Der Aufbruch der Schweiz

Ein Land strebte vorwärts – und Fotograf Hans Steiner hat es festgehalten: Sein in Vergessenheit geratenes Werk ist jetzt in der Fotostiftung Schweiz zu sehen.

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Man könnte die Geschichte ordentlich erzählen, von Anfang an, dann entsteht die offizielle Version, und die handelt von Hans Steiner, geboren 1907 in Bern, kaufmännische Lehre, Buchhalter in einem Davoser Möbelhaus. Hobbys: Pfadi, Bergsteigen, Skifahren, Fotografieren. Leidenschaft und Talent hat Steiner für vieles. Aber Fotografieren wird sein Beruf – in Davos wechselt er in ein Fotogeschäft und gründet dann in Bern ein eigenes. Er macht Porträts, Stadtansichten, Sach- und Werbefotografie; einer seiner Kunden ist ein gewisser Guisan. Hans Steiner gibt dem General jenes Gesicht, mit dem er die Amts- und Wirtsstuben erobert.

Seine erste Reportage für die Presse handelt von den Freuden des Skisports. Und die spektakulären Bilder, die er von der Eroberung der Eigernordwand macht, teilweise aus einem gemieteten Flugzeug, gehen 1937 um die Welt. Überhaupt ist dieser Steiner immer zur Stelle, wo sich Tatkraft und Fortschritt zeigen: Er fotografiert die urbane Schweiz, den Schneid der Industrie, die Energie der Soldaten, die Jugend beim Sport oder Frauen, die Auto fahren und kurze Haarschnitte tragen. «Chronist des modernen Lebens» – unter diesem Titel hat ihn das Lausanner Musée de l’Élysée präsentiert, und die Fotostiftung Schweiz in Winterthur, welche die Ausstellung jetzt zeigt, ist noch pointierter: «Alles wird besser».

Was heisst Fortschritt?

Man kann die ganze Geschichte aber auch anders erzählen: von ihrem Ende her. Dann handelt sie von Hans Steiner, gestorben am 3. Mai 1962, nachdem er bei einem Vortrag zusammengebrochen war. Thema seines Vortrags war Plurs, ein Städtchen im Bergell, das einmal reich gewesen war wegen des Specksteins, der hier abgebaut und zu Geschirr verarbeitet wurde, das europaweit gefragt war. 1618 beerdigte ein Bergsturz jedoch den ganzen Wohlstand. Irgendetwas daran packt Steiner derart, dass er Plurs ausgraben lassen will und dieser Idee jede freie Minute opfert – bis zur Erschöpfung. Warum aber will einer, der sich dem Vorwärts verschreibt, zurück in die Vergangenheit? Erinnert ihn Plurs womöglich an ein anderes Wirtschaftswunder oder ans Ende von Pompeji und Babel?

Auf jeden Fall gibt es bei ihm auch ein Bewusstsein für die Kosten des Fortschritts. Ganz direkt stellt er sich in den Dienst des Heimatschutzes (der «Ökologie», mit einem heutigen Wort), als der Kanton Bern 1956 einen Staudamm bewilligen will, der ein unberührtes Tal am Wildhorn fluten soll. Steiners Reportage aus dem Geltental erscheint in der Zeitschrift «Die Woche»: «Was nützte es dem Menschen, wenn er billige Kilowattstunden gewänne?» Schliesslich bricht die Regierung das Vorhaben ab. Doch Steiner erzählt mit Staumauern auch ganz andere Dinge. Für die Industrie fotografiert er den Bau der Grande Dixence – und schafft euphorische Bilder der Modernität. Dieser Fotograf hat seine Widersprüche; die lassen sich höchstens auflösen, wenn man bedenkt, dass in den Fünfzigerjahren eben auch das modern ist: die Sorge um den Lebensraum.

Optimistische Bilder

Von dieser Seite bekommt man Steiner in der Ausstellung aber nicht zu sehen. Aus den allermeisten Bildern springt einen die Freude an der Gegenwart an, die Vorfreude auf die Zukunft. In diesem Optimismus sehen die Kuratoren Steiners Originalität. Zudem zeigen sie fast keine zusammenhängende Reportage, sie setzen auf ästhetisch bestechende Einzelbilder und berufen sich dabei auf Sehgewohnheiten von heute, und die seien geprägt von der Mode- und der Kunstfotografie (den Inszenierungen eines Jeff Wall, dem eleganten Formalismus der Bechers und ihrer Schüler). Und auch vom Film. David Lynch? Da und dort kann man es in Steiners Bildern sehen: das Unheimliche, das Kippen ins Surreale, dieses Beben unter der allzu polierten Oberfläche.

Natürlich ist das ein einseitiger und verkürzter Blick auf dieses Werk. Und ein Verlust an dokumentarischem Wert: je mehr Kunst, desto weniger Geschichte, auch wenn nun zusätzlich Originalreportagen Steiners zu sehen sind, die ihn in seinen Zeitkontext rücken. Doch das Ergebnis gibt der Auswahl recht: Hier kommt das ganze Können eines vergessenen Fotografen ans Licht. Steiner baut seine Nachkriegsschweiz aus viel Licht und klaren Linien, und in diese Dynamik fügt er bruchlos die Menschen ein – nicht als Opfer der Verhältnisse, sondern als Gestalter ihrer Zeit.

«Lied auf die Arbeit»

Steiner weiss, wie man den Blick packt. Er wirft ihn in Perspektiven von oben und unten, und nicht umsonst begegnet man hier so vielen Zuschauern von Sportanlässen – unmöglich, ihren Blicken nicht zu folgen. Richtig versessen ist der Fotograf auf Sehschlitze, Bullaugen, Brillen. Und auf Spiegel; manche Bilder blicken zurück.

Hinzu kommt ein Sinn fürs Theatralische. Seine Akteure sind oft Träger einer Rolle, einer Idee; viele seiner Bilder sind Sinnbilder. 1943 zeigt die «Schweizer Illustrierte Zeitung» die Lieblingsbilder ihrer Fotografen – das plakativste ist von Steiner: Wegmacher beim Berggang, die Pickel geschultert, von unten aufgenommen im Gegenlicht, dramatische Silhouetten vor dem gleissenden Himmel. «Die vorliegende Fotografie», erklärt Steiner, «ist für mich der Inbegriff geworden von ‹Arbeit und Aufstieg›, gewissermassen ‹das Lied auf die Arbeit›.»Der Name dieses Mannes hatte «im ganzen Land und darüber hinaus einen guten Klang», wie der «Bund» im Nachruf schrieb. Das war 1962 – heute geht es um eine Wiederentdeckung. Steiners Werk geriet in Vergessenheit, weil er nicht zur Zürcher Kübler-Schule gehörte, nicht zu jener sozialkritisch engagierten Fotografie, für die sich die Historiker lange am meisten interessierten. Natürlich, die Geschichte der Fotografie ist voll von Vergessenen. Aber unter den Vergessenen war Steiner ein Grosser.

Erstellt: 01.06.2011, 08:04 Uhr

Steiners Wiederentdeckung

Von Lausanne nach Winterthur

106'000 Aufnahmen, als Miniaturabzüge auf 7000 Kartons geklebt – das ist Steiners Nachlass, den das Élysée 1989 gekauft hat. Fünf Jahre dauerte die Aufarbeitung in Zusammenarbeit mit der Uni Lausanne, dem Institut zur Erhaltung der Fotografie in Neuenburg, dem Berner Büro für Fotogeschichte und Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturguts. Nach Lausanne wird die Ausstellung jetzt in der Fotostiftung in Winterthur gezeigt (bis 9. Oktober). Dazu sind ein Katalog (Limmat-Verlag) und ein Dokumentarfilm auf DVD erschienen. (ddf)

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