«Die Brutalität des Krieges erscheint bei ihr niemals schreiend im Bild»

Eine Ausstellung zeigt Bilder der Kriegsfotografin Anja Niedringhaus, die vor einer Woche in Afghanistan ums Leben kam. Anne Marie-Beckmann, langjährige Freundin und Förderin, spricht über ihr Werk.

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Frau Beckmann, was zeichnet Anja Niedringhaus’ Werk aus?
Anjas Bilder gehen weit über den Informationswert hinaus: Sie zeigen ihren Instinkt, ihr Gespür. Als Kriegsfotografin hat man ja nicht wie eine Künstlerin Zeit, zu schlendern, zu warten, zu kucken. Das geht ja alles sehr, sehr schnell. Zum einen war sie oft mit Soldaten unterwegs, musste sich deren Tempo anpassen. Zum anderen will die Nachrichtenmaschinerie einfach Bilder haben. In alledem bewahrte sich Anja ihr extremes kompositorisches Gespür. Sie fand einen Rahmen, innerhalb dessen sich jedes Bild auf das Wesentliche konzentrieren konnte. Sie wollte nicht den Krieg zeigen, sondern das, was der Krieg mit den Menschen macht. Anja hatte das Gespür einer Journalistin, aber das Auge einer Künstlerin.

Anja Niedringhaus’ Bilder wurden in allen namhaften Zeitungen abgedruckt – Sie wollten sie als Werk sichtbar machen. Wie kam es dazu?
Die Bilder waren zwar präsent, aber genauso schnell verschwanden sie auch wieder. Da steht ja manchmal nicht mal der Name beim Foto, nur «AP»! Man nahm die Bilder zwar als hervorragende Reportagefotografien wahr; primär waren sie aber Begleiter eines Informationstextes. Ich wollte sie aus dieser Bilderflut lösen, sie für sich stehen lassen. Wir haben immer weiter reduziert, aussortiert, zusammengestellt – bis am Ende rund 80 Bilder blieben, aus Afghanistan, dem Irak, Gaza und Libyen. Die Highlights ihrer Berichterstattung, die Essenz.

Der Kriegsfotograf Michael Kamber hat das Dilemma seines Berufs so beschrieben: «Die harten Bilder wollen die Leute nicht sehen, die zumutbaren Bilder haben keine Wirkung.» Wie ordnen sie Anja Niedringhaus’ Werk da ein?
Anja schonte uns nicht mit dem, was sie zeigte. Sie ästhetisierte den Krieg nicht. Und doch schaffte sie es, Bilder zu machen, die wir uns auch gerne anschauen, in denen wir uns nicht verlieren. Das Reisserische brauchte sie dabei nicht. Ihre Bilder sind viel subtiler und deshalb viel nachhaltiger. Ebenso, wie es ihr wichtig war, das Leben der Zivilbevölkerung zu zeigen, wollte sie auch das Leben der Soldaten zeigen, ihre Realität.

Da ist dieses Bild des Soldaten, der irgendwo auf einem Feld in der Morgendämmerung seinen Geburtstag feiert; mit dem Teelicht, das ihm seine Familie mitgegeben hat.
Ja, und das geht über eine brenzlige Gefechtssituation weit hinaus. Die ganze Haltung des Soldaten zeigt seine Mutlosigkeit, dieses Verlorensein. Es gibt auch dieses Bild, in dem Soldaten in ein Haus eindringen. Man sieht dort die Mutter mit ihrem Kind an der Wand stehen und ziemlich weit vorne im Bild einen Soldaten, der genauso verschreckt aussieht wie diese Familie. Das sind junge Männer, die selber gar nicht so genau wissen, was sie da eigentlich tun. Die Brutalität des Krieges erscheint bei ihr niemals offensichtlich oder schreiend im Bild.

Ein berühmtes Zitat von Anja Niedringhaus besagt: «Wenn ich es nicht zeige, dann wird es nicht bekannt.» Woher nahm sie den Mut für ihre Arbeit?
Die Fotografie war ihr Leben. Es ging ihr wirklich darum, Dinge zu zeigen, die sie für wichtig hielt. Dinge, die andere nicht zeigen – gerade in der schnelllebigen, oberflächlichen Berichterstattung. Sie war sich der Verantwortung und der Gefahr ihres Berufsstandes immer bewusst, aber sie war auch sehr eigensinnig. Wenn sie von etwas überzeugt war, zog sie es durch. Zudem heisst Mut ja nicht nur, sich in brenzlige Situationen zu begeben. Mut hiess bei ihr auch die Kraft, das auszuhalten, was sie gesehen hat und trotzdem immer wieder mit ihrer Kamera hinzugehen. Ihre Kamera, die war auch ihr Schutzschild.

Wie ist ein solcher Beruf überhaupt zu verarbeiten? Wie konnte sie sich die Normalität abseits des Krieges bewahren?
Sie war sehr, sehr geerdet. Ihre Familie spielte für sie eine grosse Rolle. Sie lebte ja mit ihrer Schwester in Nordhessen, wenn sie nicht unterwegs war. Ihre Familie war ihr zweiter Lebensmittelpunkt. Bei ihr hat sie die Normalität des Alltags gelebt.

Sie hat auch Sportfotografie gemacht. War das ihr Ausgleich?
Sie sagte tatsächlich oft: Ich kann nicht nur Krisengebiete machen. Und ich denke, dass sie genug Kollegen erlebt hat, die da nicht mehr rauskamen. Man ist ja dauernd auf diesem Adrenalinpegel… Im Sport geht es genauso um Tempo, darum, den richtigen Moment auf den Punkt zu bringen. Fotografisch gab es da oft Parallelen – trotzdem war es natürlich eine ganz andere Welt. Insofern hat sie immer wieder eine Balance gefunden und ihren Rhythmus durchbrochen.

Inwiefern war es für ihre Arbeit von Bedeutung, dass sie eine Frau war?
Diese Frage hat sie sehr gehasst! (lacht) Jedes Mal, wenn sie auf einem Podium sass und sie das gefragt wurde, musste ich in mich hineinlachen, weil ich wusste, was jetzt kommen würde. Anja sagte darauf immer: «Im Sportjournalismus hat es noch viel weniger Frauen als in der Berichterstattung aus Kriegs- und Krisengebieten.» Damit war das Thema für sie erledigt.

Erstellt: 10.04.2014, 11:09 Uhr

Anne Marie-Beckmann ist Kuratorin der Art Collection Deutsche Börse in Eschborn. Gemeinsam mit Anja Niedringhaus und dem Schweizer Kunsthistoriker und Kurator Jean-Christophe Ammann, der die Art Collection beim Aufbau einer Sammlung künstlerischer Fotografien berät, hat sie das 2011 erschienene Buchprojekt «Anja Niedringhaus – At War» entwickelt. Es versammelt bedeutende Bilder der Fotografin, die in der Folge in verschiedenen Ausstellungen gezeigt wurden. (Bild: PD)

Die Ausstellung in Winterthur

«Anja Niedringhaus - At War» ist derzeit in der Winterthurer Coalmine Gallery zu sehen. Kuratiert wurde die Ausstellung von Sascha Renner. Anne-Marie Beckmann wird an der Eröffnung heute Donnerstag eine Würdigung von Anja Niedringhaus' Werk vornhemen.

Hier können Sie sich durch die Ausstellung klicken – die einzelnen Fotografien werden von einem Audio-Kommentar der Fotografin begleitet.

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