Der schonungslose Blick des Kriegsfotografen

Der US-Kriegsfotograf James Nachtwey trat am Samstag in Zürich auf. 1000 Personen lauschten gebannt seinen Ausführungen.

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Im ausverkauften grossen Theatersaal des Maag-Areals, wo am Wochenende sonst eher Unterhaltung angesagt ist, referierte am Samstagabend im Rahmen der Photo 10 der amerikanische Kriegsfotograf James Nachtwey vor rund 1000 Zuschauern. Seit 30 Jahren dokumentiert er als «Fotojournalist», wie er sich selber bezeichnet, die Kriegsgräuel dieser Welt. Er begann 1981 in Nordirland und fotografierte seither an allen grossen Kriegsplätzen dieser Welt: Zentralamerika, Afghanistan und Afrika (immer wieder), Bosnien, Irak, 9/11. In den 90erJahren dokumentierte er zudem die humanitären Katastrophen dieser Welt: Hunger, Aids, Tuberkulose, Erdbeben, soziale Kälte. Am eindrücklichsten sind seine Bilder aus Rumänien am Ende der Ära Ceausescu, als elternlose Kinder, Behinderte und Alte in unbeheizten Heimen auf matratzenlosen Bettgestellen dahinvegetierten.

Nachtwey erläuterte seine Bilder, ruhig im Ton, eindringlich in der Botschaft, stets ohne Pathos. Nur hin und wieder ballte sich seine Faust kaum merklich, wenn er darauf hinwies, dass viele Gräuel vor den Augen einer teilnahmslosen internationalen Öffentlichkeit stattfanden. Er will mit seinem schonungslosen Kamerablick dieses teilnahmslose Wegsehen verhindern.

Herausragende Ästhetik

Wie man das aushalte, während drei Jahrzehnten so viele Gräuel zu sehen, wurde er aus dem Publikum gefragt. Durch seine Beobachtungen sei er eher sensibler geworden, meinte Nachtwey, Kraft gebe ihm die Hoffnung, die die Menschen auch als Opfer nie verlören. In der Tat bestechen seine Bilder auch durch ihre herausragende Ästhetik, die den Opfern die Würde zurückgibt und den Zuschauer nie zum Voyeur degradiert. Womöglich sind diese ausgeprägte Ästhetik und die stete Suche nach Würde auch der eigene Schutz des ehemaligen Kunststudenten. Umso überzeugender, wenn die Kriegsfotografie zusätzlich noch etwas bewirkt wie im Fall seiner Reportage über Somalia 1992 im «New York Times Magazine». Die Bilder waren damals mit ein Grund für die internationale Intervention und so laut Internationalem Komitee vom Roten Kreuz indirekt für die Rettung von 1,5 Millionen Menschen mitverantwortlich.

Die Zuschauer dankten Nachtwey für seine mutige und eindrückliche Arbeit mit lang anhaltendem Applaus und Nachdenklichkeit. Er wird seine Arbeit fortführen, dazu verpflichtet ihn sein «commitment». Ob er sich vorstellen könne, auch mal an einen Ort zurückzukehren, wo inzwischen Friede herrsche, fragte eine Zuschauerin zum Schluss. «Nein», meinte Nachtwey, «da habe ich nichts zu tun.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2011, 08:26 Uhr

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