Das Neue gehört in den Neubau

Die Kunsthaus-Abstimmung in Zürich ist gewonnen. Der Neubau soll mit der Sammlung Bührle Touristen in Massen anziehen. Das ist falsch, die Bilder müssen anders aufgeteilt werden.

Das Kunsthaus soll Touristen anziehen: Kunsthaus-Foyer (Aufnahme vom 30. Juni 2006).

Das Kunsthaus soll Touristen anziehen: Kunsthaus-Foyer (Aufnahme vom 30. Juni 2006). Bild: Keystone

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2017 werden jene 187 Werke, die zur Stiftung E. G. Bührle gehören und knapp zwei Drittel seiner Sammlung ausmachen, ins Zürcher Kunsthaus einziehen (hoffentlich von einer unabhängigen Kommission auf ihre Provenienzen geprüft). Aus den Abstimmungsunterlagen und aus den aufgelegten Plänen geht jedoch nicht hervor, wohin genau sie kommen.

Im (aus unverständlichen Gründen nicht publizierten) Vertrag zwischen der Zürcher Kunstgesellschaft und der Stiftung Bührle ist indes von einer «integralen» Ausstellung auf 960 Quadratmetern im Erweiterungsbau die Rede. «Integral» – das heisst die zusammenhängende Präsentation von sehr Unterschiedlichem: 24 mittelalterliche Skulpturen und 2 gotische Altartafeln, 26 italienische und holländische Bilder des 16. bis 18. Jahrhunderts (sowie je ein Greco und Goya), 31 zwischen 1800 und 1870 entstandene französische Gemälde und 27 Werke der französischen klassischen Moderne.

Als weiterer Sammlungsblock figuriert dazwischen die Kunst des als «Leuchtturm mit internationaler Ausstrahlung» beschworenen Impressionismus. Diesem sind – bei einer sehr grosszügigen Auslegung des Begriffs, also inklusive Van Gogh, Gauguin, Cézanne, Toulouse-Lautrec, Bonnard und Vuillard – 75 Werke zuzurechnen, von denen aber nur gegen 50 Museumsqualität ausweisen. Das Kunsthaus Zürich mag mit der Dauerleihgabe der Bührle-«Impressionisten» zwar nach Paris dann die zweitgrösste Sammlung dieser beliebten Kunstrichtung beherbergen, aber bei weitem nicht die zweitbeste.

Was heisst integral?

Museen sollten ohnehin keine Vehikel für die Tourismusförderung oder das Stadtmarketing sein: Museen sind Orte der Pflege des kulturellen Erbes und seiner zeitgemässen Vermittlung. Alle Museen in den von Zürich ach so gerne imitierten europäischen Kunststädten wie Paris, Berlin oder München folgen dabei immer dem Lauf der Geschichte und Kunstgeschichte im Wissen, dass sich nur so Sinn herstellt. Das Neue, also die Moderne, gelangt dabei immer in den Neubau: In Paris bedeutet das die Abfolge Louvre, Musée d’Orsay, Centre Pompidou, in München Alte Pinakothek, Neue Pinakothek, Pinakothek der Moderne.

Nur Zürich will ausscheren und eine in ihrer Entstehungsgeschichte heftig umstrittene Privatsammlung, die nicht a priori unserem kulturellen Erbe zuzurechnen ist, aus touristischen Erwägungen an einem völlig falschen Ort platzieren – anders als etwa Basel, das aus guten Gründen auf einen «Beyeler-Wing» verzichtet hat. Die Bührle-Sammlung integral in den Neubau: Das ist auch eine Kapitulation vor der eigenen Sammeltätigkeit. Das Kunsthaus Zürich verfügt über eine historisch gewachsene Sammlung von eigenem Gewicht, in welche andere Sammlungen allenfalls zu integrieren sind – nicht umgekehrt.

Im Schlussspurt vor der Abstimmung haben Stadtpräsidentin Corine Mauch und Bührle-Direktor Lukas Gloor plötzlich unisono schriftlich verlauten lassen, der Begriff integral sei nicht «buchstabenmässig auszulegen» und lasse «Raum für thematische Blöcke». Es war davon die Rede, Monets drei Seerosenbilder, die auf einer gemeinsamen Reise mit dem damaligen Kunsthausdirektor René Wehrli von E. G. Bührle 1951 erworben wurden und von denen er zwei im Hinblick auf den Bau des Bührle-Saals später dem Kunsthaus schenkte, zusammen zu zeigen.

Man darf ruhig etwas weiter denken. Die Bilder der Stiftung Bührle lassen sich kunsthistorisch unschwer in fünf Abteilungen gliedern. Block 1: Die mittelalterlichen 24 Skulpturen und zwei Altartafeln würden die Kunsthaussäle mit den «Nelkenmeistern» bereichern. Block 2: Die italienischen Bilder von Tintoretto bis Canaletto passen hervorragend in die (geschenkte) Sammlung Koetser, die holländische Malerei von Patinir bis Frans Hals zur Ruzicka-Stiftung. Block 3 mit Delacroix, Corot, Daumier bis Courbet ergänzt nach dem «eigenen» Füssli jene Werkgruppe, die Wehrli im Hinblick auf Bührle aufbaute, der seine Sammlung schliesslich dem Kunsthaus einmal hat schenken wollen. Bleibt der «Impressionismus». Hier ist die BührleSammlung für einmal stärker als das Kunsthaus, das allerdings dank der grossartigen Schenkung von Walter Haefner keineswegs leer dasteht.

Dies alles hat samt den andern Schweizern – Koller und Zünd, Hodler und Segantini, Amiet oder Vallotton –, aber auch Munch und Kokoschka und allenfalls den Fauves aus der BührleStiftung bestens Platz in den drei Gebäudeteilen des Altbaus und wertet diesen entsprechend auf. Das ist dringend nötig, will er nicht zum Altmeister- und Schweizergrab verkümmern, zu dem nur wenige, vom Neubau betört, durch die allzu schmale TunnelUnterführung zurückfinden werden.

In den Neubau gehört auch das Neue! Zum Ersten: Das Kunsthaus Zürich besitzt nicht nur eine der grössten, sondern mit unzähligen Dokumenten eine der weltbesten Dada-Sammlungen. Dada ist schliesslich 1916 von Emigranten in Zürich erfunden worden und hat als «Urei der Moderne» als einziger veritabler Zürcher Export in alle Welt ausgestrahlt. Weiter: Der wesentlichste eigene Beitrag Zürichs zur Moderne ist der Konstruktivismus (allerdings nicht deren Verkleinerungsform, die an der Sihl ghettoisierten «Zürcher Konkreten»). Zürich hat in der Nachfolge des Bauhauses eine zentrale Rolle in der Verbreitung des «Neuen Bauens» gespielt, mit markanten Zeugnissen in der Stadt selbst, und mit Lehrern wie Finsler, Carola und Sigfried Giedion, Itten, Stankowski oder Alfred Roth diesen Geist vermittelt. Künstler wie Bill, Lohse und Fischli haben von der Typografie zum Design, von der Sachfotografie zur Plakatkunst einen Zürcher Weltruf begründet.

Geschichte statt Glamour

Dieses Gesamtkunstwerk sollte im Erdgeschoss des Erweiterungsbaus die erstaunliche Zürcher Visitenkarte bilden (anstelle des überflüssigen Festsaals, da genügt der «Grosse Vortragssaal» im Altbau). Oben könnten die anderen wichtigen Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts folgen, von Dada zu Surrealismus und Pop-Art, vom Kubismus zur Minimal Art und der Looser-Leihgabe. Dazu die widerspenstige Zürcher Figuration und die unterschätzten Bildhauer, die einzigartigen Werkgruppen Alberto Giacometti, Cy Twombly, Joseph Beuys bis zur Gegenwartskunst. Der wichtige mittelgrosse Saal würde für Wechselausstellungen zur Verfügung stehen.

So wären die Gewichte richtig verteilt, so ist der historische Ablauf gewahrt und ordnende Vermittlung möglich. Alles andere ist ein dem blossen Glamour gehorchendes Potpourri, das für eine Ausstellung als Unterhaltung noch taugen mag, nicht aber für eine Sammlung mit kunsthistorischem Anspruch. Das «Sammlerprofil Bührle» ist getrost zu vernachlässigen, es ist kein Ruhmesblatt. Da von offizieller Seite betont wurde, die knapp gewonnene Abstimmung hätte mit der Bührle-Sammlung und dem Vertrag über die Aufteilung nicht primär zu tun, kann dieser jetzt auch problemlos geändert werden – im Sinne der skizzierten, besseren, vernünftigeren Lösung.

Erstellt: 01.12.2012, 09:40 Uhr

Der Autor

Guido Magnaguagno war Vizedirektor des Kunsthauses Zürich und Direktor des Tinguely-Museums in Basel. Seit 2011 ist er Präsident von Visarte Zürich, dem Berufsverband visuell arbeitender Künstler.

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