Der Mann, der die Stars umgarnte

Seidenstoffe aus Gustav Zumstegs Zürcher Firma Abraham inspirierten die Modeschöpfer jahrzehntelang. Das Landesmuseum zeigt die textilen Schätze jetzt in der Ausstellung «Soie pirate».

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Es war an der Beerdigung von Christian Dior, Paris, Frühling 1957. Hier traf Gustav Zumsteg erstmals den jungen, schüchternen Yves Saint Laurent. Zumsteg, der damals die Pariser Tochterfirma des Seidenhandelshauses Abraham & Brauchbar aus Zollikon leitete, erinnerte sich sein ganzes Leben an die Begegnung: «Es war ein Coup de Foudre», sagt er in der Publikation, die das Zürcher Landesmuseum zur Sonderausstellung «Soie pirate» herausgibt, die morgen Freitag aufgeht. Es war das fulminante und folgenreiche Zusammentreffen des genialen Modeschöpfers mit dem Universalästheten Gustav Zumsteg, Chefdesigner und späterer Inhaber der Firma Abraham, Schöngeist, Kunstsammler, Freund von Braque, Chagall und Miró und Sohn der berühmten Hulda Zumsteg, Wirtin der Zürcher Kronenhalle, diesem kulinarischen Denkmal der Lebensart.

Saint Laurents Haute-Couture-Kollektionen waren fortan von Gustav Zumstegs Entwürfen geprägt und ohne Abraham-Stoffe nicht mehr denkbar. Es begann eine Jahrzehnte dauernde Erfolgsgeschichte. Farah Diba etwa trug an ihrer Hochzeit mit dem Schah ein Kleid von Saint Laurent – aus schwerer Seide von Abraham.

Der Garten als Schatzkammer

Saint Laurent inspirierte seinen Freund Gustav für Motive und Farben (Saint Laurents Garten in Marrakesch entpuppte sich da als unendliche Schatzkammer), und Zumsteg wiederum brachte «Mon ami Yves» mit abstrahierten Blumenmotiven oder modernen Karointerpretationen auf frische Ideen für dessen Kleider. Per du waren die beiden dennoch nicht wirklich, nur am Abend, wenn sie in der Kronenhalle oder im Maxim’s tafelten und tranken. Am nächsten Morgen war man wieder per Sie, denn «Per du ist perdu» hiess es in der Textilbranche. Eine zu persönliche Beziehung konnte das Geschäft gefährden, schliesslich musste man jede Saison erneut die Preise verhandeln. Ob die beiden eine Liebesbeziehung verband, ist unklar, aber ihre Seelenlage war im Gleichklang, sie hörten die gleiche Musik, lasen die gleichen Bücher. Die enge Beziehung zu Yves Saint Laurent, aber auch die Zusammenarbeit mit anderen französischen Couturehäusern wie Balenciaga, Balmain oder Givenchy sind Thema der glamourösen Ausstellung.

2007 hatte die Hulda- und GustavZumsteg-Stiftung dem Landesmuseum das Textilarchiv der Firma Abraham vermacht, und das Museum erhielt zudem von der Zürcherischen SeidenindustrieGesellschaft eine Schenkung von 1,3 Millionen Franken für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Sammlung. Über 1000 Kollektionsbücher wurden durchforstet, Hunderte von Stoffcoupons und -mustern visiert, 2600 Originalfotos gesichtet – ein exemplarischer Schatz für das textile Schaffen im 20. Jahrhundert.

Die entrückten Frauen

Ein Schatz an Inspirationen, zu dem Studenten künftig Zugang haben sollen, der aber rückwärts betrachtet auch deutlich macht, wie sich das Frauenbild verändert hat. Balmains Entwürfe waren in den 50er-Jahren noch skulptural, architektonisch, fast höfisch-steif. Die Frau schien darin entrückt und nicht sie selber zu sein, zumal die Models zu jener Zeit meistens nach oben ins Nirgendwo schauen mussten. Mit Yves Saint Laurent wurde die Haute Couture dann moderner, freier, und dank der Einflüsse der Pop-Art plakativ. Gustav Zumsteg lieferte dazu die passenden Stoffe mit übergrossen floralen Seidendrucken. Die Mode wurde Teil des dynamischen Lebens, und es entstanden Kleider, die von Ferne wirkten, Kleider für die glamouröse Party, den schnellen Klick des Fotoapparates.

Häufig liess Zumsteg seine Mitarbeiter Bilder der klassischen Moderne studieren. Nicht, um diese auf Stoff zu kopieren, sondern um Farbgebungen zu spüren. Das konnte so weit gehen, dass sie bei einem Matisse stundenlang nur dem Verlauf von einer zur anderen Farbe nachgingen und diesen Ton dann in ein Ornament integrierten.

Was «Soie pirate» zeigt, ist hochkarätig. («Pirate» nennt sich ein schwarzer Stoff aus der Abraham-Kollektion.) Als spezielles Bijou ist die Kronenhalle in Miniaturformat als Zimmer nachgebildet und mit vier von Gustav Zumstegs Lieblingsbildern bestückt. Die Schau zeugt aber auch vom akribischen Ordnungssinn Gustav Zumstegs, der die Handelsfirma Abraham 1969 kaufte und bis 1999 besass. Ein Teil des riesigen Archivs, das in Affoltern am Albis liegt, ist eins zu eins nachgestellt. Und es wird klar, dass der Feingeist Zumsteg nicht nur subtile Muster entwarf, sondern auch ein aufmerksamer Geschäftsmann war. Er liess während all der Jahre unzählige sogenannte Scrapbooks anlegen, in denen fein säuberlich eingeklebt wurde, was die Presse über das Haus Abraham berichtete. Es war ihm wichtig, was andere über ihn dachten.

Was niemand wissen durfte

Sein wohl am besten gehütetes Geheimnis – ausser seiner Beziehung zu Yves Saint Laurent – ist die Verbindung zur Firma Ratti in Como. Mehr als 30 Jahre reiste er beinahe wöchentlich zur Villa Sucota, wo er Antonio Ratti traf, der einen grossen Teil der Abraham-Seide webte, denn die Firma besass selber keine Webstühle. Dass andere seine Stoffe produzierten und druckten, wollte Zumsteg nicht an die grosse Glocke hängen. Niemand sollte erfahren, wo Catherine Deneuves «Pantherkleid» entstanden war, wer die leuchtenden roten Rosen auf schwarzer Seide für Mutter Huldas Garderobe drucken konnte.

Als dann in den 80er-Jahren die Yuppies mit ihrer neureichen Attitüde den modischen Ton angaben, zog sich Zumsteg zurück. Der Niedergang der Haute Couture und billige Konkurrenz aus Fernost setzten dem Haus Abraham zu. In den Neunzigerjahren schoss Zumsteg noch mehrmals Millionenbeträge ins Geschäft ein, sogar als er die Firma verkauft hatte. Trotzdem liess sich 2002 der Konkurs nicht mehr abwenden. Im gleichen Jahr verkündete auch Yves Saint Laurent seinen Rückzug aus dem Haute-CoutureGeschäft. Ein Zufall? Innere Verbundenheit? Wir wissen es nicht. Zumsteg selber starb 2005 im Alter von 90 Jahren. Ordnungsliebend wie er war, hatte er seinen Nachlass bis aufs Kleinste geregelt. Und diskret wie er war, hatte er sich Todesanzeigen strengstens verbeten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2010, 08:47 Uhr

Zur Ausstellung

22. 10. 2010 bis 13. 2. 2011, Verkauf von 17 reproduzierten Abraham-Stoffen jeweils von 14 bis 17 Uhr. Zweibändige Publikation «Geschichte der Firma Abraham» und «Stoffkreationen der Firma Abraham», Scheidegger & Spiess, Kombi-Preis 99 Fr.

Seidenindustrie

Heute ist fast vergessen, dass Zürich im 17., 18. und 19. Jahrhundert eine glanzvolle Seidenmetropole war. In der Roten Fabrik wurde Seide gewoben, und dort, wo heute der Jelmoli steht, war der Seidenhof. Herrschaftliche Wohnsitze des Seidenadels wie das barocke Haus zum Rechberg am Hirschengraben und das Muraltengut in Wollishofen sowie bekannte Namen alter Geschlechter (Muralt, Bodmer, Orelli, Zürrer, Weisbrod) erinnern noch an die grosse Zeit. Begründer der Zürcher Seidenindustrie war Hans Jacob Werdmüller, der im 16. Jahrhundert als Protestant Locarno verlassen musste. Er liess von Tessiner Einwanderern billig Seide spinnen und weben und brachte es zu unermesslichem Reichtum. Im 19.Jahrhundert waren rund 60 Prozent der Schweizer Industrie Textilbetriebe. 40 Prozent – die komplette Seidenproduktion – waren in Zürich ansässig. Heute ist sie nur noch ein Schatten dessen, was sie einmal war. Die Rezession der 70er-Jahre und die billige Konkurrenz aus Fernost führten zum Niedergang des Wirtschaftszweigs.

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