Hintergrund

«Der hat alles gemacht, was man nicht darf»

Das Tate-Modern-Museum widmet Damien Hirst, dem teuersten zeitgenössischen Künstler, eine Retrospektive. In Zeiten der Wirtschaftskrise eine kontroverse Wahl.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es wurde in London lange darüber spekuliert, welchen britischen Künstler die Tate Modern während der Olympischen Sommerspiele 2012 präsentieren würde. Dann, wenn die ganze Welt nach London schaut und die Publicity am grössten ist. Als die Tate Modern das Geheimnis lüftete, bestätigte sie ein bereits weitverbreitetes Gerücht in der Kunstszene: Es wird eine Retrospektive des Skandalkünstlers Damien Hirst gezeigt – übrigens seine erste in Grossbritannien.

Zu kommerziell, zu vorhersehbar

Der Entscheid des weltweit grössten Museums für moderne Kunst hat in London vielerorts für Kopfschütteln gesorgt. «Ist er der richtige Künstler, um während der Olympischen Spiele 2012 gezeigt zu werden?», fragt sich etwa Charlotte Higgins, die wichtigste Kunstkritikerin der Tageszeitung «The Guardian». Higgins hat gemischte Gefühle: Einerseits empfindet sie die Arbeiten von Damien Hirst als zu vorhersehbar, andererseits sei es auch höchste Zeit, so die Autorin, dass dem weltberühmten Künstler zum ersten Mal in einem britischen Museum, zu Hause also, eine Soloshow gewidmet wird – mit der Retrospektive hätten Besucher endlich die Möglichkeit, den Hype um Hirst für einmal zu vergessen, sich einen Gesamtüberblick seines Schaffens zu machen und ihre eigene Meinung zu machen.

Tatsache ist: Damien Hirst polarisiert. Wie kein anderer hat er es verstanden, Kunst derart zu kommerzialisieren. Er hat die Eigenvermarktung des Künstlers salonfähig gemacht und löste mit seiner legendären Sotheby's-Versteigerung («Beautiful Inside My Head Forever») im September 2008 eine Revolution in der Kunstbranche aus: Der Künstler versteigerte im Direktverkauf 223 Werke und erzielte – am selben Tag als die Lehman Brothers kollabierten – die Rekordsumme von 111 Millionen Pfund. Dass ein Künstler seine Werke direkt anbietet und nicht, wie in der Branche üblich, über seine Galerie (im Fall von Hirst die Londoner White Cube Gallery), hatte es bisher noch nie gegeben und machte Damien Hirst schlagartig nicht nur zu einem der reichsten lebenden Künstlern, sondern auch zu einem äusserst erfolgreichen unabhängigen Unternehmer.

Kunst oder Kommerz?

Aus diesem Grund wohl widmet die Tate Modern in ihrer Retrospektive der geschichtsträchtigen Auktion einen eigenen Raum. Damien Hirst, dessen Stern vor einigen Jahren laut Medienberichten am Sinken war, wollte mit dem Direktverkauf seinen Marktwert testen und erhob die Versteigerung zum Kunstprojekt. Der «Beautiful Inside My Head Forever»-Raum soll den Besucher animieren, über die Vermischung von Kunst und Kommerz nachzudenken. Für den international tätigen Kurator und Kunstkritiker Angelo Capasso ist Damien Hirst vor allen Dingen eine Showbiz-Ikone: «Die Entscheidung der Tate ist somit sicherlich economically correct».

Ein Meisterwerk des Künstlers wird der Besucher in der grossen Turbinenhalle bewundern können, denn dort wird der weltberühmte Totenschädel ausgestellt werden. Beim Werk «For the Love of God» handelt es sich um einen mit 8601 Diamanten besetzten Platinabguss eines Schädels auf dessen Schädel ein 52-Karat-Diamant thront. Der teuerste Schädel der Welt wurde für 50 Millionen Pfund verkauft, wobei Hirst selber ein Mitglied der Käufergruppe war.

Diese und andere Aktionen haben dem Künstler, der ursprünglich der Londoner Kunstbewegung der Young British Artists (u. a. Tracey Emin, Sarah Lucas, Gary Hume) entstammte, viel Kritik eingebracht. «Damien Hirst hat die Kunst völlig zerstört», sagte der bekannte deutsche Künstler Anselm Kiefer kürzlich in einem im Nachrichtenmagazin «Spiegel» veröffentlichten Gespräch mit dem Axel-Springer-Manager Mathias Döpfner.

«Der hat alles gemacht, was man nicht machen darf. Ich zum Beispiel gehe nie auf Kunstauktionen. Ich verbiete allen Händlern, meine Bilder auf solchen Marktplätzen zu präsentieren.» Sein Gesprächspartner Döpfner hingegen sieht in der «totalen Kommerzialisierung der Kunst» Hirsts ein Kunstwerk. Gerade die umstrittene Auktion bei Sotheby's am Tag der Lehman-Pleite: «Dieses Happening ist Hirsts bisher wichtigstes Kunstwerk.»

Erstellt: 08.12.2011, 15:41 Uhr

Kunst sollte keine Angst vor Geld haben


(Quelle: euronews/youtube.com)

Artikel zum Thema

Der Totenkopf als Kult-Symbol

Fast alle Jungs finden Totenköpfe toll – und Künstler wie Damien Hirst, Alexander McQueen oder Vivienne Westwood erst recht. Ein neues Buch zeigt, wie beliebt das Kult-Motiv seit Jahren ist. Mehr...

«Wenn ich die Haie nicht verkaufe, kommen sie in meine Stube»

Andrea Caratsch sucht Käufer für seine 10 Millionen Franken teure Haifisch-Skulptur von Damien Hirst. Der Zürcher Galerist über mögliche Abnehmer, Spekulanten und den «grössten Künstler seit Warhol». Mehr...

Der Krieg der Starköche

Hintergrund Zuerst lästerte Sternekoch Marco Pierre White über Jamie Oliver und seine Schulkantinen-Projekte, danach wollte er selber für das leibliche Wohl von englischen Kindern sorgen – und blitzte ab. Mehr...

Bildstrecke

Damien Hirst in Zürich

Damien Hirst in Zürich Die Galerie Andrea Caratsch zeigt den umstrittenen Künstler.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...