«Das ist eine Chance für das Museum»

Kunsthistoriker Roger Fayet sagt, das Kunsthaus Zürich hätte wegen des zweifelhaften Tizian früher reagieren müssen. Der Fall bleibe aber spannend.

Roger Fayet leitet seit 2010 das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft und lehrt an der Universität Zürich.

Roger Fayet leitet seit 2010 das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft und lehrt an der Universität Zürich. Bild: SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)

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Das Kunsthaus Zürich hat Anfang Jahr einen Tizian erworben, dessen Echtheit angezweifelt wird. Das Museum hat sich auf die Echtheitszertifikate des Verkäufers gestützt. Müsste es nicht zwingend eigene Nachforschungen machen?
Das Museum hat bei einer Erwerbung oder Schenkung natürlich ein Interesse daran, möglichst genau über die Authentizität des Werks Bescheid zu wissen. Meistens ist das Gutachten, das ein Verkäufer dem Museum vorlegt, vollkommen ausreichend, denn es stammt in der Regel vom massgeblichen Experten für den betreffenden Künstler. Aber es gibt auch immer wieder Fälle, in denen das Einholen einer zusätzlichen Meinung angezeigt ist. Das ist etwa dann der Fall, wenn das Bild selbst noch in der jüngeren Vergangenheit eine wechselhafte Zuschreibungsgeschichte hat oder wenn der Gutachter nicht als hervorragend ausgewiesener Spezialist gilt. Beides scheint mir bei dem fraglichen Bild der Fall zu sein. Im Grunde ist es nicht viel anders als in der Medizin: Es wäre Unsinn, immer eine Zweitmeinung einzuholen, aber in gewissen Fällen kann sie doch hilfreich dabei sein, um sich für oder gegen etwas zu entscheiden.

Was kosten eigentlich solche Expertisen? Gibt es da einen Standardpreis, der transparent und für jedermann einsehbar ist, oder bemessen sich diese Expertisen am Wert des zu schätzenden Gemäldes?
Expertisen, die sich am Wert des zu beurteilenden Bildes bemessen, halte ich für problematisch. Der Experte hat in diesem Fall ein monetäres Interesse daran, dass das Bild möglichst viel wert ist beziehungsweise für echt angesehen wird. Seriöser ist es, mit einer Pauschale zu operieren, die unabhängig vom Ergebnis von vornherein festgelegt ist. Wenn allerdings aufwendige naturwissenschaftliche Verfahren zum Einsatz gelangen, wird das in der Regel nach Aufwand verrechnet. So jedenfalls handhaben wir das am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft.

Einerseits gibt das Museum der Kritik recht und ändert die Etikette des Bildes von «Tizian» auf «Tizian zugeschrieben». Andererseits wehrt es jede Kritik ab, indem es zwischen «echt» und «zugeschrieben» keinen Unterschied machen will. Ist «zugeschrieben» denn gleich wie «echt»?
Verwendet man das Wort «zugeschrieben» bei der Nennung eines Malers, heisst das, dass die Zuweisung des Werks zu diesem Künstler nicht gesichert ist. Man bringt damit zum Ausdruck, dass man selbst zwar der Auffassung ist, das Werk stamme vom besagten Maler, aber dass einem eine absolut verlässliche Grundlage für diese Meinung fehlt oder dass es auch gegenteilige Beurteilungen gibt. Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: «Tizian zugeschrieben» bedeutet, dass die besagte Autorschaft sowohl von der Wissenschaft als auch vom Kunstmarkt als zweifelhaft angesehen wird.

«‹Tizian zugeschrieben› bedeutet, dass die besagte Autorschaft sowohl von der Wissenschaft als auch vom Kunstmarkt als zweifelhaft angesehen wird.»

Wie müsste Ihrer Ansicht nach das Museum reagieren, wenn die Echtheit eines Werkes infrage gestellt wird?
Ich würde die Geschichte rund um das Tizian-Bild als Chance für das Museum sehen. An diesem einen Fall lässt sich so viel Spannendes zeigen: wie schwierig es sein kann, bei einem Bild aus der Renaissance zuverlässig über den Urheber Bescheid zu wissen. Wie sich die Zuschreibung über die Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg ändern kann, ist nicht nur abhängig vom jeweiligen Forschungsstand, sondern zum Teil auch von der wechselnden Wertschätzung, die man den Künstlern entgegenbrachte. War es früher besser, ein Werk von X zu haben, war es später vorteilhafter, wenn es eines von Y war. Man könnte den Museumsbesuchern auch vermitteln, welche Rolle den Fachexperten bei der Authentifizierung zukommt und mit welchen Methoden sie ihre Arbeit wahrnehmen. Man könnte zeigen, was optische Verfahren und naturwissenschaftliche Analytik heute dazu beitragen können. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Thematisierung dieser Fragen, vielleicht ergänzt mit Aufnahmen unter Röntgen- und Infrarotlicht, sowie Informationen zu den verwendeten Materialien das Publikum faszinieren würden.

Erstellt: 27.08.2019, 15:07 Uhr

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