Der Eintagsmaler

Die realistisch gemalten Bilder von Edward B. Gordon sind eine Art gemalte Schnappschüsse. Der Berliner Künstler versteigert jeden Tag eines seiner Werke im Internet.

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Die Atelieradresse führt zu einer alten Fabrik aus Backsteinen. Sie liegt direkt an der Spree, im Südosten Berlins. Der Stadtteil Köpenick ist ganz in der Nähe. Aber hier gibts nur Schornsteine, freie Asphaltflächen und eine Brücke für Güterwagen. Es riecht nach Seeluft. Ein Kormoran hockt einbeinig auf einem mehrere Meter hohen Stahlpfosten.

Das Fabriktor mit abgeblätterter, hellgrüner Farbe bleibt zu. Mit Schwung öffnet sich plötzlich die kleine Tür. Die Studiomanagerin macht eine einladende Handbewegung. Aber ist das nicht eher ein Cabaret als ein Atelier? Eine Holztreppe führt zu einem roten Samtvorhang. Linkerhand thront ein Konzertflügel. Nur der Geruch frischer Ölfarbe gibt die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein. Die Halle geht in einen zweiten Teil über. Ein raumhohes Fenster und mehrere Staffeleien, halb fertige und fertige, grossformatige Werke darauf. Ein Schienenarbeiter in Orange schaut über die Schulter, als hätte man ihn gerufen. Der Titel des Bildes: «Der Wächter».

Auf einem Brett aufgespannt, wartet das neuste Tagesbild, das eben versteigert wird: ein jugendliches Paar am Wasser. An den Wänden Porträts von Schriftstellern wie David Nicholls. Die Farben strahlen, als wären sie noch feucht. Dazwischen steht ruhig Edward B. Gordon. Leinenhose, frisch gebügeltes Hemd, hellwache, dunkelbraune Augen. Erst später entdeckt man die farbgesprenkelten Turnschuhe. Sekundenlang passiert nichts. Er scheint den Auftritt auszukosten. Was nicht verwundert, war er doch im ersten Leben Schauspieler. «Tach», kommt dann kurz die Begrüssung. Dazu ein leichtes Lächeln und die ausgestreckte Hand.

Typische Strassenszenen

In seinem Blog kann man täglich bis 18 Uhr das am Tag zuvor gemalte «Tagesbild» per E-Mail ersteigern. Wie eine Vernissage im Miniaturformat, bequem vom Sessel aus. Auf 15 mal 15 Zentimeter grossen Holzfaserplatten fängt er den Atem der Grossstadt Berlin ein. Der Betrachter studiert auf den Bildern die Einheimischen und ihr Revier wie eingeschlossene Fliegen im Bernstein. Oft sind es typische Strassenszenen aus Berlin-Mitte: ein Radfahrer, eingequetscht zwischen Laster und Autos. Ein Hinterhof mit alter Mauer, über dem die silbrige Kugel des Fernsehturms vom Alexanderplatz schwebt. Eine Frau im Abendkleid, die zwischen den Säulen des Lustgartens verschwindet. Guckt man alles schnell hintereinander an, ist es wie Daumenkino mit Sprüngen.

Edward B. Gordon ist 1966 in Hannover geboren worden und dort aufgewachsen. Seine Mutter Elke Rogge ist Malerin, der Vater Helmut Rogge ein bekannter Bildhauer und Kunstprofessor. Mit 21 Jahren entscheidet er sich selbst für die Malerei. Er verehrt Lucian Freud, dessen Werk er als «pure Malerei, frei und nur sich selbst und seinen eigenen Gesetzen folgend» beschreibt. In einem frühen Interview definiert er seine eigenen Massstäbe: «Licht, Dunkelheit, Farbe, Form und dann erst das Motiv». So streift Gordon seit sieben Jahren morgens auf der Suche nach Inspiration durch die Gegend um sein jeweiliges Atelier, bisher immer in Berlin-Mitte. Viermal wird er sich einen neuen Platz zum Malen suchen müssen. Luxussanierungen der Häuser vertreiben ihn.

«A painting a day»

Mittags beginnt er zu malen, und nach vier bis fünf Stunden ist das Bild in der Grösse einer Badezimmerkachel fertig. Es wird fotografiert und im Internet veröffentlicht. Die Käufer kommen aus der ganzen Welt. Der Startpreis liegt bei 150 Euro und endet inzwischen bei um die 1000 Euro.

Die Idee der Tagesmalerei, «a painting a day», kommt aus Amerika. Seine künstlerischen Mentoren, Peter und Barbara Bridgmont, fand er in London. Dort hatte er auch in einem Antiquitätengeschäft einen alten Lederkoffer entdeckt, in dem er zu Beginn seines Künstlerlebens Farben und Pinsel aufbewahrte. Der angeschriebene Name des früheren Kofferinhabers lautete «Gordon», ein Name, der ihm gefällt. Deshalb übernimmt er ihn.

Angst, kein Motiv mehr zu entdecken? Sein Lachen ist ansteckend. «Hier in Berlin ist doch immer ganz grosses Kino!» Klar, dass dafür keine kleinen Pinsel ausreichen. Nummer 24 benutzt er gern, fast so breit wie ein Backpinsel. «Von kleinen Strichen halte ich nichts, auch nicht von vielen Details», erklärt Gordon. «Malen heisst sehr viel weglassen, fokussieren auf die Essenz.» Der wohlüberlegte Farbauftrag aus hellen und dunklen Tönen erzeugt Tiefenwirkung. Dann schnappt sich Gordon seinen weissen, eleganten Strohhut und verkündet: «Und jetzt aufs Boot, wir fahren Richtung Innenstadt.»

Wie in Venedig wird es nicht gerade, obwohl Berlin angeblich mit noch mehr Brücken aufwarten kann. Das Ufer säumen Kraftwerk, Zementfabrik. Der Maler zieht den Gashebel des kleinen roten Zweisitzers bis zum Anschlag, damit ein Frachtkahn uns nicht überrollt. Und dann sind wir schon da. Motor drosseln, anlegen an einer kleinen Eisenleiter, die ins Wasser ragt. Über uns das «grosse Kino»: Die historische Oberbaumbrücke, früher Bastion des Zolls, dann Grenzübergang zwischen West und Ost, überspannt die Spree und verbindet Kreuzberg mit Friedrichshain. Fussgänger flanieren weit oben zwischen burgähnlichen Türmen über eine neue Eisenbrücke. Dahinter gleich Horden von Radfahrern mit ebenso vielen Autos im Wettstreit.

Warten auf das perfekte Licht

Aber der eigentliche Star betritt in diesem Moment die Szene. Auf einer weiteren, darübergestapelten Brücke, fliegt grenzenlos eine sonnengelbe U-Bahn durch den blauen Himmel. Gordon guckt still. Macht eine Skizze in sein kleines Notizbuch. Auch der rote Kran im Hintergrund soll mit darauf, denn er symbolisiere den täglichen Umbruch, den die Stadt erlebe. In Pinselstrichen festgehaltene Verwandlung. «In einer Stunde ist der Schatten genau so, wie ich ihn haben will», murmelt er. «Dann ist die Bahn ganz vorne nur erleuchtet, genau dort, wo der Fahrer sitzt. Der Rest liegt im Schatten des Turms.»

Genau so wird die U-Bahn dann auch am selben Abend für alle, die den Blog anklicken, sichtbar sein. Ein paar Tage zuvor war nur die Brücke als Solodarstellerin dran. Das Tagesbild trägt den Titel: «Closed». Dazu schrieb Gordon folgenden Text: «Bis hier darf ich mit meinem kleinen Boot fahren während des Tages. Die weitere Strecke stadteinwärts ist für Boote ohne Funkgerät von 9 bis 19 Uhr gesperrt … aber irgendwann ...!» In weiter Ferne, etwas versteckt, zeigt sich auf dem Bild der Fernsehturm vom Alexanderplatz, die übergrosse «Kompassnadel Berlins», wie Gordon sie nennt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2013, 07:58 Uhr

Der Künstler Edward B. Gordon. (Bild: Upperfairmeadow Publishing)

Edward B. Gordon: Bilder einer Stadt – Painting Berlin. Vorwort von Frank Schirrmacher. Verlag Kein & Aber, Zürich 2012. 191 S., ca. 40 Fr.
Berlin 52° erscheint im Herbst 2013.

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