«Der Preis spornt an, weiter zu arbeiten»

Erfolg für die Gegenwartskuratorin Kathleen Bühler des Kunstmuseums Bern: Nach zwei Nominationen hat sie für die Ausstellung «Dislocación» den renommierten Swiss Exhibition Award erhalten.

Preisgekrönt: Kuratorin Kathleen Bühler.

Preisgekrönt: Kuratorin Kathleen Bühler. Bild: Urs Baumann

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Frau Bühler, verfolgen Sie in den eigenen vier Wänden als preisgekrönte Kuratorin ein strenges Bildkonzept?
Kathleen Bühler: Streng insofern, als dass die Einrichtung jeweils mit meiner aktuellen Lebenssituation zu tun hat. Während «Dislocación» hängte ich etwa eine Fotografie von Alfredo Jaar auf, der in der Ausstellung vertreten war. Es gibt aber auch Phasen, in denen ich zu Hause keine Farbe ertrage, weil ich im Berufsalltag zu viele Eindrücke verarbeiten muss.

Dann wechselt Ihr heimisches Bilderprogramm regelmässig.
Zu Hause ist das Programm weniger ambitiös als im Museum (lacht). Zum Teil bleiben die Werke zwei Jahre unverändert an den Wänden. Das ist sehr schön, denn im Museum läuft es anders: Kaum ist eine Ausstellung eröffnet, ist sie auch schon wieder vorbei. Dabei würde man eine Ausstellungsplanung am liebsten erst mit dem Wissensstand der Vernissage beginnen.

Ist eine Ausstellung für Sie nie abgeschlossen?
Nein. Es gibt Themen, die mich von Ausstellung zu Ausstellung begleiten und denen ich mich aus unterschiedlichen Blickwinkeln annähere. Selber erkennt man erst im Laufe der Zeit, welche Fragestellungen einen durchs Leben hinweg begleiten.

Viele Ihrer Themen sind politisch. Die Ausstellung «Dislocación» thematisierte etwa die Entwurzelung und den Neoliberalismus in Chile.
Die chilenisch-schweizerische Künstlerin Ingrid Wildi Merino, Co-Kuratorin der Ausstellung, hat das Konzept entwickelt: Sie wollte die Phänomene Neoliberalismus und Migration am Beispiel ihres Geburtslandes aufzeigen. Europäische und chilenische Kunstschaffende wurden eingeladen, eigens Werke dafür zu entwickeln. Es fanden Reisen nach Chile und Veranstaltungen statt, an denen sich die Beteiligten mit der Geschichte oder mit der ökonomischen Realität auseinandersetzten.

In Chile, wo die Ausstellung zuerst gezeigt wurde, warf «Dislocación» hohe Wellen. In der Schweiz fallen die Reaktionen auf politische Kunst verhaltener aus. Geht es uns zu gut?
Für viele sind «Les Beaux Arts» immer noch primär mit Erholung verbunden, und auch an den Fachhochschulen wird politischer Kunst leider wenig Aufmerksamkeit geschenkt. In Lateinamerika erfuhr ich, wie Menschen, die eine Diktatur miterlebt haben, die Meinungsfreiheit in der Kunst mehr schätzen. Natürlich gibt es auch bei uns politische Kunstschaffende. Berühmtestes Beispiel ist Thomas Hirschhorn, aber auch Ingrid Wildi Merino, das Künstlerkollektiv RELAX oder Ursula Biemann sind Persönlichkeiten, welche die unbequemen Seiten unseres Alltags nicht ausblenden.

Politische Ausstellungen mobilisieren in der Regel keine Besuchermassen. War es schwierig, «Dislocación» in einem subventionierten Museum zu realisieren?
Das Kunstmuseum Bern mit hohen Ausstellungsbudgets braucht natürlich Sicherheiten, und im Fall von «Dislocación» gab es viele unbekannte Faktoren. Die meisten Werke wurden erst auf die Eröffnung in Chile hin fertiggestellt. Wir wussten bis dahin also noch gar nicht, was uns genau erwartet. Mir sind in dieser Zeit einige graue Haare gewachsen (lacht). Aber wir hatten von Anfang an Zusagen von chilenischen und Schweizer Stiftungen wie der Pro Helvetia, die vom Konzept überzeugt waren und uns unterstützten.

Wie vermitteln Sie als Kuratorin so ein Konzept dem Publikum?
Zum einen ganz pragmatisch durch die Anordnung der Werke im Ausstellungsraum. Für «Dislocación» legten wir im Eingangsbereich das Thema sozusagen geografisch an – mit Alfredo Jaars Andenrelief, Thomas Hirschhorns Autoinstallation und der Hütte von Javier Rioseco. Von dort aus begaben sich die Besucher quasi ins «Hinterland», wo sie die Thematik vertiefen konnten. Zum anderen wollen wir über ausgehändigte Ausstellungsführer, Werkbesprechungen, Ausstellungskataloge oder öffentliche Diskussionen das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung fördern.

Die Künstlerin Ingrid Wildi Merino war Co-Kuratorin von «Dislocación», letztes Jahr arbeiteten Sie eng mit dem Künstler Yves Netzhammer zusammen. Gibt es die klassische Kuratorenrolle überhaupt noch?
Es gibt verschiedene Arten von Ausstellungen und Kooperationen. Nächsten Herbst realisiere ich zum Beispiel eine Hommage an Meret Oppenheim mit klassisch-mongrafischen Elementen auf der einen Seite und Kooperationen mit jungen Künstlern, die im Geiste Oppenheims arbeiten, auf der anderen Seite. Das Konzept vom Superkurator, der seine Thesen mit Kunstwerken illustriert, hat in der Gegenwartskunst sicher je länger je mehr ausgedient.

Als Kuratorin des Kunstmuseums wurden Sie schon letztes Jahr für den Swiss Exhibition Award nominiert, dieses Jahr haben Sie ihn gewonnen.
Das erfüllt mich mit Stolz und Zuversicht. Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit und unsere Stiftungsräte sehen, wie unsere Ausstellungen nachhallen. Auf den unmittelbaren Alltag wirkt sich der Preis sehr wahrscheinlich nicht aus.

Dürfen Sie das Preisgeld behalten?
Ingrid Wildi Merino und die Abteilung Gegenwart des Kunstmuseums Bern teilen den Betrag. Unser Teil fliesst direkt in die nächste Ausstellung.

Sie denken wieder nur an die Arbeit...
Ich will nicht herunterspielen, dass mir der Preis als berufliche Anerkennung persönlich viel bedeutet. Bisher war kein grosses Museum zweimal nominiert – ich dachte schon, ich werde die Meryl Streep des Swiss Exhibition Awards (lacht). Der Preis spornt mich an, weiter beharrlich an meinen Visionen zu arbeiten. Deshalb bin ich überzeugt, dass er Spuren hinterlassen wird. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.04.2012, 16:45 Uhr

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Der Preis

Der Swiss Exhibition Award wird seit 2008 vom Bundesamt für Kultur und der Bank Julius Bär für herausragende Ausstellungen vergeben. Das Preisgeld beträgt 40'000 Franken. Die diesjährige Verleihung fand gestern Abend in Zürich statt. Die prämierte Schau «Dislocación» war vom 18.3. bis am 19.6.2011 im Kunstmuseum Bern zu sehen.

Kuratiert wurde sie von Kathleen Bühler, die seit 2008 die Abteilung Gegenwart im Kunstmuseum Bern leitet, und von der chilenisch-schweizerischen Künstlerin Ingrid Wildi Merino, die das Projekt anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums der chilenischen Unabhängigkeit initiiert hatte.

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