Der vibrierende Geist, das Wetterleuchten um die Kunst

Die zwei neuen Bände zum Kunstsalon von Paul Cassirer sind erneut eine editorische Sensation.

Einer der Götter von Kunstsammler Cassirer: Paul Cézanne, «Stillleben mit Äpfeln und Keksen». Foto: DeAgostini (Getty Images)

Einer der Götter von Kunstsammler Cassirer: Paul Cézanne, «Stillleben mit Äpfeln und Keksen». Foto: DeAgostini (Getty Images)

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Alle Fanfaren an Deck: Die zwei Bände «Kunstsalon Cassirer 1905–1910» sind eine sensationelle Publikation. Die Bücher zur Kunst- und Zeitgeschichte um 1900 setzen die zwei ebenso gewichtigen Bände mit der Gründung des ­Salons 1898–1905 fort und erkunden, wie der junge Galerist Paul Cassirer die ­Moderne nach Deutschland brachte, vor allem die Impressionisten aus Frankreich.

In den ersten Bänden sind die vernichtenden Urteile über das «Gestammel» von Cézanne und seinen Freunden zu lesen. Mit Spannung hat man die Fortsetzung erwartet, und wiederum werden nun die jährlichen Ausstellungen aufgelistet, begleitet von den Rezen­sionen. Die Kritiker haben schnell gelernt: Sieben Jahre später staunen sie selbst über das Entsetzen, das die Impressionisten damals ausgelöst hatten. Jetzt, um 1907, sind es die «Jungen», die in die Schusslinie geraten. Mit Edvard Munch sei der Kunstsalon Cassirer «wieder einmal zur wahren Schreckens­kammer geworden». Und Lovis Corinth zeige «eine hingeschmierte provozierende Caricaturensammlung».

Alles lässt sich kontrollieren

Wir lesen amüsiert aus gesicherter Distanz, aber Überheblichkeit steht uns nicht zu. Imponierend ist der Mut zum krassen Urteil, mehr noch der Mut zu Zweifeln und Fragen: «Der Geschmack sagt nein und mein Urteil ja», schreibt Georg Hermann – und ergründet beides. Die Kunst von Max Beckmann mache zwar Angst, aber «er ist ein Mordskerl, ausgerüstet mit aller Pinselwut». Mit Sprachgewalt und in heute beneidenswerter Länge spüren die Kritiker dem ­vibrierenden Geist jener Zeit nach. Was sie ahnen und anhand der Bilder for­mulieren, ist der neue Lebensentwurf ­gegen den wilhelminischen Mief. Der ­Leser kann die Urteile kontrollieren, weil die Gemälde jeweils abgebildet sind – eine Forscherarbeit ohnegleichen. Dazu schaffen die Essays von Bernhard Echte epochale Übersicht, sie sind eigentliche literarische Kostbarkeiten.

Inmitten des Wetterleuchtens von Kunst und Politik stand der noch nicht 40-jährige Paul Cassirer mit seinem Kunstsalon. Wer war dieser Jahrhundertgalerist, der Tatkraft und Tempo mit hoher Bildung verband, der neuste Kunst eigenwillig kommentierte und zugleich clevere Geschäfte betrieb? Und noch Zeit fand für einen «theaterreifen Liebestaumel» mit der Schauspielerin Tilla Durieux? Cézanne und van Gogh waren seine Götter, von Manet erwarb Cassirer die beste Privatsammlung. Kunst ist in der Galerie Kulturarbeit. Die Ausstellungen haben Museumsrang, Verkäufliches wird ergänzt mit Werken aus Privatbesitz. Tintoretto und Goya schreiben Kunstgeschichte, neben den anderen Modernen. Albert Loos, Rilke, Heinrich Mann lesen in der Galerie.

Unterstützer der deutschen Kunst

Paul Cassirer schenkte Berlin Erkenntnis und Ruhm. Neben den Franzosen zeigte er immer auch deutsche Künstler. Er unterstützte, ja finanzierte die deutsche Kunst in der Berliner «Secession». Dank erntete er wenig, Erfolg brachte Neid. Die deutschen Nationalisten nahmen ihm die Favorisierung der Franzosen übel: Die Einwanderung «der geistigen Fremdherrschaft, die der französische Impressionismus so lange über die deutsche Malerei ausüben konnte» ­(bekannte Töne!) sei schuld an der «modischen Manier» à la Cézanne oder am «unangenehm Nudligen» der «Gogh-­Jünger». Cassirer blieb unbeirrt bei seinem phänomenalen Programm.

Sechs Fanfaren für die Lektüre: ­Spannung, Aktualität, Intelligenz, Kulturstoff, Menschengeschichte und Sprachgenuss. Und die nächsten zwei Bände sind schon in Vorbereitung.

Bernhard Echte, Walter Feilchenfeldt, Kunstsalon Cassirer 1905–1908. 2 Bände, 1324 S., 1150 Abb. Nimbus 2014, Fr. 148.

Erstellt: 19.08.2014, 06:47 Uhr

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