Der intellektuelle Gewaltherrscher

Das Landesmuseum widmet Karl dem Grossen zum 1200. Todestag eine grosse Ausstellung. Zeitgleich erscheint eine Biografie von Johannes Fried, die Karls Beitrag zur kulturellen Entwicklung Europas aufzeigt.

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Über das tatsächliche Leben von Karl dem Grossen ist nur wenig Gesichertes bekannt: Mutmasslich geboren wurde er im Jahre 748; gestorben ist er hingegen ganz sicher im Jahr 814. Und geherrscht hat er – ebenfalls sicher – über das ganze christliche Europa, also auch über die Schweiz. Deshalb gibt es nun zum 1200. Todestag im Landesmuseum Zürich eine Ausstellung. Sie will uns zeigen, wie der Herscher die Schweiz prägte – obwohl er hier nachweislich nur zweimal war: Auf der Durchreise nach Italien machte er im Sommer 773 in Genf Station; 801 überquerte er von Italien den Grossen St. Bernhard. Alle weiteren Schweiz-Aufenthalte gehören ins Reich der Vermutungen und Mythen.

Seinen sichtbarsten Einfluss hatte Karl der Grosse zweifelsohne im Bereich der Architektur, wo er einen richtigen Boom auslöste: Erstmals seit der Römerzeit wurden nördlich der Alpen wieder monumentale Steinbauten errichtet. Dazu zählte unter anderem die repräsentative Königspfalz auf dem Zürcher Lindenhof, die zur Karolingerzeit das politische Zentrum von Zürich bildete. In der Ausstellung ist eine Rekonstruktion dieser Königsresidenz zu sehen – neben Versatzstücken aus dem Kloster Disentis, einer stehenden Karls-Darstellung und dem Modell des Idealklosters von St. Gallen. Prunken kann die Ausstellung vor allem mit den kleineren Objekten. Besonders prächtig sind das Brustkreuz von Karl dem Grossen, die Elfenbeintafeln aus der königlich-kaiserlichen Hofschule sowie ein Messer, das dem passionierten Jäger gehört haben soll. Daneben gibt es goldene Reliquiare, Textilien und prächtig illuminierte Handschriften aus der Karolingerzeit. Als Highlight gilt in diesem Zusammenhang eine Matthäus-Darstellung aus dem Liber viventium, dem Buch der Lebenden und Toten, die nur an den Wochenenden gezeigt werden darf, da sie sonst zerfallen würde.

Wissen und handeln

Das alles ist sehr schön anzusehen, und wer will, kann sein Wissen mit dem Begleitbuch vertiefen, in dem reich bebildert und auf dem Stand der Forschung über die sichtbaren Objekte der Karolingerzeit berichtet wird. Aber warum sollte man sich heute für Karl den Grossen und die Karolingerzeit interessieren? Nur aus antiquarischem Interesse, also aus Freude an alten Sachen und vergangenen Zeiten? Gar aus lokalhistorischem Patriotismus?

Nein, die Ausstellung und die Beschäftigung mit Karl dem Grossen sind viel mehr als nur eine Versenkung in eine untergegangene Epoche und eine Verneigung vor der lokalen Historie: Einig ist man sich heute in der Forschung darüber, dass Karl der Grosse mit seinen Verwaltungs- und Bildungsreformen einen bedeutenden Beitrag zur kulturellen Entwicklung Europas geleistet hat. Das macht Johannes Fried, Historiker und preisgekrönter Wissenschaftsautor, in seiner monumentalen Biografie deutlich – für alle, die etwas über Karl den Grossen lesen wollen und über den nötigen Atem verfügen.

Zu Karls wichtigsten Reformen gehört die Vereinheitlichung des Münzsystems, das in der Schweiz noch bis ins 19. Jahrhundert nachwirken sollte. Ausserdem führte er mit der karolingischen Minuskel eine einheitliche Schrift ein, die noch heute die Grundform unserer Druckschriften bildet. In der Ausstellung kann man diese Vereinheitlichung anhand von drei Büchern verfolgen – von der verwilderten Schrift der vorkarolingischen Zeit zur einheitlichen Minuskel.«Obgleich es besser ist», mahnte Karl seine Kleriker und Mönche, «gut zu handeln als bloss zu wissen, so geht doch das Wissen dem Handeln voraus.» Um dieses Credo einhalten können, umgab sich Karl der Grosse mit einem Heer von gelehrten Männern. Im Zentrum der Zürcher Ausstellung, die von Christine Keller kuratiert wurde, steht denn auch ein oktogonaler Raum, der die Kapelle der Aachener Kaiserpfalz zitiert (acht steht in der christlichen Tradition für die Vollendung und den Tag der Auferstehung Christi). Jede Säule widmet sich in einer Hörstation einem ausgewählten Gelehrten, darunter Haito, Bischof von Basel und Abt des Inselklosters Reichenau, sowie Einhard, der mit seiner «Vita Karoli Magni» posthum eines der ersten literarischen Bildnisse von Karl dem Grossen schuf, das viele noch aus dem Lateinunterricht kennen werden.Der Bedeutendste der Gelehrten an Karls «Hofschule» war aber zweifellos Alkuin, Karls Lehrmeister, der den wissbegierigen Herrscher etwa mit der Kategorienlehre von Aristoteles vertraut machte, die an Karls Hof in einer lateinischen Paraphrase existierte. In diesem Zusammenhang kann Johannes Fried denn auch anschaulich darlegen, dass man ohne den Einsatz von Karl dem Grossen und seiner Skriptoren wohl kaum über eine solche Fülle von antiken Schriften verfügen würde – und dass unser Bild der römischen Antike wesentlich «durch die Rezeptionsfreude der Karolingerzeit geprägt» wird. «Was sie von der lateinischen Literatur erreichte und rettete, blieb erhalten; was sie verschmähte oder nicht kannte, ist für alle Zeit verloren.»

Latein und Aristoteles

Karl der Grosse ist also ganz wesentlich für die mehr oder weniger einheitliche intellektuelle Prägung Europas verantwortlich zu machen, die nicht unwesentlich durch die Schriftreform und das Latein als Wissenschafts- und Kultursprache bestimmt wurde. Für Karl war Bildung aber kein Selbstzweck. Vielmehr lenkten ihn in dieser und vielen andere Fragen religiöse Motive, wie Johannes Fried hervorhebt: Karl, der sich am Weihnachtstag des Jahres 800 von Papst Leo III. zum Kaiser krönen liess, war davon überzeugt, dass das Geheimnis des Glaubens Subtileres als das Fränkische oder Alemannische brauchte; er glaubte, dass das «wilde Denken» der barbarischen Völker gezähmt, also verfeinert und rationalisiert werden sollte.

Deshalb trieb er das Latein voran. Und deshalb beschäftigte er sich mit der aristotelischen Kategorienlehre. Im grossen Bogen der europäischen Geschichte sind also vor allem die Sekundäreffekte der Herrschaft von Karl dem Grossen bedeutend. In der Ausstellung finden wir diese in den eher schlichten Räumen dokumentiert, in denen Manuskripte aufliegen – aber es sind die wichtigeren Räume als jene, in denen man in der mittelalterlichen Pracht schwelgen kann.

Erstellt: 20.09.2013, 08:39 Uhr

Buch und Ausstellung

Johannes Fried: Karl der Grosse. Gewalt und Glaube. Eine Biographie. C. H. Beck, München 2013. 736 S., ca. 40 Fr. Fried stellt seine Karl-Biographie am 21. November im Landesmuseum vor.

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