Der Auftrag war erledigt, da fiel sein Blick auf den Matisse

Vjeran Tomic stahl Bilder aus dem Pariser Museum für moderne Kunst. Wert: 70 Millionen Dollar. Wie er zum Meisterdieb wurde.

Waren damals lange überfordert: Ermittler nach dem Kunstraub von Vjeran Tomic am 20. Mai 2010 in Paris. Foto: Benoit Tessier, Reuters

Waren damals lange überfordert: Ermittler nach dem Kunstraub von Vjeran Tomic am 20. Mai 2010 in Paris. Foto: Benoit Tessier, Reuters

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Zu einer Zeit, als noch kein Mensch in Paris den Namen Vjeran Tomic kannte, trainierte der Einbrecher auf einem Friedhof. Père Lachaise heisst jene gut 43 Hektar grosse neogotische Nekropole im 20. Arrondissement. Frédéric Chopin liegt hier begraben ebenso wie Marcel Proust, Oscar Wilde und viele andere. Tomic kann sich erinnern, dass Père Lachaise in seiner Jugend (in den 1980er-Jahren) eine Pilgerstätte für Rockfans aus aller Welt war, die einmal am Grab von Jim Morrison stehen wollten.

Beliebt war das gruftigromantische Areal aber auch bei Drogendealern und Strassengangs. Tomic selbst faszinierten vor allem die grossen Grabmonumente. In einem von zwanzig Briefen, die ich in anderthalb Jahren von ihm erhielt, schreibt er in seiner peniblen Handschrift über die Bauten der Toten: «Allein ihr Anblick weckte in mir den Wunsch, sie zu berühren – ihre höchste Spitze zu erklimmen.»

Kurzerhand machten Tomic und Kollegen den Ort der Stille zu ihrer persönlichen Parkour-Anlage, wo sie zwischen Mausoleen von Dach zu Dach sprangen und immer halsbrecherische Stunts wagten.

Damals liess sich Tomic nur noch selten zu Hause blicken. Seine Eltern, bosnische Einwanderer, wohnten zwar nur wenige Häuserblocks von Père Lachaise entfernt, doch das Verhältnis zu ihnen war angespannt. Tomic kam 1968 in Paris zur Welt, wegen einer schweren Erkrankung der Mutter schickte ihn der Vater, ein Automechaniker, jedoch bereits ein Jahr nach seiner Geburt zur Grossmutter ins bosnische Mostar.

Dort, gesteht er mir, machte sich schon mit sechs seine, wie er es nennt, «Tendenz zur Grenzüberschreitung» bemerkbar. «Ich war ohne Zweifel intelligent, aber auf ungute, asoziale Weise», sagt er im Rückblick. So platzierte er etwa Dornen in den Schuhen seiner Cousins und wartete ab, was geschah. Die Jungs spielten oft am Ufer der Neretva, wo sich Tomic dadurch hervortat, dass er an den hohen steinernen Brücken hochkletterte, um von oben ins eiskalte Wasser zu springen.

Sein professionelles Selbstbewusstsein steigerte sich bis zu einem Punkt, an dem er sich «unzerstörbar und unverwundbar» wähnte: Meisterdieb Vjeran Tomic. Foto: Yann Stofer

Bei seinem ersten Einbruch war Tomic zehn Jahre alt. Über ein Fenster in drei Meter Höhe stieg er in die Stadtbibliothek von Mostar ein und entwendete zwei wertvolle historische Bücher. (Der ältere Bruder eines Freundes sorgte später dafür, dass Tomic seine Beute herausrückte und die Stadt ihre Bücher wiederbekam.) Über seine unbeschwerte kriminelle Frühzeit als Einbrecher sagt er: «Es war reine Intuition. Niemand hat mir irgendetwas davon beigebracht.»

Obwohl er nur rudimentär Französisch sprach und die Eltern kaum noch kannte, kehrte er mit elf nach Paris zurück, wo er zuerst kreuzunglücklich war. Den Eltern warf er vor, ihn aus seinem Leben in Bosnien herausgerissen zu haben. Doch diesen erging es nicht besser, sie lebten, so Tomic, «in einer Apokalypse» und stritten unentwegt.

Trotz des häuslichen Kleinkriegs war Tomic gut in der Schule und gehörte in Sport sogar zu den Besten. Daneben interessierte er sich für Zeichnen und streifte in seiner freien Zeit oft durch die Strassen von Paris.

Er war sechzehn Jahre alt, als ihm bei einem Spaziergang durch die Tuilerien, unweit der Place de la Concorde, die Warteschlange vor einem historischem Glashaus auffiel. Es war das Musée de l’Orangerie, das bei seiner Errichtung im Jahr 1852 tatsächlich einmal als Winterquartier für die kälteempfindlichen Orangenbäume des Tuileriengartens diente. Inzwischen beherbergte der lichtdurchflutete Bau Meisterwerke des Impressionismus und des Postimpressionismus. Tomic stellte sich an und ging hinein.

Am bekanntesten ist dieses Museum für seine ovalen Säle mit den panoramaartig gehängten Seerosenbildern von Monet. Doch mehr als von den Seerosen war Tomic von Renoirs Kinderidyllen gefesselt, die ihm geradezu irreal anmuteten. Kinder mit Spielfiguren in der Hand, Mädchen am Klavier, Mütter mit Kind: Szenen aus einer abgehobenen Bourgeoisie, so weit weg von seiner eigenen Tristesse, dass es ihm vorkam, als hätte der Maler sich hier ein «Paralleluniversum» geschaffen.

«Renoir blickt aus einer magischen Position auf dieses Kinderleben», schrieb mir Tomic. «Und er macht es so, dass man glauben könnte, er käme gleichfalls aus dieser Welt.» Alle diese überwältigenden Bilder waren plötzlich in «Griffweite», wie Tomic es ausdrückte. Er brauchte nur zuzulangen – und diese Traumwelt war sein.

Nach und nach dehnte Tomic seine Raubzüge auf die besseren Viertel aus.

Tomic weiss noch, wie er seiner Mutter daheim von dem Erweckungserlebnis im Museum erzählte und von seinem Wunsch, Maler zu werden. «Es war mein Traum. Dagegen war alles andere wertlos und reine Zeitverschwendung.» Gleichzeitig fürchtete er das vernichtende Urteil seines Vaters und überliess es der Mutter, diesem «die Message rüberzubringen».

Sein Vater sprach ihn auch bald darauf an, meinte, Malen sei ein Hobby, kein richtiger Beruf, und drängte ihn, sich um eine Lehrstelle in der Garage zu bewerben, in der auch er arbeitete. Tomic aber widersetzte sich, «dachte zeitweise sogar ans Abhauen».

Einen Grossteil seiner Zeit verbrachte er ohnehin mit seinen Kumpels auf dem Friedhof Père Lachaise oder in leer stehenden Lagerhäusern im näheren Umkreis, zur Schule ging er nur noch sporadisch. Das Geld für ihr Rebellenleben besorgten sich die Jungs auf dem Billigflohmarkt an der Metrostation Porte de Montreuil, wo sie Glaswaren vertickten, die sie zuvor in einer örtlichen Glasfabrik geklaut hatten.

Gleichzeitig begnügte sich die Clique nicht länger mit Grabmonumenten auf Père Lachaise, sondern nahm die Fassaden der umliegenden Wohnhäuser in Angriff, hinter denen einiges zu holen war.

Nach und nach dehnte Tomic seine Raubzüge auch auf die besseren Viertel aus. Seine Klettertechnik verbesserte sich so, dass selbst eine Hochhausfassade irgendwann kein unlösbares Problem mehr darstellte. In seinen Briefen verfällt Tomic immer wieder in einen raunenden Schicksalston, wenn er seine Einbrüche schildert. Unsichtbare Kräfte, schreibt er, hätten ihn dazu getrieben oder vielmehr «gezogen» – das Wort, das er benutzte, war tracter.

Gleichwohl ging er immer planmässig vor, erkundete zuerst die gesamte Umgebung, ehe er sich für ein Zielobjekt entschied. «Ich muss mich an so einer Örtlichkeit wohlfühlen», schreibt er. «Dann – in diesem Moment – sehe ich es wie in einem Kinofilm vor mir. Nicht nur, an welchen Häusern ich in der Woche vorher vorbeigegangen bin, sondern auch, welches Haus mich besonders anzieht, weil es geradezu auf mich gewartet hat.»

Einmal hatte er einen lebhaften Traum. Darin entwendete er fünf Gemälde aus einem Museum. Er sah diesen Traum als Omen und schrieb mir später: «Da wusste ich, dass ich einmal das ganz grosse Ding machen würde.»

I: Leben zwischen Rimbaud und Knast

Normalerweise arbeitete Tomic allein. Er konnte alles, kam an jeder Fassade hoch, bewegte sich routiniert von Dach zu Dach, knackte Schlösser. Befand er sich in der fremden Wohnung, suchte er zuerst nach Schmuck. Schmuck war von Wert und liess sich leicht zu Geld machen. In einer zweistündigen Tour erbeutete er oft genug Cash für sechs Monate Côte d’Azur.

In seinen Briefen berichtet er von Einbrüchen bei der Pariser Hautevolee, darunter dem Chansonnier Henri Salvador oder den Exilroyals von Ägypten, wo er angeblich allerlei «Goldknöpfe» sowie diverse «Orden von Lawrence von Arabien» mitgehen liess.

Nicht selten kehrte er mehrmals unbemerkt an denselben Tatort zurück. Und zwar immer wenn er den Verdacht hatte, den ganz grossen Klunker noch gar nicht gesehen zu haben. Die Wohnung des Stardesigners Philippe Starck, die er 2004 plünderte, war so ein Fall. «Ich merkte tatsächlich nichts von der Anwesenheit eines Einbrechers», verriet mir Starck kürzlich.

«Und dieser Stil, diese Zähigkeit, das hat schon meine Hochachtung. Mehr noch, ich möchte fast von Zuneigung sprechen. Wenn man bedenkt, dass dieser Mann über Tage hinweg unsere Wohnung aufsuchte, nur um mühsam unseren harmlosen kleinen Wandsafe aufzuflexen, ohne dass wir das Geringste davon mitbekamen – das erinnert schon sehr an den Gentleman-Einbrecher Arsène Lupin.» (Arsène Lupin hiess der Held einer ab 1905 erschienenen Romanreihe von Maurice Leblanc um einen eleganten Meisterdieb.) «Der Wermutstropfen war allerdings, dass er den Schmuck meiner Tochter mitnahm – das Einzige, was sie noch von ihrer toten Mutter besass.»

Tomics professionelles Selbstbewusstsein steigerte sich bis zu einem Punkt, an dem er sich «unzerstörbar und unverwundbar» wähnte. Einmal, auf der Flucht vor der Polizei über die Dächer von Paris, gelangte er in eine leere Luxuswohnung, die er ebenfalls gleich nach Preziosen durchsuchte.

Doch wie es der Zufall wollte, wurde er vom Wohnungsinhaber gestört. «Ein alter Sack in Begleitung einer superscharfen Braut», wie sich Tomic erinnert. Er versteckte sich im Wandschrank des Badezimmers, der dummerweise nur über das Schlafzimmer zu betreten war. «Das heisst: Auch abhauen konnte ich nur übers Schlafzimmer», erinnert sich Tomic. «Und die beiden Hübschen landeten im Bett und trieben es die ganze Nacht.» Tomic harrte im Wandschrank aus, bis nur noch Schlafgeräusche zu hören waren.

«Solche Risiken, sogar noch höhere, nahm ich ständig auf mich», schrieb mir Tomic. «Aber in kritischen Situationen laufe ich auch zur Höchstform auf.» Eine eher optimistische Darstellung, denn sein impulsives Naturell verleitete ihn immer wieder zu ausgesprochenen Dummheiten.

Einmal ging ihm auf einer Erkundungsfahrt durch die Vorstädte von Paris der Sprit aus, aber er hatte seine Börse vergessen. «Was ich aber dabeihatte, war eine Spielzeugpistole», erklärte er. Mit diesem Replika-Ding überfiel er kurzerhand eine Bäckerei. Die Beute: 200 Francs. Damit tankte er erst den Wagen voll und wurde kurz darauf verhaftet. Ein Zeuge hatte sich das Nummernschild gemerkt. Für die Tat sass Tomic ein Jahr.

Vielleicht ist Starcks Bemerkung vom Gentleman-Einbrecher etwas zu schmeichelhaft. Mit seinem kurz geschorenen Schädel und der Statur und Physiognomie eines Mittelgewichtsboxers passt das gediegene Rollenfach schlecht zu Tomic, die des Gewohnheitsverbrechers umso besser. Seine Kriminalakte listet mehr als ein Dutzend Verurteilungen auf, und die Delikte deuten nicht auf einen Ehrenmann mit perfekten Umgangsformen hin. Drogenhandel ist darunter, aber auch schwerer Raub, Raub mit Körperverletzung, Bedrohung sowie illegaler Waffenbesitz.

Eine Bekannte charakterisiert ihn als «brutal und ein bisschen durchgeknallt» – wenn auch mit liebenswerten Eigenschaften. «Er stand einfach auf schöne Dinge wie klassische Musik oder die Natur. Er mochte auch Tiere und hatte Sinn für kulinarische Genüsse wie Wein und Käse. Abgesehen davon war sein Klamottenstil leicht schräg.» Jedoch mit ausgeprägten Vorlieben. (Hosen von G-Star, Sneakers von New Balance, dazu Kaschmir-Beanies und Lacoste-Unterwäsche.) Ihr Fazit: Tomic war «mehr als alles andere ein Poet, ein Mensch, der einen länger über den Mond zutexten kann». Auch die Angewohnheit, ziellos durch Paris zu laufen, hatte er beibehalten, es gehörte offenbar zu einem Leben in der Nachfolge Arthur Rimbauds.

Über allem jedoch stand seine Liebe zur Kunst. An Matisse, so seine Bekannte, bewunderte er «die unbekümmerte Farbgebung», an Klimt die Sinnlichkeit, und Renoir mochte er «wegen dieser unglaublichen Zärtlichkeit, wie sie in den Kinderporträts zum Ausdruck kommt». Grundsätzlich waren es wohl die Impressionisten, die «seine lyrische Seite ansprachen».

Solange er sich im toten Winkel des Erkerfensters befand, war er für das Kameraauge unsichtbar.

In vielen Luxus-Appartements, die Tomic im Lauf der Jahre heimsuchte, hingen wertvolle Gemälde, aber er widerstand der Versuchung, sie mitgehen zu lassen, da er nicht wusste, wo er sie losschlagen sollte. «Solche Bilder zu verkaufen, war riskant. Ich kannte auch keine Mittelsmänner, die in der Lage gewesen wären, sie an Sammler oder Hehler zu verscherbeln», sagte Tomic.

Nur ab und zu war die Faszination übermächtig, und Tomic steckte ein, was er vorfand, darunter Werke von Degas und Signac. «In meiner Wohnung lagerte immer wieder eine grössere Anzahl Bilder», schrieb er. Einige versteckte er auch in einem Keller. «Aber die, die bei mir an der Wand hingen, in die hatte ich mich regelrecht verliebt.»

Auch wenn vieles geprahlt scheint, erbeutete Tomic eine ganze Reihe unbestrittener Meisterwerke. Im Herbst 2000 gelang es ihm, mithilfe einer Armbrust und eines Kletterseils nebst Karabiner in eine Wohnung einzudringen und unter anderem zwei Renoirs, einen Derain, einen Utrillo und einen Braque mitzunehmen, während die Bewohner schliefen. Das Konvolut war mehr als eine Million Euro wert, die Sache stand sogar in der Zeitung.

Zehn Jahre später, im Mai 2010, stiess Tomic auf einem seiner Spaziergänge unweit des Seineufers auf einen neoklassizistischen Gebäudekomplex. Er spähte durch eines der hohen Fenster und sah ein kubistisches Gemälde. Das war nicht verwunderlich, denn bei dem Gebäude handelte es sich, wie er später erfuhr, um das Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, kurz MAM.

Ihn interessierte auch weniger das kubistische Gemälde als das Fenster selbst. Ein Erkerfenster! Bei einem prüfenden Blick nach oben entdeckte er eine Überwachungskamera. Doch solange er sich im toten Winkel des Erkerfensters befand, war er für das Kameraauge unsichtbar. Er besah sich den Fensterrahmen. Die Sorte kannte er. So einen Rahmen, da war er sicher, hatte er schon bei einem früheren Einbruch zerlegt. Mit dem Taschenmesser kratzte er die Farbe von den Schrauben und prüfte, womit er es zu tun hatte. Der Fensterrahmen war ein Kinderspiel. Er wunderte sich nur, warum bisher niemandem diese Schwachstelle aufgefallen war. «Da wusste ich, dass dies einer der Momente war, in dem der glückliche Zufall auf einen mit meiner Erfahrung traf.»

Einige Tage später löste Tomic ganz normal eine Eintrittskarte. Das Museum für Moderne Kunst ist im Ostflügel des Palais de Tokyo untergebracht, das einst als französisches Haus für die Weltausstellung 1937 errichtet wurde. Den Grundstein der modernen Abteilung legte 1953 die Stadt Paris, als sie dem Haus fünfhundert Werke aus der Sammlung Maurice Girardin übereignete. Laut «New Yorker»-Autorin Janet Flanner handelte es sich bei Girardin um einen «exzentrischen Pariser Zahnarzt, der zwar über geringe Mittel, dafür aber um ein umso grösseres Gespür für unentdeckte Genies verfügte und seit 1913 für kleines Geld Bilder zusammenkaufte, die sich später als Meisterwerke entpuppten.»

Mit einer Mischung aus Faszination und Unruhe wanderte Tomic durch die Säle. «Manche Bilder treffen mich wie ein emotionaler Schock», beschrieb er es mir. Ein Freund verglich ihn gar mit einem Schamanen, der Dinge wahrnimmt, die Normalsterblichen versagt bleiben. «Jedes Kunstwerk gibt eine Schwingung ab, und Vjeran konnte sich mit dieser Energie verbinden.» Eine Einschätzung, der Tomic nur zustimmen kann.

«Ich liebe es, alte Dinge anzufassen», sagte er. «Diese unglaubliche Vergangenheit, die darin steckt. Generationen von Menschen, die dieses Ding ebenfalls in der Hand hatten. Ich glaube, diese Vergangenheit ist fester Bestandteil der Gemälde.» Von kunstwissenschaftlichen Erörterungen hält er dagegen wenig. «Ehrlich, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Buch über Malerei gelesen.»

Was ihm dagegen auffiel: Einige Bewegungsmelder, die eigentlich von Grün auf Rot umspringen sollten, sobald jemand vorbeiging, blieben permanent grün. Diese Entdeckung freute Tomic, denn für ihn fand jeder Einbruch zuerst im Kopf statt, war in seiner Anfangsphase ein Akt der reinen Imagination. Mir schrieb er: «Natürlich muss man sich die Sache eine Weile durch den Kopf gehen lassen, aber dann – wie durch Zauberei, Zauberei ohne Zauberstab – weiss ich, wie ein Hindernis zu überwinden ist.»

II: Kein Stehler ohne Hehler

In «James Bond – 007 jagt Dr. No» von 1962 läuft Bond im unterirdischen Hauptquartier des reichen Schurken Dr. No mehr oder weniger zufällig an Goyas Porträt des Herzogs von Wellington vorbei. Dieses Gemälde war ein Jahr zuvor aus der National Gallery in London gestohlen worden, und sein Erscheinen in diesem Film verstärkte die verbreitete Annahme, dass entwendete Kunst vorzugsweise bei öffentlichkeitsscheuen Millionären landet.

Tatsächlich geschieht dies fast nie. Anders als Brillanten, die neu geschliffen werden können, oder als Antiquitäten, von denen vielleicht nicht einmal ein Foto existiert, ist berühmte Malerei selbst mit dem üblichen Schwarzmarktabschlag von neunzig Prozent fast unverkäuflich. Einige Kunstdiebe versuchen daher, von den Museen Lösegeld zu erpressen, meist in Höhe der Versicherungssumme. Doch auch das birgt Risiken, denn Kulturgüter in öffentlichem Besitz sind oftmals überhaupt nicht versichert.

Dennoch, sagt Charles Hill, ehemals Leiter des Kunstraubdezernats von New Scotland Yard, versuchten viele Museumsdiebe genau dies: «Sie sind hinter den prominenten Objekten her. Aber so ein Vorhaben ist nicht nur verwegen, sondern in erster Linie schlecht durchdacht und letztlich, sorry, saudämlich.»

Die wenigsten Kunsträuber machen sich Gedanken darüber, wer später einmal die Beute kaufen soll. Nicht so Tomic. Als er das MAM ins Visier nahm, konnte er auf die bewährte Verbindung zu seinem «Sponsor» Jean Michel Corvez bauen. Kein Mensch hätte hinter dem distinguierten Geschäftsmann mit den weissen Haaren, Inhaber einer Firma für Praxissoftware und einer kleinen Galerie nahe der Place de la Bastille, einen Hehler vermutet. Tomic hatte ihn 2004 über einen anderen Dieb kennen gelernt und schrieb über ihn in einem Brief: «Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis, auch wenn ich nicht von Freundschaft sprechen würde. Wir verliessen uns aufeinander, und er war auch kein schlechter Mensch. Nur merkte ich leider viel zu spät, dass er eine Gefahr darstellte, weil er selbst kein Gespür für Gefahr hatte.»

Tomic verkaufte ihm nach eigener Darstellung im Laufe der Jahre Diebesgut im Wert von 90'000 Euro, überwiegend Gold- und Brillantschmuck, dazu ein Gemälde von Johan Jongkind, einem niederländischen Maler. Da Corvez wusste, dass sich Tomic auf die Wohnungen reicher Leute spezialisiert hatte, gab er ihm eine Art Bestellliste mit, auf der die Namen der nachgefragten Maler standen: Basquiat, Chagall, Klimt, Léger, Modigliani, Monet, Pissarro und Warhol. Von Corvez stammt auch Tomics Spitzname l’Araignée (Spinne), dem Tomic durch Fitnesstraining gerecht zu werden hatte. Besonders Tomics Hang zu Junkfood machte ihm Sorgen «Er verlangte, dass ich Hanteltraining mache», erinnert sich Tomic. «Damit ich auch morgen noch Wände hochkomme.»

Kurz nach seinem Besuch im MAM ging Tomic zu Corvez, der sich sehr für das «Stillleben mit Kerze» von Fernand Léger von 1922 interessierte. Als dieses Bild zuletzt als Leihgabe auf Reisen ging, betrug die Versicherungssumme vier Millionen Euro, doch der Marktwert lag sicher höher. Corvez bot Tomic 40'000 Dollar für die Beschaffung des Werks. «Ich war unschlüssig», sagt Tomic. «Aber da ich schon zugesagt hatte, musste ich die Sache durchziehen.» Umgehend machte er sich an die Planung des Coups.

Die wenigen funktionstüchtigen Bewegungsmelder liessen sich leicht umgehen.

In der Nacht zum 14. Mai 2010 positionierte er sich an einem der Fenster im Erdgeschoss. Es lag direkt an einer Freifläche, die tagsüber den Skatern gehörte. Gegen drei Uhr erspähte er durch die Scheibe einen Wachmann, der die Ausstellungssäle abging. Tomic verbarg sich unter einem schwarzem Tuch, das er wie einen Vorhang aussen am Fenster angebracht hatte. Unter dieser Deckung ging er zu Werke, beizte sämtliche Schraubstellen ab, bis deren Profile frei lagen, gab Rostlöser darauf und entfernte alle Schrauben. Die Bohrlöcher füllte er anschliessend mit Knetgummi in Rahmenfarbe. Es war ein mühsames Unterfangen, aber Tomic ging systematisch vor.

Am frühen Morgen des 20. Mai kehrte er, im dunklen Hoodie, zurück. Diesmal hatte er zwei Saugheber dabei, mit denen er die Fensterscheibe aus der Fassung zog. Blieb noch das Schutzgitter dahinter, doch dieses war nur mit einem Vorhängeschloss gesichert, das er problemlos mit einem Bolzenschneider knacken konnte. So gelangte er ins Museum. Die wenigen funktionstüchtigen Bewegungsmelder liessen sich leicht umgehen. Doch dann zog er sich erst einmal ans Seineufer zurück, um dort eine Viertelstunde abzuwarten, ob er nicht einen stillen Alarm ausgelöst hatte.

Dann, wieder im Museum, hängte er den Léger ab und schnitt ihn aus dem Rahmen. Sein Auftrag war erledigt. Wie er aber so dastand in dem nachtstillen Saal, fiel sein Blick auf ein Bild namens «La Pastorale» von Matisse, ein Schlüsselwerk des Fauvismus von 1905. Es zeigt drei hellhäutige Akte, die vor einer bukolischen Landschaft lagern, sowie einen ockerfarbenen Jungen, der etwas abseits sitzt und Flöte spielt. «Ich sah diese tiefe, wilde Landschaft», erinnert sich Tomic. «Und dann sitzt da plötzlich auf der rechten Seite dieser kleine Teufel mit seiner Flöte, als wäre er so eine Art Schutzengel der ganzen Szene.» Kurz entschlossen packte er das Bild ein.

Später fiel sein Blick auf «Die Frau mit dem Fächer» von Modigliani, ein Porträt von Lunia Czechowska, Muse und lebenslange Obsession des Malers. Auf dem Bild trägt sie ein gelbes Kleid, und der Blick aus halb geschlossenen Lidern ist nach unten gerichtet. «Ich fand, diese Frau sah so lebendig aus, als könnte sie jeden Moment Tango tanzen», schrieb mir Tomic. «Ich meine, alles daran war so real.» Er nahm den Modigliani mit.

«Wenn du mich mitnimmst, wird dir das noch leidtun»: Modiglianis «Frau mit blauen Augen» hat mit Tomic «geredet». Gemälde: Musée d'Art Moderne in Paris

Der Kriminalist Hill erkennt in Tomics Verhalten durchaus wahnhafte Züge. «Es ist das Paradox grosser Malerei: Unbeseelte Objekte bekommen plötzlich ein Eigenleben und können den Betrachter hypnotisieren. Manche Menschen verlieren dann jeden Kontakt zur Realität.» Ein Befund, den Tomic bestätigt, denn er schrieb später über den Moment: «Mir erging es nicht anders als einem Bieter bei Sotheby’s, der von einem Gegenstand besessen ist und am Schluss sein Limit um das Zehnfache überschreitet.»

Doch Tomics Raubzug hatte gerade erst begonnen. Nach dem Modigliani sackte er «Die Taube mit grünen Erbsen» ein, ein Stillleben von Picasso, sowie den «Olivenbaum bei Estaque» von Braque. Fast hätte er auch Modiglianis «Frau mit blauen Augen» mitgehen lassen. Doch da, so Tomic, geschah etwas Unerwartetes: «Ich will gerade das Bild von der Wand nehmen, da sagt das Bild zu mir: ‹Wenn du mich mitnimmst, wird dir das noch leidtun.› Ich vergesse nie, was die ‹Frau mit blauen Augen› in dem Moment mit mir machte. Die Angst, als ich das Bild aus dem Rahmen nehmen will … wie ein Eisberg, der mit seiner Kälte auf mich zukommt, bis ich endlich abhaue.»

Er musste zweimal gehen, um so viel Kunst abzutransportieren. Tomics Renault parkte nur wenige Minuten entfernt. Kaum war die Beute verstaut, sass er fünf Minuten reglos am Steuer und haderte mit sich, dass er den Modigliani zurückgelassen hatte. Ihm war klar, dass jede weitere Sekunde in der Nähe des Tatorts sein Risiko erhöhte, aber der Modigliani...

Schliesslich ging er noch einmal zurück, allerdings siegte unterwegs der Realitätssinn: Um diese Uhrzeit war er vermutlich der einzige Mensch in der Nähe des Tatorts. Er musste weg, auch wenn ihn die «Frau mit blauen Augen» nicht losliess. «Während der ganzen Fahrt bekam ich diese blauen Augen nicht aus dem Sinn», sagt er heute.

III: Höchst schleppende Ermittlungen

Tomic wollte sich noch am selben Morgen mit Corvez treffen, vereinbart war das vierte Untergeschoss einer Tiefgarage an der Opéra Bastille. Er überbrückte die Zeit, indem er «seine» Bilder ansah, besonders den Matisse, in den er sich regelrecht verliebt hatte. Als Corvez in einem gemieteten Porsche Cayenne vorfuhr und begriff, dass Tomic nicht ein Gemälde, sondern gleich fünf gestohlen hatte, reagierte er ungehalten. «Er hatte plötzlich Angst vor mir», sagt Tomic. Den Léger nahm Corvez trotzdem mit, dazu den Modigliani, den aber nur in Kommission. Von den anderen drei Bildern wollte sich Tomic noch nicht trennen und bat Corvez, sie für ihn in Verwahrung zu nehmen, wenngleich ihn das nur teilweise beruhigte. Seine grösste Sorge galt dem Matisse, und er weiss noch, wie er zur Corvez sagte: «Angenommen, du wirst vom Auto überfahren – vom wem kriege ich dann meine Bilder wieder?» Wodurch die Stimmung endgültig kippte. Tomic schrieb mir später: «Eigentlich waren wir von da an beide nicht mehr vom Erfolg der Sache überzeugt.»

Am selben Abend berichteten Zeitungen aus aller Welt über den Kunstraub im MAM. Der Wert der heissen Ware wurde mit siebzig Millionen Dollar beziffert. Damit war es der grösste Coup seit 1990, als zwei als Polizisten verkleidete Diebe aus dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston dreizehn Gemälde im Gesamtwert von einer halben Milliarde Dollar stahlen. (Die Bilder sind bis heute verschollen.)

Bertrand Delanoë, Bürgermeister von Paris, liess verlauten: «Ich will, dass alles unternommen wird, diese Meisterwerke zurückzuerlangen.» Die französische Spezialeinheit BRB (Brigade de Répression du Banditisme) übernahm die Untersuchung des Falls und fand bald einen Zeugen, einen Skater namens Goran Radosavuevic. Der meinte, einige Tage vor dem Einbruch auf dem Vorplatz eine verdächtige Gestalt bemerkt zu haben: weiss, männlich, 1,80 bis 1,90 Meter gross, Gewicht circa 90 Kilo, muskulöse Statur mit ovalem Gesicht und eckigem Kinn. Wörtlich sagte der Zeuge: «Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass er da mit etwas beschäftigt war, aber es waren bestimmt nicht die Skater auf dem Platz, denn er sah dauernd zu den Fenstern des Museums hinüber.» Im Polizeibericht ist vermerkt, dass die herausgedrehten Schrauben des Fensters später, sauber aufgereiht, in der Ecke eines Ausstellungssaals entdeckt wurden, was auf die besondere «Kaltschnäuzigkeit» des Täters hindeutete. Zudem gehörten die fünf gestohlenen Bilder zu den Glanzstücken des Museums, woraus die Ermittler auf «eine gewisse Sachkenntnis» schlossen – oder zumindest auf ein gutes Auge.

Um sich seinen Lohn abzuholen, fuhr Tomic später zur Galerie von Corvez. Bereits zu diesem Zeitpunkt quälte ihn der Gedanke, dass die Polizei seine Spur vielleicht schon aufgenommen hatte. «Ich wusste, dass sie bald die Jagd eröffnen.» Corvez überreichte ihm einen Schuhkarton mit 40'000 Euro in kleinen Scheinen. Auf der Strasse winkte er ein Taxi heran. Die Metro wollte er wegen der Videoüberwachung nicht nehmen. Doch selbst auf der Fahrt durchs Strassenlabyrinth rund um die Bastille hörte er im Radio das Neueste zu seinem Bruch. Tomic dirigierte den Fahrer zur Adresse einer Frau, der er vertraute. Dort klebte er den Karton mit Tape unter einen Sessel. Da er Angst hatte, in seiner Wohnung geschnappt zu werden, bat er die Frau, bei ihr übernachten zu dürfen.

Tomic bezeichnete diese Frau mir gegenüber zunächst als blosse Bekannte, doch in einem späteren Brief erklärte er, sie sei eine Sexarbeiterin, die ihn von Zeit zu Zeit «für umsonst ranliess». Keinesfalls aber, darauf legte er grossen Wert, sei sie seine «Geliebte». Das Ganze sei eher ein Zweckbündnis zur gegenseitigen Unterstützung, und Unterstützung hatte die Frau, eine Migrantin, bitter nötig, da es immer wieder zu Konflikten mit den anderen Prostituierten vom Strassenstrich im Umkreis der Avenue Foch kam. Tomic zufolge war sie auch schon in Haft gewesen. Deshalb wollte er jetzt auf sie achtgeben. Eines Abends hatte sie ihn zu sich mitgenommen, ihm zu essen gemacht, ihn bei sich schlafen lassen. Diese gelegentlichen Treffs wurden bald zu einer festen Einrichtung.

Doch selbst Monate nach dem Raub hatten die Ermittler kaum Anhaltspunkte zur Identität des Täters.

Tomic, das gibt er offen zu, ist nicht der Mann für Beziehungen. «Ich bin Dieb. Ich ziehe durch die besseren Viertel, schaue, wo sich was machen lässt, halte mich sonst aber aus dem Privatleben anderer Leute raus.» Diese Frau indes wuchs ihm ans Herz. «Es ging damit los, dass sie mich um kleinere Gefallen bat – ihr kaputtes Auto zu reparieren, einen Reifenwechsel, solche Sachen.» Aber blieb Tomic misstrauisch, öffnete sich ihr nie ganz. Die Macht der Erfahrung. Wann immer er bisher aufgeflogen war, dann weil ihn jemand verpfiffen hatte. Die Frage, ob nicht auch diese Frau eine Polizeiinformantin war, lag durchaus nahe.

Doch selbst sechs Monate nach der Sache im MAM hatten die Ermittler kaum Anhaltspunkte zur Identität des Täters. Es gab eine einzige konkrete Spur, und die bezog sich auf die langjährige Zusammenarbeit zwischen einem Dieb und einem Hehler. In diesem Kontext fiel auch Tomics Name. Am 1. Oktober 2010 hörte die Polizei ein Telefongespräch ab, in dem Tomic schimpfe: «Diese vollverblödeten Bullen! Die glauben wirklich, ich sei das gewesen im Museum. Echt, Mann, ich fasse es nicht, diese Arschlöcher! Die wollen einfach nicht kapieren, dass die Bilder längst verkauft sind – und dass sie mir langsam auf den Sack gehen mit ihrem Scheiss!»

Die Ermittler verglichen Tomics Foto mit der Beschreibung, die der Skater zu Protokoll gegeben hatte, und stiessen auf Übereinstimmungen. Am 7. Dezember 2010 folgten sie Tomic ins Centre Georges-Pompidou. Dort konnten die Beamten beobachten, wie Tomic das System der Notausgänge ausspähte. Tags darauf ertappten sie ihn beim Kauf von zwei Saughebern, Klebstoff und Arbeitshandschuhen. In einem Brief räumt Tomic später ein, tatsächlich an das Centre Pompidou gedacht zu haben. Gleichzeitig blieb ihm wohl nicht verborgen, dass seine Verfolger an ihm dran waren. «Die Sache war definitiv vielversprechend. Nur eben auch etwas, das noch warten musste», schrieb er mir.

Am 10. Dezember riefen sie Tomic direkt an – und wurden auf die Mailbox weitergeleitet. Die Dreistigkeit der Ansage frappierte die Polizisten ebenso wie der überdrehte Ton, mit dem die Anrufer begrüsst wurden: «Falls Sie Bilder oder andere Kunstwerke erwerben wollen», hiess es da, «zögern Sie nicht, eine Nachricht zu hinterlassen. Allerdings sind fünf der Bilder in meinem Angebot extrem hochpreisig.»

Unklar bleibt, warum Tomic nicht sofort verhaftet wurde. Charles Hill, der Spezialist von New Scotland Yard, bekennt offen, wie empört er damals über die Untätigkeit der französischen Polizei war. Noch heute führt Hill diese Behäbigkeit auf die stille Hoffnung vieler Ermittler zurück, die geklauten Werke würden irgendwann von selbst auftauchen. Doch nur zehn Prozent der Kunstwerke, mehr nicht, kehren wieder zu ihren Eigentümern zurück. Allerdings hat Professor Derek Fincham vom South Texas College of Law, der seit vielen Jahren den Handel mit geraubten Kulturgütern erforscht, eine mögliche Erklärung für die abwartende Haltung der französischen Spezialkräfte: Offenbar wollte man die Bilder nicht unbedacht noch tiefer in dunkle Kanäle abdrängen. «Ein Bild, das aus seinem Rahmen geschnitten wurde, kann zusammengerollt unauffällig transportiert werden. In dieser Form könnte es in einem Bankschliessfach liegen oder irgendwo verbuddelt auf einem Acker – falls es nicht längst vernichtet ist.» Solche Befürchtungen sind begründet. 2001, nach der Verhaftung von Stéphane Breitwieser, einem Franzosen, der aus mehr als hundert Museen 239 Kunstwerke zusammenstahl, zerriss die Mutter des Diebs viele der gestohlenen Bilder und jagte die Fetzen durch den Schredder.

In einem abgehörten Telefongespräch drohte Tomic: «Eins sage ich dir: Ich grabe meine Knarre wieder aus, und, beim Leben meiner Mutter, dann kriegt jeder, der mir zu nahe kommt, eine Kugel in den Kopf.»

IV: Unter Komplizen

Während die Monate ins Land gingen, richtete sich Tomics Argwohn gegen Corvez. Er versuchte, ihn anzurufen, doch die alte Nummer existierte nicht mehr. Eines Tages begegnete er ihm zufällig im Gare de Lyon. Auf Tomic wirkte Corvez vollkommen fertig, kalkweiss im Gesicht und extrem nervös. «Der sah aus, als würde er jeden Moment umkippen.» Vor allem aber wollte er sich nicht zum Stand der Verkäufe äussern. «Nichts Konkretes jedenfalls, nur Larifari. Angeblich war alles noch offen», so Tomic heute. «Für mich klang das oberfaul.»

Die nächste Unterredung mit Corvez schnitt Tomic daher heimlich mit – als Beweis für dessen Komplizenschaft. In der Aufnahme fragt Tomic nach dem Léger. Corvez sagt, der Léger sei verkauft, doch wegen des anhaltenden Ermittlungsdrucks der Polizei könne er «kaum noch ein Auge zutun». Tatsächlich musste Tomic später erfahren, dass der Léger noch da war. Ein Kunde hatte zwar 80'000 Euro dafür hingelegt und den Léger auch mitgenommen, später aber aufgrund der vielen Medienberichte kalte Füsse bekommen und das Bild zurückgebracht. Nicht einmal den Kaufpreis wollte der Mann zurück.

Für den Modigliani jedoch fand Corvez einen Käufer: Yonathan Birn, 33, Uhrmacher mit Abschluss in Kunstgeschichte von der Sorbonne. Birn hatte einen kleinen Laden mit Werkstatt im jüdischen Viertel Marais. Einige Monate nach dem Kunstraub präsentierte ihm Corvez den Modigliani – als «ganz und gar aussergewöhnliches Werk, wenn auch von zweifelhafter Provenienz». Birn war trotzdem interessiert, das Porträt gefiel ihm, und er schlug ein. Ungeklärt bleibt, ob Birn von Anfang an wusste, dass es sich um Diebesgut handelte, doch er verhielt sich geradezu konspirativ, schaffte es sogar, in einer Filiale der Bank Crédit du Nord ein unregistriertes Schliessfach zur Aufbewahrung des Bildes zu organisieren.

Im Haus herrschte Totenstille, es war niemand da.

Corvez traf alle Vorbereitungen für den Umzug der Gemälde in Birns Ladengeschäft, denn dieses verfügte über ein hochmodernes Alarmsystem. Die Gemälde versteckten die beiden hinter einem antiken Schrank.

Corvez und Birn wussten um die Schwierigkeiten beim Verkauf gestohlener Meisterwerke, doch sie wussten auch, dass ihnen dabei ein uralter englischer Rechtsgrundsatz namens «market overt» in die Hände spielte. Es ist eine Art Tageslichtprinzip und besagt, dass das Eigentum an Gütern, die bei Tageslicht auf einem allgemein zugänglichen Markt erworben wurden, juristisch nicht angefochten werden kann. Begründung: Der rechtmässige Eigentümer hätte ja beizeiten, das heisst vor Sonnenuntergang, kommen und seinen Anspruch geltend machen können. Sinn dieser Regelung war, so der Rechtsgelehrte Derek Fincham, «den freien Warenverkehr nicht zubehindern und die Gerichte nicht mit dem Kleingedruckten in Kaufverträgen zu belasten». In Grossbritannien war dieses Gesetz sogar bis vor wenigen Jahrzehnten in Kraft. 1990 zum Beispiel wurden aus Lincoln’s Inn in London, Sitz der englischen Anwaltskammer, zwei Gemälde von Joshua Reynolds und Thomas Gainsborough entwendet. Die Bilder mit einem Gesamtwert von mehreren Millionen Dollar tauchten später auf einem Flohmarkt auf, wo sie für ein paar Hundert Dollar an gutgläubige Käufer weggingen. Die öffentliche Empörung über solcherart Ausverkauf von Kulturgütern sowie eine Kampagne der Hilfsorganisation CoPAT (Council for the Prevention of Art Theft) führten später zur Abschaffung des Gesetzes.

Eines der wenigen Länder, in denen das Market-overt-Prinzip noch gilt, ist Israel. Derek Fincham über die Feinheiten: «Ich wäre zwar entsetzt, wenn ein israelisches Gericht bei eindeutig gestohlenen Bildern von einem rechtmässigem Erwerb spräche. Doch die Möglichkeit existiert, und wer weiss, vielleicht kommt morgen einer, der dies in einem Verfahren ausprobieren will.» Ende Dezember 2010, zu einer Zeit, als die Schlinge sich langsam um Tomics Hals zusammenzog, flog Birn nach Tel Aviv. Von dort rief er Corvez an, dessen Telefon mittlerweile permanent abgehört wurde. So erfuhr die Polizei vom bevorstehenden Verkauf eines der Bilder.

«Ich hatte ein erstes Gespräch», sagt Birn in der Aufnahme. «Ich würde sagen, die Sache geht zu neunundneunzig Prozent klar.»

«Immerhin besser als beim letzten Mal!», war Corvez’ Antwort.

Von alledem teilte Corvez Tomic nur wenig mit. Einmal erwähnte er einen saudischen Käufer, dann hatte der Saudi einen Rückzieher gemacht, am Ende sollte die Lösung des Problems in Israel liegen. Explizit erinnert sich Tomic an folgende Ankündigung: «Wir haben da einen russischen Juden, der uns die Bilder abnimmt.»

V: Die Verhaftung

Selbst im Frühjahr 2011 hatte die französische Polizei noch keinen aus dem Trio verhaftet. Durch einen anonymen Hinweis wusste sie jedoch, dass Corvez nach wie vor im Besitz der gestohlenen Bilder war. Und auch, dass Corvez lediglich an Geld interessiert war und die Gemälde vernichten würde, wenn der Druck zu gross würde.

Die Telefongespräche mit seinem früheren Goldjungen Tomic wurden in dieser Phase zunehmend unschön. In einem bellte er Tomic an: «Ich hätte es vorgezogen, du hättest die Dinger behalten. Denn ich weiss wirklich nicht, was ich damit noch machen soll. Ich habe die Schnauze voll von dem ganzen Scheiss!» Weiter sagte er, dass, sollte ihm etwas zustossen, ein ungenannter Dritter bereitstehe, der dafür sorgen werde, dass er, Tomic, die Bilder zurückbekam. Aber Tomic liess sich davon nicht mehr beruhigen, er hielt den geheimnisvollen Dritten schlicht für ein «Hirngespinst».

Tomic brauchte jetzt dringend Geld. Zuletzt musste er noch seine letzte Reserve aus einem früheren Einbruch, einen kleinen Brillanten, bei Corvez versetzen. Das brachte noch einmal vierhundert Euro, danach war Schluss – und die einzige Lösung war ein weiterer Einbruch. Bei einer Erkundungstour über die Fassade eines Wohnhauses entdeckte er ein vermutlich wertvolles Ölgemälde und erkundigte sich bei Corvez, ob er interessiert sei. Corvez lehnte dankend ab, und Tomic suchte weiter.

Eines Abends auf der Avenue Montaigne, ganz in der Nähe der kanadischen Botschaft, fiel ihm ein exklusives Doppelhaus auf, in dem die ganze Nacht die Lichter brannten. Tomic vermutete, dass die Bewohner verreist waren. Über eine Feuertreppe drei Hausnummern weiter gelangte er aufs Dach. Und von dort aus auf das Dach des Doppelhauses, wo er sich zu der erleuchteten Wohnung abseilte.

Sobald er sich in der Wohnung befand, schloss er wie immer das Fenster, durch das er eingestiegen war. «Denn ab da», erklärte er mir, «musst du deine Lauscher auf Empfang stellen. Das ist das Wichtigste überhaupt, wenn du unangenehme Begegnungen vermeiden willst.» Doch im Haus herrschte Totenstille, es war keiner da. Er durchsuchte sämtliche Zimmer, bis er auf eine Uhrensammlung stiess und diverse Kunstwerke, darunter einen Pissarro. Das Gemälde, auf dem ein Mann bei der Weizenernte zu sehen war, fand Tomic zwar sehr schön, wie er mir gestand, aber eine magische Verbindung spürte er nicht. Mehr faszinierte ihn da jener Aktenkoffer aus Krokodilleder, ein Spezialmodell mit doppeltem Boden und eingearbeitetem Pistolenholster. «Das Holster beschützte die Waffe, und die Waffe beschützte die Aktentasche», erinnert sich Tomic. «Dieser Aktenkoffer gab mir wirklich zu denken. Denn wo so etwas ist, sind vermutlich noch ganz andere Schätze. Doch ich hatte keine Zeit mehr, es wurde bald hell. Ich musste ein andermal wiederkommen.»

Was er nicht wusste: Er war die ganze Zeit beschattet worden.

Dies geschah in der Nacht des 12. Mai 2011. Vor allem einen antiken Schrank wollte er sich noch einmal vornehmen. Tatsächlich entdeckte er in der Rückwand eine Schraube, die dort nicht hingehörte. Na bitte, ein Paneel liess sich entfernen, dahinter kam ein Safe zum Vorschein. Er öffnete den Safe, fand aber nur etliche leere Geldtaschen. Die ganze Mühe – immerhin war er mehrmals gekommen: umsonst. Er sackte also nur das ein, was er eh schon hatte: die Uhren und den Pissarro, den ihm Corvez, wie er behauptet, auf jeden Fall abnehmen wollte.

Was er nicht wusste: Er war die ganze Zeit beschattet worden. Über jeden seiner Schritte war die Polizei informiert. Kurz darauf verhafteten sie ihn, filzten seine Wohnung, wo noch die Beute aus dem Doppelhaus lag, dazu jede Menge inkriminierendes Werkzeug einschliesslich Klettergurt und Wurfanker. Bei der folgenden Einvernahme gestand Tomic alles, den Einbruch im Doppelhaus ebenso wie das Ding im MAM. Es gibt keine öffentlich zugängliche Abschrift des Verhörs, doch sein Anwalt, David-Olivier Kaminski, sagte mir: «Vjeran ist ja nicht dumm. Er konnte die Tatsache nicht ignorieren, dass er, falls er nicht gestand, sehr lange würde lügen müssen, und das mit grösster Raffinesse.» Verglichen damit, so Kaminski, machte sich ein schnelles Geständnis schon besser. «Wenn man es richtig anstellt, klingt so etwas fast nach Reue.»

Staatsanwältin Anaïs Trubuilt liess sich davon nicht täuschen. Sie vermutete ganz andere Motive hinter dem Geständnis. «Er ist ja ungemein stolz auf seine Arbeit. Und zugegebenermassen beherrscht er sein Handwerk perfekt», erklärte sie mir. Das psychologische Gutachten kam zu einem ähnlichen Urteil. Ein Mann, der sich selbst als «Visionär» bezeichnet, leide nicht gerade unter einem Minderwertigkeitskomplex.

Parallel zu Tomics Festnahme stürmte die Polizei die Galerie von Corvez und Birns Uhrengeschäft, doch von den fünf Gemälden keine Spur. Birn behauptete später, vier der Gemälde aus dem MAM hätten sich noch immer hinter dem antiken Schrank befunden, die Polizei habe sie bloss nicht entdeckt. Der Modigliani lag ohnehin in dem geheimen Schliessfach bei der Crédit du Nord. Sagt Birn.

Und er sagt noch mehr. Kurz nach der Razzia in seinem Laden habe er erst den Modigliani geholt und anschliessend alle fünf Gemälde zerstört. Und die Reste habe er ganz normal in der Mülltonne vor seinem Laden entsorgt.

Bald darauf wurden auch Birn und Corvez verhaftet. Tomic, der im selben Untersuchungsgefängnis sass, wollte unbedingt Kontakt zu Birn aufnehmen, da nur Birn ihm verraten konnte, was aus den Bildern geworden war. Aber wie Tomic später vor Gericht aussagte, wollte der «mit mir nichts mehr zu tun haben». Birn liess sogar das Sicherheitsfenster seiner Zelle mit einer Matratze abdecken, damit Tomic ihn nicht zu sehen bekam.

VI: Von Reue keine Spur

Dem Trio wurde gemeinsam der Prozess gemacht. Die Verhandlung begann unter grossem Mediengetöse am 30. Januar 2017 vor der 32. Strafkammer in Paris. Corvez trat auf in einem schwarzen Samtanzug, das weisse Haar straff zurückgegelt, und sah laut der Tageszeitung «Libération» aus «wie der klassische Schurke in einem Disney-Streifen». Birn dagegen, «ein Uhrmacher mit dem Äusseren eines Studenten» («Le Figaro»), wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Und Nummer drei, Tomic, der coole Fassadenkletterer, tat so, als ginge ihn die ganze Sache gar nichts an.

Für die Presse hiess er längst der Spider-Man, der Superheld, der sie alle vorgeführt hatte. Obwohl er Kulturgüter geklaut hatte, «die zum kulturellen Erbe der Menschheit zählen», wie die Anklagevertretung ausführte, war er eindeutig der Liebling der Saison. «Das ist nämlich so», erklärte mir der «Figaro»-Reporter Stéphane Durand-Souffland: «Die Franzosen lieben Diebe, solange kein Blut vergossen wird. Und Tomic erfüllt alle Voraussetzungen. Er war unbewaffnet, hat niemanden verletzt, hat auch keine Einzelperson beraubt, sondern ein schlampig bewachtes Museum mit einem Sicherheitskonzept, das leicht auszutricksen war. Ach ja, und er bewies Geschmack in der Auswahl seiner Beute. Und er war stets höflich zu den Richtern.»

Höflich vielleicht, aber auch ohne jede Reue. «Diese Gemälde, sie gehören mir, sie sind mein Werk», liess er das Hohe Gericht wissen. Was Olivier Bouchara, der den Prozess für die Zeitschrift «Vanity Fair» beobachtete, so interpretierte: «Das ist gewissermassen sein künstlerisches Statement. Er hätte auch sagen könne: ‹Dieser Bruch war mein Meisterstück. Aus diesem Grund gebührt es mir auch, meinen Namen darunter zu setzen.›» Ausserdem prahlte er damit, wie leicht er ins Museum gelangen konnte, und verglich sich mit keinem Geringeren als Arsène Lupin. Für Franck Johannès von «Le Monde» ein Anspruch, der sogar eine gewisse Berechtigung hat: «Tomics Geschichte weist tatsächlich alle Zutaten eines Arsène-Lupin-Romans auf: ein spektakulärer Raub, perfekt organisiert und gewaltfrei durchgezogen von einer Art Künstler.» Die Franzosen, so Johannès weiter, «haben nun mal etwas übrig für solche Teufelskerle, die die etablierte Ordnung über den Haufen werfen, siehe die Revolutionen der Jahre 1789, 1792, 1830, 1848, 1871, 1936 und 1968.»

Corvez’ Einlassungen waren sorgfältig vorbereitet. «Ich habe ihn zu keinem Zeitpunkt aufgefordert, etwas zu stehlen», erklärte er. «Ich sagte lediglich: Wenn dir mal zufällig ein Fernand Léger begegnet, wüsste ich einen Interessenten.» Die Identität des ominösen Interessenten jedoch wollte er abermals nicht preisgeben. «Meine Sicherheit wäre bedroht», sagte er.

Viele hatten den Eindruck, er wisse, wo sich die gestohlenen Bilder befänden.

Birns Anwalt versuchte seinen Mandanten als argloses Opfer von Corvez’ Machenschaften darzustellen. Entsprechend hörte es sich an, als Birn seinen Entschluss schilderte, die Bilder zu vernichten: «Ich neige überhaupt zur Paranoia, und an jenem Tag erreichte sie ihren Höhepunkt. Ich konnte nicht mehr klar denken und wollte die Bilder nur noch loswerden... Ich weiss nicht, warum ich so etwas tue, ich fühlte mich verfolgt. Ich war überzeugt, die Polizei beschattet mich rund um die Uhr. Aus diesem Grund habe ich auch nicht riskiert, die Bilder woandershin zu bringen, sondern tat etwas, das leider nicht mehr rückgängig zu machen ist.» Schluchzend und am ganzen Körper bebend wiederholte er am Ende mehrmals: «Ich hab sie in den Müll geworfen, in den Müll!»

Viele nahmen ihm diese Pointe nicht ab. Birn wäre nicht der Erste gewesen, der eine solche Lügengeschichte auftischt. Nach der Verhaftung eines Rumänen namens Radu Dogaru im Zusammenhang mit dem Diebstahl von sieben Gemälden aus der Kunsthalle Rotterdam behauptete dessen Mutter, sie habe die Bilder verbrannt – was nicht einmal Dogaru selbst glaubte. «Die Bilder wurden ganz bestimmt nicht verbrannt», so sein Kommentar. «Keine Ahnung, wo sie jetzt sind, aber ich schätze mal, sie wurden verkauft.»

Sogar Birns Ehefrau, leitende Angestellte bei einer Modefirma, meldete Zweifel an der Mülleimerversion an. Desgleichen Corvez, der aussagte, dass Birn «schlicht zu clever» sei für so eine Wahnsinnstat. Und Staatsanwältin Trubuilt unterstellte der Bande ohnehin nur taktisches Kalkül: «Die drei wissen sehr genau, dass am Tag ihrer Entlassung die Bilder nichts von ihrem Wert eingebüsst haben und entsprechend gut verkauft werden können.»

Das Gericht befand alle drei für schuldig. Corvez bekam sieben Jahre, Birn sechs. Als man ihn abführte, erlitt er einen Nervenzusammenbruch – und besass gleichwohl, wie dem «Figaro»-Reporter Durand-Souffland auffiel, die Umsicht, seinem Anwalt die Autoschlüssel auszuhändigen. (Birn reagierte später überhaupt nicht auf meinen Interviewanfrage, Corvez wollte nur gegen Geld reden. Schriftlich liess er mich wissen: «Grundsätzlich bin ich einem Interview nicht abgeneigt. Gleichwohl wüsste ich gern, welche Beteiligung Sie mir für den Fall einer Zusage anbieten. Bekomme ich ein Honorar, und wenn ja, in welcher Höhe?» Auf meine Entgegnung, dass ich ihm nichts zahlen könne, stellte er jede Kommunikation ein.)

«In unseren Museen sitzen nur ein paar Rentner und starren die Wand an.»Charles Hill, New Scotland Yard

Tomic trug sein Urteil – acht Jahre – mit mehr Fassung. Viele hatten den Eindruck, er wisse, wo sich die gestohlenen Bilder befänden. Noch einmal Franck Johannès von «Le Monde»: «Aber selbst wenn er weiss, wo die Bilder liegen, juristisch ist da nichts zu machen. In jedem Fall müsste die Staatsanwaltschaft erst nachweisen, dass er gelogen hat. Ausserdem ist für den Beschuldigten in Frankreich eine Falschaussage nicht strafbar.»

Tomic mag ein geschickter Dieb und Fassadenkletterer sein, doch das MAM verlangte ihm eigentlich nicht viel ab. Er kam durch ein ungesichertes Fenster im Erdgeschoss hinein und musste lediglich die wenigen Bewegungsmelder umgehen, die in dem Gebäude überhaupt funktionierten.

Trotzdem verkaufte die Presse seine Tat als «Jahrhundertraub». Charles Hill von New Scotland Yard winkt bei dieser Einschätzung nur genervt ab. «Ein Bild zu klauen, ist, ehrlich gesagt, nicht schwer. Die National Gallery in Washington und das Smithsonian Institute haben bewaffnetes Sicherheitspersonal, aber ansonsten sitzen in unseren Museen nur ein paar Rentner und starren die Wand an.»

Auch wenn vor diesem Hintergrund Tomics Heldenaura unverdient erscheint, den Wert der Gemälde dürften die Umstände ihres Verschwindens nur steigern – vorausgesetzt, sie tauchen je wieder auf. 1911 kam dem Louvre ein relativ unbekanntes Bild von Leonardo da Vinci mit dem Titel «Mona Lisa» abhanden. Es dauerte ganze achtundzwanzig Stunden, ehe der Diebstahl bemerkt wurde. Zwei Jahre blieb das Bild verschwunden. Während dieser Zeit beteiligten sich eine Vielzahl von Leuten an der Suche nach der Schönen, und die Presse berichtete jedes Mal ausgiebig. Am Ende war die «Mona Lisa» das berühmteste Gemälde der Welt.

Ich fragte mich, ob Tomic eines Tages für sich in Anspruch nehmen kann, den fünf Gemälden aus dem MAM eine ähnliche Bekanntheit verschafft zu haben, wie sie seinerzeit der «Mona Lisa» zuteil wurde. Aber die Chancen dafür stehen eher schlecht, wenn man Aline Le Visage glauben will, Frankreich-Repräsentantin der Firma Art Loss Register, die eine Datenbank zur Identifikation gestohlener Kunst betreibt. «Der Diebstahl im Louvre, einem der schönsten Museen der Welt, kam damals, 1911, einem Erdbeben gleich», meinte sie. «Die Untersuchung des Falls war äusserst druckvoll und machte vor prominenten Namen wie dem Dichter Guillaume Apollinaire nicht halt. Selbst Picasso wurde im Zuge der Ermittlungen vernommen. Bis zur Verhaftung des wahren Täters, des Italieners Vincenzo Peruggia, liess auch das Interesse der Zeitungen nie nach.» Heutzutage, so Le Visage, seien Kunstdiebstähle so normal, die Halbwertzeit von Nachrichten so gering, dass selbst Bilder wie «La Pastorale» von Matisse es nicht ins kollektive Gedächtnis schaffen, geschweige denn zu Ikonen der Malerei aufsteigen.

VII: Fazit als Dieb und Mensch

Tomic sitzt seine Strafe im Centre de Détention de Val-de-Reuil bei Paris ab. Eine, die ihn dort regelmässig besucht, ist seine Freundin, die Feng-Shui-Beraterin Korine Opiola. Während der polizeilichen Untersuchung wurde den Medien der Eindruck vermittelt, die Prostituierte, bei der er hin und wieder übernachtete, sei seine «Lebenspartnerin», doch Tomics Verhältnis zu der Frau war wohl eher von Mitleid als Zuneigung geprägt. (Tomic in einem seiner Briefe: «Ich weiss nur, dass sie eine Seele von Mensch ist, die etwas anderes verdient hat als das, was sie tut.») Dagegen ist die Beziehung zu Opiola ernsterer Natur. Tomic, der auf Kaution aus der U-Haft freikam, lernte sie im Vorfeld des Verfahrens in einer Bar kennen. Sie las ein Magazin über Ufos, und er fragte, ob er mal gucken dürfe, erinnert sich Opiola. «Er wirkte überhaupt nicht wie jemand, der eine Frau aufreissen will. Man merkte sofort, dass er jedes Wort genauso meinte. Seine Präsenz war total spürbar.» Später kommunizierten sie auf Facebook und telefonierten viel. Opiola hatte keine Ahnung, dass Tomic der Prozess gemacht würde, für den grössten Kunstcoup seiner Generation.

Nach seiner Verurteilung schrieben sie sich. Oft beklagte er sich über seine Eltern, die ihn damals aus Bosnien geholt hatten. «Es ist jedes Mal dieselbe Leier: ‹Sie haben mir mein Leben gestohlen. Ich hätte ein guter Mensch werden können. So musste ich zum Dieb werden.›» Opiola aber ist der Meinung, die wahre Ursache dafür sei weniger bei seinen lieblosen Eltern zu suchen als in dem fatalen Besuch im MAM. «So ist er eben: Liebt er ein Kunstwerk, will er es besitzen.» Warum kann er sich nicht damit begnügen, ein schönes Gemälde nur zu betrachten? Antwort: «Ihm fehlt der Abstand. Es ist ein unkontrollierbarer Impuls. Er will etwas, er nimmt es sich.»

Tomic verbringt seine Tage mit Briefeschreiben und versucht sich daneben als Zeichner.

Obwohl er ab und zu auf die gestohlenen Bilder zu sprechen kam, hält sich sein Bedauern über die Tat in Grenzen. Er schrieb mir kryptisch: «Die Gemälde sind nirgends besser aufgehoben als dort, wo ich sie hingebracht habe.» Konkreter wurde er nie, schon gar nicht wollte er mir sagen, warum sie in diesem Versteck so gut aufgehoben seien. Auf seinen nächtlichen Exkursionen in die Wohnungen reicher Leute habe er viele schöne Bilder gesehen, aber nie mitgenommen – «weil ich nicht so ein Landhaus habe wie die reichen Leute, die sich den Luxus einer Privatsammlung erlauben können. Wenn ich das hätte, dann hätte ich heute ein ganzes Museum voller Bilder, das schwöre ich dir.»

Gegen Ende unseres Briefwechsels fragte ich Tomic noch einmal, ob die Bilder wirklich vernichtet seien. Nein, lautete die klare Antwort. «Birn liebt diese Bilder mehr als alles auf der Welt und passt schon auf, dass ihnen nichts passiert.» Dann platzte es aus ihm heraus: «Eines Tages wird er sie wohl oder übel herausrücken müssen – und zwar an den einzig wahren Besitzer, und das bin ich.»

Vorerst aber verbringt Tomic seine Tage mit Briefeschreiben und versucht sich daneben als Zeichner. Er entwirft Tongefässe, die er später in einem Atelier von Opiola realisieren will. Seine Zeichnungen ovaler Zuckerdosen und kelchförmiger Tassen sind von einer Schönheit, die einen unmittelbar anspringt, und versehen mit präzisen Mass- und Farbangaben («3 cm lang, 1,5 cm breit, ziegelrot») sowie Anmerkungen («Sicher noch schöner ohne das Muster»). Er weiss, dass er nicht der nächste Renoir ist. Ihm reicht, dass er sich mit Kunst beschäftigen kann. «Ich sitze hier und fertige diese kleinen Zeichnungen», schrieb er mir. «Ich bilde mir aber nicht ein, dass aus mir je ein grosser Meister wird.»

Pulitzer-Preisträger Jake Halpern hat den Text für den «New Yorker» verfasst. Übersetzung: Marcus Ingendaay

Erstellt: 10.06.2019, 10:28 Uhr

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