Der Maler des Unaussprechlichen

Die Fondation Beyeler zeigt eine grosse Ausstellung des Briten Peter Doig. Seine Werke lassen die Betrachter in eine Traumwelt eintauchen, in Dschungel eindringen – und in purer Malerei versinken.

Vor Corbusier die Natur: Doigs «Concrete Cabin II», 1992. Foto: © 2014, ProLitteris, Zürich

Vor Corbusier die Natur: Doigs «Concrete Cabin II», 1992. Foto: © 2014, ProLitteris, Zürich

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Er gehört zu den gefragtesten und teuersten Malern seiner Generation. Aber wenn Peter Doig, 1959 in Edinburgh geboren, wie am Donnerstagabend während einer Führung in der Fondation Beyeler über seine Bilder spricht, dann nicht als Meistermaler (der er zweifellos ist). Sondern als einer, dem die Malerei das Leben bedeutet; als einer, der seine eigenen Bilder anschaut, als ob er sie eben wiederentdecken würde.

Er befragt die Bilder – und damit sich selbst. Er reflektiert, wie er wohl auch in seinem Atelier auf Trinidad über Malen und Malerei reflektiert. Er spricht also nicht in bereits vielfach verwendeten Sentenzen. Er geht von Bild zu Bild, betrachtet, denkt nach und sagt dann, mit eher leiser Stimme, zum Beispiel: «Ich habe nie einen Plan, wie das Bild sein soll. Das ­Malen ist immer eine Reise.» Oder: «Ich liebe es, wenn etwas wie unvermittelt ins Bild fliegt. Das kann auch Dunkelheit sein, die sich von oben ins Bild legt.» Oder er stellt fest, dass in einer Landschaft sehr viel Traurigkeit sein könne.

Ahnungen und Sehnsüchte

Die Welt, in die Doig uns mit seinen grossformatigen Gemälden hineinführt, ist eine der Ahnungen, der Sehnsüchte und der Traurigkeit. Einsamkeit und Verlassenheit sind wiederkehrende Gefühle. Vielfach sind Landschaften zu ­sehen: aus Kanada, wo Doig lange lebte, oder aus Trinidad, wo er bis zum siebten Lebensjahr zu Hause war und wohin er 2002 aus London mit seiner Familie zurückkehrte. Diese Bilderwelt hat, bei ­aller präzisen Vielfalt der malerischen Mittel, etwas Schwebendes. Der Blick wird hineingezogen, und doch ist nicht genau zu benennen, was es ist, das einen hineinzieht.

Ist es die Atmosphäre? Sind es die Sujets? Ist es die raffinierte Malweise, die aus einer ganzen Klaviatur von Möglichkeiten besteht? Abstraktion, Bilder in Bildern, Lichtreflexe, Hell-Dunkel-Kontraste, Rasterungen in Form von Mauerwerk, Farbballungen oder dünne, fliessende Malfelder – all das geht ineinander über und verbindet sich. Ebenso verbinden sich Erinnerungsbilder mit Fotografien oder mit Covern von LPs, mit Filmstills, die den Künstler zu seinen Bildfindungen anregen.

Das hat etwas Traumwandlerisches. «In Bezug auf meine eigene Malerei gibt es etwas Elementares an ihr, das unweigerlich mit ihrer Materialität zu tun hat. Sie ist gänzlich aussersprachlich», erklärte Doig dies im Jahr 2001 selber. «Es gibt keine textliche Zusatzebene zum Gesehenen. Ich versuche oft, eine gewisse ‹Benommenheit› hinzukriegen. Ich versuche, etwas zu schaffen, das fraglich erscheint, etwas das schwierig, wenn nicht gar unmöglich in Worte zu fassen ist.»

Der Schnee wird farbig

So beim Gemälde «Cobourg 3+1 More» von 1994: Der Blick wird verstellt durch eine Art Schneegestöber, man sieht, dass man kaum sieht, und möchte den Schleier mit der Hand wegwischen. Erst nach und nach erkennt man, wie durch einen Nebel, vier Figuren, die an einem See stehen, im Hintergrund ist wohl ein Wald. Das Bild gewinnt mehr und mehr an Tiefe, gibt jedoch keinen eigentlichen Halt.

Das nebulöse Schneetreiben entfaltet sich mehr und mehr zu einer reinen Malerei, die aus dem Weiss-Grau eine Turner-artige, leuchtende Palette von Farben, ja geradezu ein Feuerwerk entlässt. Der Schnee wird, wie etwa bei Giovanni Giacometti oder Cuno Amiet, ganz farbig. Doig meint: «Als ich die ‹Schnee›-Bilder malte, schaute ich mir häufig Monet an, wo es diese unglaublich extreme, scheinbar übertriebene Verwendung von Farbe gibt.»

Referenzen an die Malerei-Geschichte

In seinem Werk referiert Peter Doig durchaus und sehr bewusst auf die Geschichte der Malerei, wobei die Referenz auch als eine Reverenz an seine Malervorgänger zu verstehen ist. Eine Figur von Honoré Daumier stand beim Gemälde «Metropolitain» Pate: Ein Kunstamateur schaut sich genau ein Bild an, auf dem Palmen an­gedeutet sind – Bild im Bild –, die grün gerasterte oder mit Rechtecken bemalte Wand des «Bilderhauses» geht dann in eine Landschaft über. Es ist jene Landschaft, die der Maler in seinem Atelier vor Augen hat. Als weitere Vor-Bilder in der Malerei sind zu erkennen: Gauguin, Munch, Matisse, deutsche Expressionisten und vielleicht sogar Doigs Nachbar und Freund, der Maler Chris Ofili.

Die Bezüge sind bei Doig nicht als postmodernistische Haltung zu verstehen, sondern als Weiterführung von malerischen und atmosphärischen oder existenziellen Fragen, welche die Moderne aufgeworfen hat. Typisch dafür ist das Gemälde «Concrete Cabin», das Le Corbusiers Unité d’habitation in Briey-en-Forêt zum Sujet hat. Befragt wird das Motiv der (architektonischen) Rasterung, jenes Motivs, das in der Moderne eng mit der Abstraktion und dem Antinaturalismus verbunden ist. Doig nun lässt vor dem Corbusier-Gebäude die Natur wuchern, als ob die Bäume mit ihrer vertikalen Ausrichtung einen unregelmässigen, äusserst malerischen und dunklen Raster über den gebauten hellen Raster legen würden.

Im Untergeschoss der Fondation Beyeler sind noch weitere Dinge zu entdecken. Erstmals nämlich zeigt Doig seine experimentelle Druckgrafik. Es ist ein Kosmos für sich, der wie ein Einblick in die Werkstatt des Künstlers anmutet. In der Druckgrafik nämlich entwickelt Doig viele seiner Bildideen im Klein­format, in der Verdichtung und im Prozess. Deswegen sind von den meisten Bildsujets auch Zustandsdrucke zu sehen, und viele Blätter tragen Spuren der Arbeit: Farbkleckse, Ätzrückstände, Fingerabdrücke.

Spuren der Arbeit

Im Renzo-Piano-Saal schliesslich hat Doig, Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, zusammen mit neun seiner Studenten zu lauter Musik, wie erzählt wird, eine 105 Quadratmeter grosse Wandmalerei realisiert, «Cat of 9 Tails». Das Motiv ist die Reproduktion eines der wichtigsten Werke von Doig, das einen Blick vom Strand auf die karibische Gefängnisinsel Carrera zeigt. Tiefblau öffnen sich in einer Mauer aus farbigen Backsteinen viele Fenster zum Meer – oder sind es nicht doch wiederum Bilder im Bild, die eben im Bild die Frage nach dem Bild und dem Status des Bildes stellen?

Im Vordergrund, fast fotorealistisch, der Strassenrand mit vertrockneten Gräsern, einer zerbrochenen Bier­flasche und einem Vogel. Und ganz links entdeckt man den Schatten des Malers. Es ist seine Reverenz an ein Bild von Courbet, der ihn immer wieder beeindruckt, dieser frühe Malerei-Maler, dem die zweite grosse Ausstellung in der ­Fondation Beyeler gewidmet ist (bis 18. Januar).

Am Ende des Rundgangs verabschiedet sich Doig, fast ein wenig verlegen darüber, dass er sich beim Rundgang hätte in Szene setzen können. Das hat er in seiner Bescheidenheit überhaupt nicht. Wenn er sich inszeniert, dann malend in seinen Gemälden und in seiner Druckgrafik.

Sein Arbeitstag ist noch nicht zu Ende. Er will noch an einem Gemälde weiterarbeiten, das in der Ausstellung gezeigt werden soll. Seine Malerei-Reflexion geht also unermüdlich weiter. Da muss das Museum kurzerhand zum Atelier werden.

Ab morgen Sonntag bis 22. März 2015. Künstlergespräch mit Peter Doig: Sonntag 23. November, 11–12 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2014, 20:02 Uhr

Ein Amateur schaut genau hin: Peter Doigs «Metropolitain (House of Pictures)», 2004. Foto: © 2014, ProLitteris, Zürich

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