Der humorvolle Zen-Meister

Mit seinen oft lustigen Tuschebildern brachte Sengai (1750–1837) Meditierende auf den richtigen Weg. Das Museum Rietberg führt nun in die originelle Gedankenwelt dieser Ikone der Weltkunst ein.

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Auf seine alten Tage hin wurde ihm der Rummel um seine Person schon mal zu viel: «Mein Studio gleicht einem Klosett. Dauernd kommen Leute mit Papierrollen zu mir», soll Sengai gefrotzelt haben. Kein Wunder, denn der hochgelehrte Mönch war beliebt für seine Volksverbundenheit. Als ihn einmal eine Frau um ein Bild bat und ihm als – nicht ebenbürtige – Gegengabe eingelegtes Gemüse anbot, ging Sengai dennoch auf ihr Anliegen ein. Doch statt eines schwierigen zen-buddhistischen Sinnspruchs malte er kurzerhand die Szene, wie die Bittstellerin das Gemüse überreicht. Mit einem Augenzwinkern lehrte er sie, ihr eigenes Tun zu reflektieren, in Anspielung auf das Kernanliegen des Zen: «Erkenne dich selbst.»

Sengai, der Zen-Meister, der vor allem für seine originellen Bildfindungen in Erinnerung blieb, ist heute äusserst beliebt in Japan und darüber hinaus eine Ikone der Weltkunst. Wer seinen Werken im Museum Rietberg gegenübersteht, ahnt warum: Auch ohne ein Zen-Mensch zu sein, zeichnen einem Bilder wie der «meditierende Frosch» unwillkürlich ein Lächeln aufs Gesicht. Selbstzufrieden und wohlgenährt hockt das Tier mit einem breiten Grinsen da. Wie Sengais gesamtes Œuvre schöpft auch dieses Bild aus der zen-buddhistischen Erfahrungswelt: Ausdauernde Sitzmeditation sei zwar der Weg hin zur Erleuchtung, besagt die begleitende Handschrift. Mit Herumsitzen allein sei es aber nicht getan. Sonst gelangte auch ein Frosch zur Erleuchtung.

Abt im ältesten Kloster Japans

Sengai zeichnet aus, dass ihn trotz der Offenheit und Vielschichtigkeit mancher Werke alle verstehen. Er spricht die Menschen auf dem geistigen Wissensstand an, auf welchem sie sich gerade befinden. Für einen hochgelehrten Zen-Mönch, der als Abt dem ältesten Kloster Japans vorstand und sich ein Leben lang in eine schwer zugängliche Lehre vertiefte, ist dies nicht selbstverständlich. Diese Haltung durchdringt auch die rund fünfzig Werke, die nun im Museum Rietberg in zwei Tranchen – nach sechs Wochen wechseln die Werke aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit – zu sehen sind: Sie sind von einer Nonchalance, Spontaneität, Originalität und einem gewollten Dilettantismus, dass man sich sofort auf sie einlässt.

Das war auch ihr Zweck: Mönchen wie gewöhnlichen Menschen den Zugang zur Lehre zu erleichtern. Die sorgsam auf prachtvollen Seidenrollen aufgezogenen Tuschgemälde waren nicht zur Dekoration gedacht, sondern als ­Meditationshilfen. Sie schufen über den Tod des Meisters hinaus eine Beziehung zwischen ihm und seinen Schülern. Auf einfache Weise, oft mit alltäglichen Szenen, vergegenwärtigen sie die Lehre des Zen. Dass der Weg hin zur Erleuchtung auch dem Meister nicht leichtfiel, gestand er in einer Beischrift ohne jede Überheblichkeit: «Ich sitze in Meditation, aber, oh, der Schmerz von diesem Furunkel an meinem Gesäss!»

In seiner letzten Stunde soll er gemurmelt haben: «Ich habe keine Lust zu sterben.» Seine Schüler erschraken über diese Worte, offenbarten sie doch, dass der Meister nicht bereit war für den Tod. «Ich habe überhaupt keine Lust zu sterben», wiederholte er und verschied. Kaum eine Anekdote versinnbildlicht besser, warum Sengai in Japan bis heute bewundert wird: Seine Menschlichkeit setzt ihn auf eine Stufe mit den einfachen Leuten, da er ihre Ängste und Unvollkommenheit teilte.

Gefühl für die Linie

Die Offenheit und Leere, wie sie typisch für die Schule des Zen sind, bringt Sengais minimalistischer Malstil eindrücklich zum Ausdruck: Mit wenigen Strichen, oft ohne den Pinsel abzusetzen, skizzierte er seine Botschaften. Weil jeder Pinselstrich auf Seide oder Papier unwiderruflich ist, erfordert diese Kunst eine hochgradige Beherrschung des Materials. Das überflogene Weiss, die gespreizten Pinselhaare, die nachlassende Tuschetonalität: Sengais Werke offenbaren ein ausserordentliches Feingefühl für den Ausdruckswert der Linie.

In der Pinselführung eines Tuschbilds steckt sein ganzes Wesen, heisst es. Und ein japanisches Meisterwort besagt: «Wenn man die schwarze Tusche geschickt behandelt, dann ergeben sich die fünf Farben fast von selbst.» Mit so sparsamen Mitteln so viel gedanklichen Raum zu öffnen, ist das eigentliche Geheimnis dieser Bilder.

Bis 10. August. Katalog 34 Franken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2014, 07:50 Uhr

Der Clip zur Ausstellung. Quelle: Museum für Gestaltung, Youtube

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