Hintergrund

Das Zürcher Spiel mit der Bombe

«First Strike» gehört derzeit zu den beliebtesten Apps. Atomraketen fliegen hin und her, und eine ganz bestimmte Absicht steckt dahinter.

Bis Nordkorea komplett verwüstet ist und kapituliert: Eine Runde First Strike.


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London schiesst eine Atombombe in Richtung Washington. Doch die Rakete wird rechtzeitig abgefangen, und Washington jagt prompt zwei Raketen zurück. London wird komplett zerstört, der Spieler beisst sich in den Knöchel. Dann bringt er eilig eine neue Rakete in Stellung.

So verläuft ein typischer Zug von «First Strike». Das Strategiespiel ist seit Mitte März auf dem Markt und stand letzte Woche in der Schweiz, in Portugal und Hongkong auf Platz eins der iPad-App-Stores. In Deutschland war das Game auf Platz zwei, in den USA in den Top 15. Fast 20'000 Stück wurden bisher verkauft.

Hinter dem Atomkriegsspiel steht die Zürcher Digital-Firma Feinheit und die zugehörige Game-Agentur Blindflug Studios. Feinheit hat bereits verschiedene Games produziert, die die Nutzer für Gefahren sensibilisieren und trotzdem spassig sein sollen, so zum Beispiel das Actionspiel «Born to Run» für den Antidopingverband.

«Mit Atomkrieg auseinandersetzen»

«Wir wollen die Menschen dazu bringen, sich mit der nuklearen Gefahr auseinanderzusetzen», sagt «First-Strike»-Produzent Moritz Zumbühl. Er hoffe, dem Spieler die «moralischen Aspekte eines Atomkriegs» näherzubringen.

Wie sehr sich Zumbühl und seine Mitarbeiter in die Problematik vertieft haben, zeigt ihr Blog zum Game, in dem sie über Filmklassiker wie «Dr. Strangelove» oder «War Games» ebenso nachdenken wie über die Strategie des französischen Militärs. In Zumbühls Aussagen hallt diese gespenstische Faszination für die unglaubliche Macht des gespaltenen Atoms nach – diese seltsame Mischung aus Angst, Staunen und Verlockung, die auch in der Schweiz in der Vergangenheit nicht so selten war. Bis weit in die 1960er verfolgte der Bundesrat ein Nuklearwaffenprogramm, zweimal votierte das Stimmvolk für die Option Atombombe, und Dürrenmatt verarbeitete die Problematik zu einem modernen Klassiker («Die Physiker»).

25 Prozent des Nettoertrags von «First Strike» spenden die Macher an Organisationen, die sich für die nukleare Abrüstung einsetzen. Im Spiel selbst kommt Zumbühls moralischer Anspruch subtil zum Ausdruck. Das Spielprinzip der Echtzeitsimulation lässt dem Gamer, gehetzt von den ständigen Attacken, keine Zeit zur Reflexion. Die Verheerungen bleiben abstrakt; rote Kreuze markieren verseuchte Landstriche, Statistiken informieren über die Todesopfer.

Das geheime friedliche Ende

Es ist also durchaus zweifelhaft, ob das Spiel sein pädagogisches Ziel tatsächlich erreicht. Denn die meisten Fans feiern allein die kalte Ästhetik und die exakt orchestrierten Zerstörungsorgien. Ein Kommentator schlägt Zumbühl vor: «Es wäre toll, wenn man zusätzlich zum Mond fliegen und dort Atombomben bauen und auf die Erde runterschiessen könnte. Das wär cool, so was wie eine planetare Totalauslöschung.»

Doch womöglich wird die Beurteilung von «First Strike» in den nächsten Wochen eine sehr überraschende Wendung nehmen. Zumbühl verrät: «Es gibt eine Möglichkeit, das Spiel in Frieden und Wohlstand enden zu lassen.» Noch sei diese Spielvariante aber nur Insidern bekannt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.03.2014, 12:37 Uhr

Info

First Strike ist für 4 Franken im AppStore und für 3.50 Franken im Google Play Store zu kaufen.

Szene


Gewaltige Zerstörungen: Szene aus «First Strike».

Atombombentest in Französisch-Polynesien im Juli 1970. (Bild: Keystone )

Ikone der Atomkriegsdebatte: Die Figur des Dr. Strangelove im gleichnamigen Film von Stanley Kubrick (1964).

Atomkrieg per Personal Computer: «War Games» von 1983.

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