Kopf des Tages

Der Kriegsfotograf mit der Kugel im Bein

James Nachtwey wurde bei den Demonstrationen in Bangkok von einer Kugel getroffen. Er war wieder einmal ganz nahe dran, am Geschehen.

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Für die Reportagefotografie gibt es eine goldene Regel: «Sind deine Bilder nicht gut genug, warst du nicht nahe genug dran.» Formuliert hat sie der Kriegsreporter Robert Capa – eines der Vorbilder von James Nachtwey.

Am Samstag war James Nachtwey wieder einmal ganz nahe dran. Bei den Unruhen in Bangkok wurde der mehrfach preisgekrönte Fotograf von einer Kugel ins Bein getroffen. Dem «Wall Street Journal» sagte der 65-Jährige, er habe sich in einem Spital untersuchen lassen; «ich laufe jetzt, es geht mir gut». Und fast noch wichtiger: «Morgen kann ich wieder arbeiten.»

«War Photographer»

Ein Bild zeigt den Amerikaner in den Strassen Bangkoks: im weissen Hemd, wie immer, die Kamera mit Weitwinkelobjektiv, wie immer, am Unterschenkel die Schussverletzung.

Wie nahe James Nachtwey rangeht, hat der Dokumentarfilm des Schweizers Christian Frei 2001 eindrücklich gezeigt. In «War Photographer» zischen Kugeln an ihm vorbei, er hustet, eingenebelt von Tränengas. James Nachtwey entkam dem Tod schon oft, oft nur knapp. Er wurde beschossen, bedroht, verwundet. 2003 auf Reportage im Irak etwa, auf einer Patrouillenfahrt mit US-Soldaten durch Bagdad. Der Konvoi wurde von Aufständischen angegriffen, eine Granate verletzte Nachtwey schwer.

Das brachte ihn nicht von seiner Mission ab: «Ich will die Wahrheit abbilden. Ich will die Leute aufrütteln. Ich will, dass meine Bilder die politischen Abstraktionen zerstören.» Eine Mission, die ihn zu einem Rastlosen, zu einem Getriebenen macht. Eine Mission, der er alles unterordnet, für die er auf alles verzichtet. Zum Beispiel auf eine Frau und eine Familie – sie würden seine Bilder verändern, sagt er. Sein Wohnort ist offiziell New York, zu Hause ist er aber auf den Kriegsschauplätzen der Welt, in den Krisengebieten, immer ganz nah am Elend. Der Öffentlichkeit zeigt er perfekte Bilder, meist Serien davon, an der Grenze des Erträglichen. Kritiker nennen ihn deswegen auch «Pornographer».

Autodidakt

Das Fotografieren hat sich James Nachtwey während zehn Jahren selber beigebracht. Für seine erste Reportage reiste er 1981 zu den Unruhen ins nordirische Belfast; er war in Afghanistan, in Darfur, in den besetzten Gebieten, in Bosnien, in Ruanda oder Somalia – und in den letzten beiden Monaten in den Flüchtlingslagern nahe der syrischen Grenze. Er dokumentierte das Leben in den überfüllten Lagern in Jordanien und im Libanon.

Vor drei Jahren war Nachtwey bereits einmal in Syrien, kurz bevor der Bürgerkrieg in dem Land eskalierte. Sein Besuch in Damaskus hat ihm harsche Kritik eingebracht, seine Bilder sind vom Netz verschwunden, zumindest offiziell. Nachtwey hat für die «Vogue» eine Homestory der Assads fotografiert. «Eine Rose in der Wüste», titelte das Magazin – die Journalistin schwärmt von «der anziehendsten aller First Ladys, glamourös, jung und sehr chic». Hinter der Aktion, heisst es, sei eine amerikanische PR-Agentur gestanden, spezialisiert auf Imagekorrekturen für Regierungschefs, Prinzen, Staaten – und offensichtlich auch Despoten. Nachtwey hat seine Arbeit gut gemacht, die Familienidylle ist perfekt – das Bild von Asma al-Assad, der «Rose in der Wüste», ebenso. Für ein gutes Bild muss man nahe rangehen – oder in diesem Fall: nahe herangelassen werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.02.2014, 08:30 Uhr

«War Photographer», Trailer

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