«Der Kunstfilz hat ihn abgestraft»

Der Metal-Musiker Tom Fischer arbeitete zuletzt als Gigers Assistent. Im Interview spricht er über das Verhältnis des verstorbenen Künstlers zu «Alien» und seine letzte Begegnung mit ihm.

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Herr Fischer, jeder kennt das «Alien»-Monster – was war sein Schöpfer für ein Mensch?
Giger war feinfühlig und intelligent – und vor allem unterschätzt. Das Image des «Grusel-Giger», das weit verbreitet ist, trifft überhaupt nicht zu. Einen interessanteren, vielschichtigeren Menschen als ihn habe ich noch nie kennengelernt.

War seine düstere Kunst ein Rollenspiel oder kommt darin Giger selbst zum Ausdruck?
Es war überhaupt kein Spiel. Seine Kunst war die Bewältigung seiner Ängste und seiner Albträume. Jeder bewältigt das verschieden. Der eine säuft, der andere nimmt Prozac. Giger malte. Als ihn die Ängste 1992 verliessen, hat er mit malen aufgehört.

Der Tod war ein zentrales Motiv seiner Kunst. Beschäftige ihn die eigene Sterblichkeit?
Es gab Zeiten, wo er zu mir sagte, dass er Angst vor dem Tod habe. Aber darüber reden wollte er nicht. Er lebte gerne. Ich habe ihn vor ein paar Tagen zum letzten Mal gesehen. Er war körperlich gebrechlich, geistig aber noch voll hier.

Erinnern Sie sich an eine besondere Begegnung mit ihm?
Die eindrucksvollste war die erste. Wir waren eine Metal-Band aus einem Bauernkaff. Die Musikszene verhöhnte uns, es hiess, wir machten bloss Krach. Der Einzige, der uns ernst nahm, war H. R. Giger. Er hatte eben erst einen Oscar gewonnen, trotzdem arbeitete er mit uns kompletten Nobodys zusammen und bot uns seine Kunst fürs Plattencover an.

Hat Giger die ständige Reduktion auf «Alien» gestört?
Je nach Stimmung. Er war sich bewusst, dass «Alien» ein zweischneidiges Schwert ist. Auf der einen Seite brachte ihm der Film viel Aufmerksamkeit ein. Gleichzeitig haftete seither das Etikett des «Horror-Giger» an ihm.

Stimmt es, dass er kaum Geld für sein «Alien»-Design bekommen hat?
Wie viele Künstler damals hatte er schlechte Verträge unterschrieben. Er hatte auch keinen richtigen Anwalt. Nach jahrelangen rechtlichen Anstrengungen wurde er aber einigermassen anständig entschädigt.

Dann hat er das Monster am Schluss nicht gehasst?
Nein, bestimmt nicht. Sein Haus in Oerlikon ist voller «Alien»-Dinge. Alles in allem war ihm «Alien» jedoch nicht übermässig wichtig. Sein Werk besteht ja aus unzähligen weiteren Kunstwerken wie Skulpturen, Skizzen oder Gemälden.

Wie muss man sich Gigers Haus in Oerlikon vorstellen?
Es sind drei Reihenhäuser, die durch Wanddurchbrüche zusammengewachsen sind. Das Innere ist ein fantastischer Mikrokosmos; es gibt keinen Quadratzentimeter, der nicht mit Kunst bedeckt ist – sei es seine eigene oder solche von befreundeten Künstlern. Man hat das Gefühl, das Haus atme.

Wurde Giger in der Schweiz für seine Kunst genügend gewürdigt?
Nein – und das tat ihm sehr weh. Im Ausland, wo er ja einer der bekanntesten Schweizer überhaupt war, fanden immer wieder Ausstellungen statt. In der Schweiz hatte er zwar Fans, aber die Kunstsociety, der Kunstfilz, hat ihn abgestraft, weil er es gewagt hat, mit Hollywood zusammenzuarbeiten. Dabei war es sein Lebenstraum, einmal im Kunsthaus Zürich eine Retrospektive zu haben. Das wurde ihm, der ja seit den 60er-Jahren in Zürich wohnte, aber ausdrücklich mehrfach verwehrt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2014, 15:40 Uhr

Tom Gabriel Fischer war seit 2007 H.R. Gigers Assistent. Der 50-Jährige gründete 1984 die einflussreiche Schweizer Metal-Combo Celtic Frost. Heute ist Fischer Frontmann der Band Triptykon.

Bildstrecke

H.R. Giger - Meister düsterer Plattencovers

H.R. Giger - Meister düsterer Plattencovers Die faszinierenden Bildwelten des Schweizers waren besonders bei Metal- und Punkbands beliebt. Doch auch Popalben hat der Alien-Schöpfer illustriert.

Trailer: Alien

Filmschaffende über Giger


(Quelle: darkallegiance666/Youtube)

Porträt über Giger


(Quelle: Jürg Conzett/Youtube)

3sat-Doku über Giger


(Quelle: DerWahrheitsgehalt/Youtube)

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