Der Mensch als Ausstellungsobjekt

In der Schau «Extra Bodies» zeigt das Migros-Museum für Gegenwartskunst, wie lebendige Menschen Teil der Kunst wurden – als Model oder Flüchtling.

L.A. Raeven, «Test Room» (2000). Foto: Courtesy the artists and Ellen de Bruijne Projects

L.A. Raeven, «Test Room» (2000). Foto: Courtesy the artists and Ellen de Bruijne Projects

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schwer zu sagen, wer zuerst war, Santiago Sierra oder Endemol? Ungefähr zur gleichen Zeit kamen der spanische Künstler und die holländische Fernsehunterhaltungsfirma auf eine ähnliche Idee: ganz gewöhnliche Menschen als Ausstellungsmaterial für ihre Zwecke einzuspannen. Auch wenn ihre Motivation grundverschieden war (die Entlarvung des Kapitalismus auf der einen, seine profitable Nutzung auf der anderen Seite), die resultierenden Aktionen glichen sich formal aufs Haar. Bei Santiago Sierras 1999 erstmals in Guatemala vorgeführter Performance passierte nämlich das: «8 Menschen, bezahlt dafür, dass sie in Kartonschachteln bleiben», so der Titel des Kunstwerks. Ganz Ähnliches stand auf dem Programm, als im September 1999 Endemols «Big Brother» in Holland auf Sendung ging.

Was nachher geschah, wissen wir nur allzu gut. Nicht nur lebt das Format des voyeuristischen Fernsehens nach dem Vorbild von «Big Brother» bis heute weiter, es hat sich auch karnickelartig vermehrt. Auch in der Kunst machte das Modell Schule und ist zu einem Phänomen geworden. Diesem widmet das Migros-Museum für Gegenwartskunst nun die Ausstellung «Extra Bodies», die gestern eröffnet wurde.

Die Bilder zeigen Performances von Vanessa Beecroft (links) und Santiago Sierra. Foto: Lorenzo Pusterla

«Natürlich spielte der menschliche Körper schon vorher, in den Performances der 60er- und 70er-Jahre, eine wichtige Rolle», sagt Kurator Raphael Gygax. Doch damals ging es meist um den eigenen Körper des Künstlers. Wenn sich Marina Abramovic in ihren frühen Arbeiten den Bauch ritzte oder Chris Burden einen Freund bat, ihm eine Kugel in den Arm zu schiessen, demonstrierten sie die existenzielle Verletzlichkeit des menschlichen Körpers – und führten dessen Lebendigkeit umso plastischer vor. Die Gesellschaft modernisierte sich, die verkrusteten Strukturen brachen auf, der Künstler machte vor, wie man den damit verbundenen Schmerz begrüsst und feiert.

Ende der 90er-Jahre kam der erste Schub der Besinnung. Die Arbeitsmärkte waren mittlerweile dereguliert, Konzerne agierten global – und die Künstler sahen sich jäh aufgerufen, in einen Kaltblütigkeitswettbewerb mit dem rasant Fahrt aufnehmenden Kapitalismus zu treten. Wenn also Santiago Sierra 2001 in einer Performance in der Zürcher ­Galerie Peter Kilchmann zwei Asylsuchende engagierte, die gegen gering­fügige Bezahlung stundenlang einen schweren Balken gegen die Wand halten mussten, dann war das keine Einladung zum Mitleid, sondern eine mit einer gewissen Menschenverachtung erteilte Publikumsbelehrung in Sachen unterbezahlte Arbeitskraft.

Keine Lust auf Kontroversen

Ein regelrechter Boom der «Kunst mit Statisten» (das «Extra» im Ausstellungstitel ist das englische Wort für «Statist») folgte auf die Jahrtausendwende, und Kurator Raphael Gygax präsentiert das ganze Panoptikum. Die Ausstellung beginnt «avant la lettre» mit Arbeiten von Yves Klein, der bereits 1960 nackte Damen in seiner berühmten blauen Farbe robben liess; auch mit einer selten gesehenen Fotografie der Installation von Gino de Dominicis, der an der Venedig-Biennale 1972 einen Statisten mit Downsyndrom auftreten liess und damit für Aufruhr sorgte. Kategorisiert man nach Komparsen, stellt man besondere Popularität von Models (Vanessa Beecroft, L.A. Raeven) und Flüchtlingen (Sierra, Guy Ben-Nar, Artur Zmijewski) fest. Durch Originalität sticht der Schweizer Künstler Christoph Büchel heraus: Er lässt sehr alte Damen mit der Sex-Pistols-Songzeile «No Future» abrocken und bringt damit eine ganz andere Bedeutung des Punk-Mottos ins Spiel.

Leicht misstrauisch mustert man beim Besuch einer solchen Ausstellung die in den Sälen Anwesenden. Sind es gewöhnliche Besucher? Normale Museumsaufseher? Oder muss man sich für Konfrontation mit einem lebenden Kunstwerk wappnen? Kurator Gygax gibt Entwarnung, man hat auf eine Vorführung am lebendigen Material verzichtet. Distanz und Reflexion sollen das Nachdenken über die Instrumentalisierung des Mitbürgers in der Kunst begleiten, nicht die Lust am Spektakel. Angesichts der Brisanz des Themas ist es eine etwas bedauernswerte Einstellung. Die Verwendung des anderen Menschen als einer käuflichen Kunstressource birgt nämlich explosive ethische Fragen in sich, die leidenschaftlich zu diskutieren es sich gelohnt hätte.

Genügt die «hehre Absicht» des Künstlers, um eine Spiegelung des kapitalistischen Zugriffs aufs menschliche Leben ethisch zu veredeln? Eine Problematik, die sich etwa an der diesjährigen Biennale in Venedig offenbarte, als der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson eine Lampenproduktionswerkstatt mit Flüchtlingen als seinen Beitrag zeigte. Mancher Besucher rieb sich die Augen ob des durch den Kunstkontext sanktionierten «Menschenzoos».

Die Schau im Migros-Museum lässt ähnlich naive künstlerische Missgriffe aussen vor, und auch das ist schade. Anhand der grenzüberschreitenden Kunst liessen sich Missgriffe der Moderne besonders brisant diskutieren. Doch dafür wären ein mutigerer kuratorischer Zugriff und dezidiertere Lust an der Kontroverse notwendig gewesen.

Bis 4. 2. 2018.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2017, 17:58 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Museum ist keine Therapie

Ein Zürcher leitet das Deutsche Historische Museum in Berlin. Raphael Gross will Geschichte in Konflikten zeigen. Wie geht das? Und hilft ihm dabei seine jüdische Herkunft? Mehr...

Das neuste Teuerste

In New York wurde das letzte auf dem freien Markt verbliebene Gemälde von Leonardo da Vinci versteigert. Der Preis von 450 Millionen Dollar ist bisher unerreicht. Mehr...

«Grenzen sind de facto ein Schwindel»

Ai Weiwei hat eine Doku über globale Migrationsbewegungen gedreht. Dieser «Human Flow» könnte eine Antriebskraft der Zivilisation sein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wintereinbruch: Schafe grasen im Schnee nahe Loch Tay Perthshire, Schottland, Grossbritannien (10. Dezember 2017).
(Bild: Russel Cheyne) Mehr...