Das letzte Mahl

Ein Fotograf stellte die finalen Essenswünsche von Todeszelleninsassen in Stillleben nach – und entdeckte eine morbide Poesie.

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Was wünscht sich ein wegen 168-fachen Mordes zu Tode verurteilter Mann als letzte Mahlzeit? Einen Becher Minzeis mit Schokostücken.

Als der neuseeländische Fotograf Henry Hargreaves die Henkersmahlzeiten von Häftlingen im Todestrakt recherchierte, passierte etwas mit ihm: «Für einen kurzen Moment konnte ich mich mit diesen Leuten identifizieren – nur dadurch, was sie bestellt hatten», so Hargreaves in einem Interview mit dem «Vice»-Magazin. So entstand sein Projekt «No Seconds» («Kein zweiter Gang»): Er stellte die letzten Essenswünsche aus den Todeszellen nach und arrangierte sie in Stillleben von bedrückender Kraft.

Hargreaves machte sich vor allem mit seiner fotografischen Inszenierung von Essen einen Namen: Er schuf etwa Portraits von Berühmtheiten wie Marilyn Monroe aus Toastbrot und arrangierte Mahlzeiten in Regenbogenfarben. Ebenfalls legendär sind seine «Deep Fried Gadgets»: Dort verbrutzelt er Ipads und andere elektronische Geräte – und präsentiert sie als Mahlzeit auf dem Teller.

«Den spare ich mir für später auf»

Bei seiner Auswahl in «No Seconds» konzentrierte sich der Künstler ausschliesslich auf die speziellsten Wünsche: So bestellte ein Häftling etwa nur eine einzelne Olive mit Stein, die als Symbol für Wiedergeburt gelte: «In diesem Sinne ist es eine interessante Vorstellung, mit einem Olivenstein im Bauch begraben zu werden.» Eindrücklich auch der Kommentar eines Mannes zu seinem Kuchen mit Pecannüssen: «Den spare ich mir für später auf», habe er dem Wärter gesagt.

Zu Beginn des Projekts hatte Hargreaves übrigens gerade gelesen, dass das letzte Mahl in Texas abgeschafft werden sollte: Nachdem ein Häftling seine üppige letzte Mahlzeit nicht angerührt hatte, legte ein Senator Einsprache ein: Wunschmahlzeiten seien «ein extrem unangemessenes Privileg». Todeskandidaten sollen die gleichen Menüs erhalten wie die anderen Häftlinge auch. Sein Einspruch setzte sich durch: Seit Ende 2011 wird die Henkersmahlzeit in Texas nicht mehr serviert. Was der besagte Häftling bestellt hatte? Zwei frittierte Hühnchenbrüste, ein Pfund Grillfleisch, einen Triple-Cheeseburger, eine Fleischpizza, drei Fajitas, ein Omelett, eine Schüssel Okra, Eis, Erdnussbutter und drei Wurzelbier. (lkra)

Erstellt: 03.01.2014, 17:52 Uhr

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