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Der Sonderfall der Schweizer Kunst

Max Gubler wurde als Genie gefeiert und endete in der Psychiatrie. Das Kunstmuseum Bern zeigt in einer grossen Retrospektive auch das lange unter Verschluss gehaltene Spätwerk des Schweizer Malers.

«Stehender Akt und Selbstbildnis im Spiegel», um 1949/50. Foto: Eduard, Ernst und Max Gubler-Stiftung

«Stehender Akt und Selbstbildnis im Spiegel», um 1949/50. Foto: Eduard, Ernst und Max Gubler-Stiftung

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Ein kleines, von einer Mauer umgebenes Dorf in einer abweisenden Winterlandschaft, die Häuser dicht zusammengedrängt wie verängstigte Herdentiere. In der Mitte ragt ein Narrenturm heraus. Es ist kein einladender Ort, das Leben scheint anderswo stattzufinden. Die expressionistische Vision der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich malte der noch nicht 20-jährige Max Gubler 1917. Dass der junge Künstler hier als Prophet in eigener Sache auftrat, ist eher unwahrscheinlich. Eine Ironie des Schicksals ist es allemal, dass der Künstler über ein halbes Jahrhundert später 75-jährig im Burghölzli sterben sollte, am 29. Juli 1973. Den Pinsel hatte er bereits zwölf Jahre vor seinem Tod endgültig aus der Hand gelegt.

Zwischen den Burghölzli-Bildern und Gublers Tod lag die fulminante Karriere eines Malers, der in seinem Ringen um Ausdruck Expressionismus und Neue Sachlichkeit souverän verarbeitet hatte und als Frühvollendeter galt. Der jüngste von drei Söhnen eines Zeichenlehrers und Malers liess sich nach Aufenthalten in Süditalien und in Paris 1937 in Unterengstringen an der Limmat nieder. Von der Kritik aufs Podest gehoben, wurde er als «neuer Hodler» oder als Schweizer Antwort auf Van Gogh und Munch apostrophiert. Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt gehörten zu seinen Bewunderern, und in den 50er-Jahren erzielte ein Gemälde von Gubler in der Schweiz einen höheren Preis als ein Werk des Weltkünstlers Alberto Giacometti.

Seine Frau als Muse und Modell

Der 1898 geborene Max Gubler sei ein «Sonderfall der Schweizer Kunst», sagt Matthias Frehner, der Direktor des Berner Kunstmuseums. Ungerechtigkeit sei ihm und seinem Lebenswerk widerfahren. Hoch sei er hinaufgestiegen wie Ikarus – mit dem sich Gubler einmal verglichen hat – und tief gefallen und nach ­seinem Tod als Epigone gescholten worden, der den Anschluss an die Moderne verpasst habe. Kommt dazu: Die Re­zeption von Max Gublers Werk wurde zunehmend von seiner Krankheits­geschichte geprägt; schwere Depressionen, begleitet von Aggressionsausbrüchen und Verarmungsängsten, hatten ihn für sein Umfeld untragbar und 1957 eine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt unumgänglich gemacht. Vier Jahre lang malte Gubler noch weiter. Als 1961 seine Frau an einem Herzinfarkt starb, erlosch der kreative Antrieb. Gubler pensionierte sich gleichsam als Maler. Seine Frau Maria habe die Bilder ­eigentlich gemalt, sagte er später einmal, nicht er.

Kennen gelernt hatten sie sich 1918 in den sozialistischen Kreisen um den Arbeiterarzt Fritz Brupbacher. Maria sollte für Max Gubler zur unverzichtbaren Muse und zum – exklusiven – Modell in Personalunion werden. Sie spannte Leinwände auf, wählte die Farben aus, verteilte sie auf die Palette und reinigte die Malutensilien nach getaner Arbeit.

Weil Gublers Arbeiten aus den Jahren 1957–1961 von der psychischen Krankheit überschattet waren, entschloss sich sein Umfeld – allen voran seine Brüder und sein langjähriger Förderer, der Zürcher Kunstgeschichteprofessor Gotthard Jedlicka –, diese Bilder unter Verschluss zu halten und im «Giftschrank» zu deponieren. 1981 entschied sich die Nachlassstiftung, diese Zweiteilung aufrechtzuerhalten und die Arbeiten des Spätwerks weitere 30 Jahre der Öffentlichkeit zu entziehen. Erst 2014 wurden die 374 Bilder freigegeben. Die Kunsthistoriker Bettina Brand-Claussen und Cornelius Claussen haben das Konvolut aufgearbeitet und die namenlosen Werke mit ­Titeln versehen. Von Oktober 2014 bis Februar 2015 konnten sie in einer Pa­noramaschau im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen erstmals gezeigt werden.

Wider den «Geniekult»

«Im Unterschied zu Schaffhausen zeigen wir eine Retrospektive mit rund hundert Bildern», sagt nun Daniel Spanke, der zusammen mit Gastkurator Beat Stutzer für die Berner Gubler-Schau verantwortlich zeichnet. Nicht durch die «Brille der Krankheit» und auch nicht mit einem Wiederaufguss des «Geniekults» will diese Ausstellung Max Gubler zeigen. «Die letzten vier Schaffensjahre werden in das Gesamtwerk eingeordnet», betont Spanke, «und wir beschränken uns nicht auf die biografische Sichtweise.» Dank des Legats der Geschwister Kull aus Winterthur ist Gubler im Kunstmuseum Bern auch zu einem Schwerpunktkünstler der Sammlung geworden.

Die Ausstellung ist sinnfällig in sieben Themenräume gegliedert – von Figurenbildern über Landschaften, Selbstporträts, Stillleben bis zu Atelierbildern –und versammelt in der Treppenhalle, dem eigentlichen Herz der Retrospektive, eine Auswahl von Porträts, die Gubler von seiner Frau Maria schuf. Im ersten Raum sind die drei malenden Gubler-Brüder alle präsent, es dominieren Motive im neusachlichen Stil aus dem Urner Riedertal, jahrelang ein Rückzugsort der Familie im Sommer. Das in sich geschlossen wirkende Frühwerk endet um 1924, als Gubler auf malerisch hohem Niveau seinen Stil zu suchen beginnt; so malt er etwa in der Auseinandersetzung mit Paul Cézanne eine Reihe von Badenden mit dynamisch-lockeren Flächenstrukturen.

Er ist der Fisch und der Fasan

Bald zeigt sich, dass der Künstler eine serielle Arbeitsweise bevorzugt und umfangreiche Reihen eines einmal gewählten Motivs produziert – Landschaften etwa wie das Kloster Fahr, die er immer wieder variierte, als ob er so dem Rätsel der Wirklichkeit auf die Spur kommen wollte. Ab Ende der 30er-Jahre rücken Selbstbildnisse ins Zentrum, auch hier arbeitet er in Serien, stellt sich etwa, an Van Gogh angelehnt und in expressiver Farbpalette, mit breitkrempigem Hut dar.

Immer wieder sind auch Bilder aus dem Spätwerk eingefügt. In den Still­leben fallen die sperrigen Disteln auf; diese «Blumen des Todes» waren die Lieblinge von Gubler. Symbolische Kraft haben auch der mit weit geöffnetem Mund am Haken hängende Fisch und der ebenfalls hängende Fasan. Diese Arbeiten sind ohne Zweifel vom Leiden Gublers geprägt. Die Porträts verzichten in ihrer rohen, fast skelettartigen Struktur auf jegliche dekorative Ausgestaltung. Die Figuren bewegen sich an der Grenze der Abstraktion, es sind oft gitterartige Wesen, zuweilen dominieren ein schneller Strich und leuchtende ­Farbinseln.

Noch 1959 hatte sich der damalige ­Direktor der Basler Kunsthalle, Arnold Rüdlinger, vehement dafür eingesetzt, dass Max Gubler an die 2. Documenta in Kassel eingeladen würde. Die Organisatoren lehnten mit der Begründung ab, das Werk des Schweizers sei zu «figürlich». Hätte man zu diesem Zeitpunkt die aktuellen Arbeiten von Gubler gekannt, wäre eine andere Beurteilung wohl wahrscheinlich gewesen. Für Daniel Spanke hat der an der Realität zweifelnde Gubler, der immer mehr in seiner eigenen Wirklichkeit verschwand, in seinem Spätwerk das eigene Repertoire weiterentwickelt bis zu dem Punkt, wo sich die Motive fast auflösen oder die «wilden Köpfe» von anderen, teils landschaftlichen Motiven überlagert werden.

Zeugnis innerer Kämpfe

Ob die Krankheit Max Gubler in den letzten vier Jahren seines Schaffens tatsächlich eine neue künstlerische Autonomie ermöglichte, ist schwer zu sagen. Etliche Bilder erinnern an die Ästhetik des Art brut oder der Ecriture automatique und zeugen davon, dass hier ein Maler auf das innere Leiden und Erlebnis abzielte und weitgehend darauf verzichtete, äussere Wirklichkeit abzubilden. Ist dies nun Kunst, oder ist es Ausdruck einer kranken Psyche? Diese Frage eindeutig zu beantworten, bedeutete in der Konsequenz: Man ist der Überzeugung, dass sich beides gegenseitig ausschliesst.

Mit Co-Kurator Daniel Spanke lässt sich so viel sagen: «Malerei in der Moderne ist immer Malerei in der Krise der Malerei.» Und dazu gehören auch Krisen von Künstlern – im Falle von Max Gubler eine persönliche Tragödie, welche die letzten Jahre seines Lebens überschattete. Dieses Spätwerk aber kann nicht vom «offiziellen» Max Gubler abgespaltet werden. Die Bilder der letzten vier Jahre sind vielmehr Zeugnisse seiner inneren Kämpfe, die er als Mensch und als Künstler ausfocht. Dieses Werk ist nicht archivierte Kunstgeschichte, sein Glutkern ist noch aktiv – das zeigt sich etwa auch daran, dass in der Schweiz die «Neuen Wilden» um Martin Disler oder Miriam Cahn Erben von Gubler waren.

Kunstmuseum Bern: Max Gubler. Eine Retrospektive, bis 2. August

Erstellt: 24.03.2015, 18:29 Uhr

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