Rist beteiligt sich grosszügig mit zwei brandneuen Video-Halluzinogenen; sie bespielt im Foyer der Villa Wesendonck eine japanische No-Maske und giesst nachts über die Westfassade, quasi über die Architektur-Maske des Museums, eines ihrer tiefenentspannenden Farbpoeme aus. Fischli/Weiss lassen sich auf der Terrasse der Villa Schönberg mit prosaischen Betonlandschaften vertreten. David Renggli hat den Brunnen vor der Villa Wesendonck mit lotushaften Aluminiumrohren geentert, Fabian Marti eine rote Strandhütte der Renggli-Skulptur einige Hundert ­Meter weiter weg gegenübergestellt, dort, wo der Zürichsee die Bucht von ­Bahia ist. Yves Netzhammer konterkariert mit seinen computergenerierten ­Mudras (indischen Handgesten), blutroten Objekten und Kunstkorrosionen die Exponate des Schaudepots, wissend, dass besonders in diesen Grabkammern der Blutzoll hoch war. Stefan Burger infiltriert die weltberühmte Meiyintang Collection chinesischer Keramik: Den schmerzhaft schönen Alltagsgegenständen von damals stellt er scherzhaft banale Gebrauchsgegenstände der Massenproduktion gegenüber. Neben dem phänome­nalen Bronzepferd aus der Han-­Dynastie liegt beispielsweise lächerliche Frotteewäsche – der Museums-Glassturz wird zur Auslage einer angesagten Innendekorationsboutique.

Die Künstler-Schamanen Lutz & Guggisberg wiederum haben sich in der Alt­amerika-Sammlung eingenistet und stellen dort eine Art Werkschau der letzten 15 Jahre als dadaistisches ethnografisches Museum vor. Hier lebt und webt auch der Geist von Karl Valentin, der dem Künstlerbuch zur Ausstellung den Titel gegeben hat, unfreiwillig, doch ­sicher willig, ist anzunehmen: «Das Fremde ist nur in der Fremde fremd.»

Doch glaube keiner, dass zu diesen einheimischen Interventionen eine Lese- und Gebrauchsanleitung mitgeliefert wird! In der Ausstellung «Gastspiel» wartet Schweizer Kunst darauf, aufgestöbert und befragt zu werden, mit eigener Fantasie in Schwingung versetzt. Die riesige Himalaja-Fichte vor der Villa ­Wesendonck zum Beispiel ächzt in melancholischen Tönen: Peter Regli lässt aus ihr Mönchsgesänge aus Bhutan singen. Doch das weiss nur, wer das Glück hat oder das Pech, den Kurator persönlich anzutreffen und das Rätsel zu lösen. Das geht zwar jeden Samstagnachmittag flott, wenn Damian Christinger an seinem Kunst-Kundenschalter anwesend ist, doch an allen übrigen Tagen ist man auf sich allein gestellt.

Für den, der ohne Information vor dem Baum steht, leidet die ächzende ­Himalaja-Fichte, die in den 70er-Jahren hierher verschleppt wurde, an astreinem Heimweh. (Und auch für den, der an die Kraft der Fantasie glaubt und nicht an die Macht des Faktischen.) Der Urheber dieses Heimwehs nämlich, der Künstler Peter Regli, betreibt «Reality Hacking». Und genau das ist es, was hier absichtsvoll geschieht: «Gastspiel», die Ausstellung des Gastkurators Christinger, hackt die Realität, stellt die Vereinbarungen eines Museums, seinen Sinn und Zweck zur Disposition.

Das ist doppelt sinnig und doppelt brisant. Denn bekanntlich handelt es sich beim Museum Rietberg nicht um ein konventionelles Kunstmuseum. Was hier zu sehen ist, stammt aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien und ist mit kolonialem Blick auf Kunstsafaris aus seiner angestammten Kultur entfernt, eingefangen, gehortet und nach Europa verfrachtet worden. Ist so ein Museum heute noch ethisch vertretbar? Und was ist überhaupt Kunst? Und was das Fremde an ihr? Und wie nahe kann uns Kunst sein, die quasi vor der Haustür wächst? Näher, ferner? Solche und ähnliche Fragen ergeben sich aus dem Perspektivenwechsel, wenn zwischen den Objekten der Rietberg-Sammlung Schweizer Kunst wie ein Spaltpilz wächst, die in zeitlicher und geografischer Distanz zu den Museums-Artefakten entstanden ist.

Das vertraute Fremde

Die Lesart der Kunstkonfrontation bleibt indessen dem Publikum überlassen. Es ist einsichtig, dass dem Kurator und Kenner der asiatischen Kunst viel daran gelegen ist, die didaktische Haltung seines Gewerbes aufzubrechen: Christinger fordert nichts weniger als die Autonomie von Kunst ein und fordert das Kunstpublikum zur Autonomie auf. Richtig ist das – und richtig anspruchsvoll. Denn ist es nicht so: Man sieht, was man weiss, und man meint zu wissen, was man sieht? Unser Hirn ist eine überlastete Festplatte, leider.

Es gibt in der Ausstellung «Gastspiel» einige Positionen, die vielleicht einen Weg aus dem Dilemma zeigen. Pipilotti Rist zum Beispiel lädt uns ein, mit den Fingern zu sehen. Neue Sinne will die Kunst! Und eine neue sinnliche Wahrnehmung. Das fordern auch Lutz & Guggisberg, die mit ihren Anti-Skulpturen die Dimension des Mystischen und Metaphysischen antippen. Kunst als moderner Voodoo oder Fetisch für den aufgeklärten Weltbürger. Das Fremde mag das Andere sein, aber eigentlich ist es das unheimlich Vertraute.

Bis 9. November. Die Ausstellung ist zu Gast beim Blog «Zollfreilager» der ZHDK, bei dem die Autoren Lukas Bärfuss und Peter Weber mitschreiben. Gespräch mit der Künstlerin Pipilotti Rist und Damian Christinger anlässlich der Langen Nacht der Museen am 6. September.

(Erstellt: 12.07.2014, 07:51 Uhr)

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