Der Bart als Geschichtssack 

Das Künstlerpaar Gilbert and George gibt selbst Profanem wie Gesichtshaar einen tieferen Sinn. Anlässlich ihrer Ausstellung in Brüssel äussern sie sich über den Brexit und Trump.

Wie aus der Zeit gefallen: Das Künstlerpaar George (links) und Gilbert. Foto: David Levene / Eyevine / Dukas 

Wie aus der Zeit gefallen: Das Künstlerpaar George (links) und Gilbert. Foto: David Levene / Eyevine / Dukas 

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Wie immer erscheinen sie in ihren dicken Anzügen aus Tweed. Zwei englische Gentlemen mit schütterem Haar, wie aus der Zeit gefallen. Gilbert trägt Grün. George trägt Rosa. In der Brusttasche ihrer Sakkos glänzt je ein goldener Schreibstift. Die Krawatten sind überaus bunt, die Schuhe aus einem auffällig hellbraunen Kalbsleder genäht. Alles ist bestens aufeinander abgestimmt.

Die beiden Künstler gehören zu den ganz Grossen der zeitgenössischen britischen Kunst. Sie sind seit den 1960er-Jahren ein Künstlerpaar. Eine lebende Skulptur, wie sie sagen.

Ein bisschen unsicher wirken die älteren Herren (Gilbert ist 75, George 77). An diesem Januarnachmittag durchmessen sie, die Hände auf dem etwas steif gewordenen Rücken verschränkt, das Restaurant der Kunstmesse Brafa. Die traditionsreiche Veranstaltung findet im Norden der Brüsseler Altstadt statt. Über 100 Kunst- und Antiquitätenhändler, vornehmlich aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden, halten hier ihre kostbaren Waren feil unter dem Dach einer grossartigen Lagerhalle, die von der Familie Thurn und Taxis Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut worden ist.

Äusserst konservativ 

Gilbert und George sind als Ehrengäste geladen. Sie erläutern ihre grossformatigen Bilder, von denen hier eine Auswahl zu sehen ist. Und stehen Journalisten Rede und Antwort.

Im Gespräch mit dieser Zeitung äussern sie sich auch zu ihrer politischen Haltung. Sie gilt als ausserordentlich konservativ, was zur Selbstinszenierung als englische Gentlemen ganz gut passt. Weniger konservativ ist, dass die beiden ein schwules Paar bilden und im Jahre 2008 geheiratet haben. George sagt: «Wir betrachten die Sache mit Trump ganz vorurteilsfrei. Alle Menschen, die wir in der Kunstwelt kennen, haben dieselbe Standardposition. Der Verkäufer in einem Museumsshop oder der Direktor haben dieselbe Meinung. Da muss was falsch sein.» 

Gilbert ergänzt: «Aber wir wollen das nicht an die grosse Glocke hängen. Trump ist ausserordentlich, weil er alle Attacken auf ihn überlebt. Selbst in London, in der BBC, handeln die Nachrichten im Halbstundenrhythmus von Amerika. Trump ist die berühmteste Person in der Welt. Ob er recht oder unrecht hat, das ist was anderes.» Beim Brexit wird das eingespielte Team konkreter. George scheint in Kategorien der «Longue durée» zu denken. Er erinnert sich noch gut an den Zweiten Weltkrieg. Das sei ein tiefer Einschnitt gewesen. Aber der Brexit? Das werde nicht viel verändern. 

Gilbert begründet seine Kritik an der Europäischen Union: «Ich denke, die Frage der nationalen Souveränität ist sehr wichtig. England muss seine eigenen Gesetze machen. Der gemeinsame Markt startete als Wirtschaftsverbund, der die Handelshemmnisse abbaute. Das war gut. Inzwischen will Brüssel aber einen Superstaat machen. Das ist falsch.»

«Die Schweiz hat es besser» 

«Alles begann», setzt Gilbert fort, «etwa vor zehn Jahren, als England aus heiterem Himmel eine Million polnischer Einwanderer verkraften musste. Danach noch eine halbe Million Menschen aus Rumänien. Inzwischen haben wir vier Millionen Menschen aus Europa. Das Problem ist die Rigidität, mit der die europäische Idee durchgesetzt wird. All diese nicht gewählten Politiker, die entscheiden, was wir zu tun haben. Wir sind nicht mehr für unser Leben verantwortlich. Die Schweiz hat es da besser, auch wenn sie ebenfalls sehr stark eingebunden ist in Europa.»

George baut die Brücke von der Politik zur Kunst: «Das europäische Projekt geht in Richtung einer immer stärkeren Integration der Einzelteile. Wir aber sind Künstler und wollen nicht, dass man als Künstler immer mehr integriert wird.» Gilbert spinnt den Gedanken fort: «Wenn das so weitergeht, dann ist es bald nicht mehr erlaubt, ein freier Künstler zu sein. Dann müssen alle Minimal Art machen. Dann machen alle Konzeptkunst. Aber das ist nicht das Wesen der Kunst. Der Künstler muss so frei sein wie möglich. Deshalb haben wir uns aus der Blase des Kunstbetriebs herausgelöst und versuchen, unsere visuelle Kunst zu machen, die unsere Absichten am besten zu Darstellung bringt. Es ist unsere Kunst, das ist wichtig, unsere.»

Gilbert vergleicht die gemeinsame Arbeit mit Jesu Bergpredigt: «Wir projizieren unsere Predigten auf die Wand. Es ist unsere Vision der Welt. Unsere Moral der Welt. Wir sind das Zentrum unserer Kunstwelt. Wir sind die Visionäre Gilbert and George, die in ihren Bildern zur Welt sprechen und ihre Gefühle mitteilen.» 

«Wir sind Künstler und wollen nicht, dass man immer mehr integriert wird.»

George skandiert Sätze, die er so oder fast so wahrscheinlich auch andernorts schon gesagt hat: «Es ist unsere geistige Sicht der Welt. Die Moral der Ästhetik, das ist etwas Ausserordentliches. Die Art, wie die Welt sich bewegt, ist moralisch. Die Moral der Kirche ist tot, weil sie stillsteht. Alles, was von der Religion kommt, ist in Stein gemeisselt. Wir als menschliche Wesen aber haben die Moral eines Oscar Wilde, der dafür sterben musste; wir haben die Welt verändert.» Verstehen sie sich als Atheisten? «Wir bezeichnen uns als Ungläubige», sagt George. Gilbert ruft dazwischen: «Säkular». Und George: «Jeder in diesem Gebäude ist griechisch, römisch, judäisch und christlich. Mehr oder weniger. Das macht unsere Gesellschaft aus. Ob wir das wollen oder nicht.»

«Die Welt», so Gilbert, «ist ein viel besserer Platz ohne Gott.» Und George ergänzt in diesem Ping-Pong: «Wir danken Gott für die Aufklärung und die industrielle Revolution. Beides hat unsere Leben grundlegend verändert.»

Überall Mauern 

Gilbert und George greifen in ihren Bildern gerne aktuelle Probleme auf. In der neueren Serie der «Beard»-Pictures geht es um die unvermeidlichen Bärte bei jungen Männern sowie um Zäune und Mauern, die überall hochgezogen werden sollen.

«Wir brauchen den Bart auf unseren Bildern als Geschichtssack, in den wir alles hineinpacken können», sagt Gilbert. «Nicht Probleme oder Fragen sind auf unseren Bildern zu sehen, sondern Antworten. Wir zeigen Lösungen auf. Es geht um unsere alles in allem optimistische Sicht auf die Welt und um Gefühle. Die Lösungen stellen sich dann für jede Person anders dar. Das hängt vom jeweiligen kulturellen Hintergrund ab.»

Die Kunstmesse Brafa in Brüssel ist noch bis 3.2. zu sehen. www.brafa.art

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.01.2019, 19:07 Uhr

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