Die Geldmaschine der Stasi

Um Devisen zu beschaffen, hat die DDR Kunstwerke in den Westen verkauft – auch beschlagnahmte. Die Schweiz war eine Drehscheibe des Handels.

«Vier Kastanien» von Adriaen Coorte– ein kleines Meisterwerk, das in die Verstrickungen des Raubkunsthandels der DDR geriet. Foto: RKD, Netherlands Institute for Art History

«Vier Kastanien» von Adriaen Coorte– ein kleines Meisterwerk, das in die Verstrickungen des Raubkunsthandels der DDR geriet. Foto: RKD, Netherlands Institute for Art History

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November 1989. Die Welt ist im Umbruch. Die Berliner Mauer ist gefallen. In Zürich wechselt in der Galerie Koetser in der Nähe des Paradeplatzes ein kleines Ölbild für 240'000 Franken den Besitzer. Für David Koetser ein gutes Geschäft. Was er vermutlich nicht weiss: Das Stillleben, gemalt 1705 vom niederländischen Barockmaler Adriaen Coorte, birgt ein dunkles Geheimnis.

Das Kunstwerk stammt aus einer der bedeutendsten Privatsammlungen der DDR. Der frühere Besitzer des Gemäldes, der Dresdner Helmuth Meissner, war mit einem rechtswidrigen Steuerverfahren überzogen, dann enteignet und am Schluss in die Psychiatrie gesteckt worden – weil es die Stasi, der DDR-Geheimdienst, auf seine einzigartige Kunstsammlung abgesehen hatte.

Das taschenbuchgrosse Stillleben «Die vier Kastanien», das Koetser erwarb, ist für den Laien ein unscheinbares Gemälde. Seine turbulente Geschichte jedoch erinnert an dunkelste Zeiten des 20. Jahrhunderts. Das Bild steht für einen krassen Fall willkürlicher Enteignung eines privater Kunstsammlers im Honecker-Regime. Er dokumentiert das skrupellose Vorgehen der Stasi (Ministerium für Staatssicherheit) bei der Beschaffung von Kunstwerken und Antiquitäten, die gegen harte Devisen in den Westen verkauften wurden. Wie erst jetzt, 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik, ans Licht kommt, haben auch einige Schweizer Kunsthändler mit DDR-Raubkunst kräftig Geld verdient.

Der Überfall der Behörden

Dresden am letzten Märztag 1982: Steuerfahnder, Stasi-Mitarbeiter und Kunstgutachter verschaffen sich frühmorgens Zugang zu Helmuth Meissners Wohnung, die mit wertvollen Gemälden und antikem Mobiliar eingerichtet ist. Mit dem überfallartigen Besuch beginnt für den stadtbekannten, damals 79-jährigen Kunstsammler ein Martyrium. Nach der raubzugartigen Beschlagnahmung seiner umfangreichen Sammlung schieben ihn die Behörden in eine psychiatrische Klinik ab, ohne dass eine medizinische Indikation vorliegt. Helmuth Meissner ist ein gebrochener Mann.

Die Stasi-Leute rieben sich die Hände. Sie waren in den Besitz einer einzigartigen Kunstsammlung gelangt, darunter seltenes Meissener Porzellan, antike ­Möbel und wertvolle Gemälde von altniederländischen Meistern. Auch das von Adriaen Coorte geschaffene Öl­gemälde aus dem 18. Jahrhundert entfernte die Stasi aus Helmuth Meissners Dresdner Wohnung.

Immer die gleiche Masche

Eine der wichtigsten privaten Kunstsammlungen der DDR wurde bei dieser Aktion zerschlagen. Hunderte von Kunstwerken und Antiquitäten aus der Sammlung Meissner verschwanden in Depots der ostdeutschen Kunst und Antiquitäten GmbH. Die Staatsfirma gehörte zu Alexander Schalck-Golodkowskis geheimem Wirtschaftsapparat «Kommerzielle Koordinierung» (KoKo) im DDR-Ministerium für Aussenhandel.

Die von der Stasi kontrollierte Kunst und Antiquitäten GmbH verkaufte in den 70er- und 80er-Jahren unzählige Kunstwerke und Antiquitäten in den Westen. Der geheime Kunsthandel der DDR spülte dringend benötigte Devisen, im Schnitt 25 Millionen D-Mark pro Jahr, in die Kassen von KoKo-Chef und Stasi-Oberst Schalck-Golodkowski.

Die Masche der ostdeutschen Behörden war fast immer dieselbe: Den Sammlern in der DDR wurde vorgeworfen, einen gewerblichen Handel mit Kunstgegenständen zu betreiben. Weil sie die angebliche Steuerschuld in Millionenhöhe nicht begleichen konnten, wurden die Sammlungen beschlagnahmt und ins westliche Ausland verkauft. Abnehmer waren renommierte Auktionshäuser und Galeristen in der Bundesrepublik, aber auch in den Niederlanden, England sowie der Schweiz. Qualitativ nahm der nationale Kunstbesitz der DDR durch den Export der Privatsammlungen grossen Schaden.

Drehscheibe im Tessin

Die Schweiz war eine wichtige Drehscheibe im Antiquitätenhandel der DDR. Die Geschäfte liefen über Ottokar Hermann, einen Stasi-Strohmann mit Waffen-SS-Vergangenheit. Der deutsche Geschäftsmann baute vom Tessin aus ein Geflecht von DDR-Tarn- und Stroh­firmen auf, die Teil der KoKo waren. Dazu gehörte die in Lugano-Paradiso domizilierte Intrac S.A, über die Hermann die Kunstwerke und Antiquitäten aus der DDR in den Kunsthandel einschleuste, um deren Herkunft zu vertuschen.

Repräsentative Möbel, viele davon im Louis-Philippe-Stil, aber auch grosse Barockschränke und Aufsatzschreibkommoden stellte Ottokar Hermann in einer Lagerhalle in einem Luganeser Industriegebiet unter. Hermann, der 2007 verstarb, nutzte die Möbel auch für Gegengeschäfte. Bei solchen sogenannten Kompensationsgeschäften verpflichtete sich ein Exporteur von Waren aus dem Westen zum Import von Waren aus der DDR, in diesem Fall von Antiquitäten.

Das Coorte-Gemälde wurde im März 1984 von der Stasi in die Schweiz verschickt, adressiert an Hermanns Intrac in Lugano. Der DDR-Strohmann sollte das Gemälde mithilfe der Zürcher Galerie Koller zu Geld machen.

Es war kein Einzelfall: Das renommierte Auktionshaus nahm in den 70er- und 80er-Jahren Antiquitäten ostdeutscher Herkunft, darunter Gemälde und antikes Mobiliar, in Kommission. Seltsamerweise kam das Coorte-Bild bei Koller nicht zur Versteigerung. Die Gründe dafür bleiben bis heute unklar. Stattdessen ging das Stillleben ein Jahr später, im Februar 1985, zurück in die DDR.

Gemälde ohne Vergangenheit

Auf verschlungenen Wegen gelangten die «Vier Kastanien» daraufhin von der DDR in die Niederlande. Am 29. November 1988 kam das Gemälde bei Christie’s in Amsterdam unter den Hammer, Auktionslos 109. Auffällig: Das Bild erschien ohne Provenienzangabe im Auktions­katalog, ohne Herkunftsnachweis.

Eine gut dokumentierte Provenienz besteht aus einer lückenlosen Auflistung der früheren Besitzer eines Werkes. Um zu prüfen, ob ein Verkauf rechtmässig ist, ist die Rekonstruktion der Provenienz unerlässlich, was etwa im Zusammenhang mit Nazi-Raubkunst von Bedeutung ist.

Das Coorte-Stillleben war, so schien es, ein Bild ohne Vergangenheit. Trotzdem beteiligte sich der Zürcher Galerist Koetser an der Aktion. Für 150'000 Gulden, umgerechnet 112'000 Franken zuzüglich Verkaufsprovision bekam er den Zuschlag. Ein Schnäppchen, wie sich ein Jahr später herausstellte: Mit Rechnung vom 22. November 1989 verkaufte Koetser das Meisterwerk, das er in seiner Galerie an der Talstrasse ausgestellt hatte, dem New Yorker Kunstsammler Henry H. Weldon – zum fast doppelten Preis. Heute dürfte der Wert ein Mehrfaches betragen.

Weshalb Christie’s das Bild versteigerte, obwohl seine genaue Herkunft unklar war, bleibt ein Rätsel. Das Auktionshaus liess eine Anfrage dazu unbeantwortet. David Koetser beteuert, das Gemälde gutgläubig erworben zu haben. Laut Datenbank des Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie (RKD), des niederländischen Instituts für Kunstgeschichte, war das Bild aus einer nicht namentlich genannten niederländischen Privatsammlung in die Auktion gelangt. Die früheren Besitzer sind dem RKD, das zu den bedeutendsten kunsthistorischen Dokumentationszentren weltweit zählt, nicht bekannt.

Ulf Bischof, Rechtsanwalt in Berlin, findet es denn auch «sehr erstaunlich», dass ein erfahrener Kunsthändler wie David Koetser das Gemälde erworben hat. «Er hat die Katze im Sack gekauft und ging damit ein grosses Risiko ein», sagt Bischof, der das bisher einzige ­wissenschaftliche Standardwerk zum geheimen Kunsthandel des DDR-Regimes verfasst hat.

Bischof vertritt mehrere Erben, die ihre Eigentumsrechte an Werken, die den Kunstsammlern widerrechtlich abgenommen wurden, einfordern. Einer seiner Klienten ist Helmuth Meissners 76-jähriger Sohn Konrad, der das Bild seit Jahren von den Weldon-Erben zurückfordert. Diese wehren sich mit juristischen Mitteln gegen eine Rückgabe.

Während DDR-Raubkunst in der Schweiz bislang kein Thema ist, will sich Deutschland der widerrechtlich erfolgten Enteignungen annehmen. Auch dort war das Thema lange Zeit ignoriert worden. Zur Klärung der Ansprüche früherer Eigentümer will die Bundes­regierung gemäss Koalitionsvertrag die Provenienzforschung verstärken. Verschiedene staatliche Kultureinrichtungen verschaffen sich derzeit einen Überblick über die verschiedenen Fälle von Enteignungen, die sich in der DDR abspielt haben.

Die Rolle der Kunsthändler

Dabei muss das Augenmerk auch auf die Kunsthändler gelegt werden, die für den staatlichen Kunsthandel der DDR eine wichtige Rolle gespielt haben. Ohne die Abnehmer im Westen hätte sich der Export von Antiquitäten nicht zu einem lukrativen Geschäft für den Arbeiter- und Bauernstaat entwickeln können. Heerscharen von kunstaffinen Schnäppchenjägern pilgerten vor der Wende nach Ostdeutschland.

Auch nachdem die verwerflichen Praktiken in den Achtzigerjahren öffentlich bekannt geworden waren, standen Galeristen und Auktionshäuser im Westen weiterhin mit der Stasi-Firma Kunst und Antiquitäten GmbH in Kontakt. Sie tragen deshalb eine gewisse Mitverantwortung für das gravierende Unrecht, das Besitzern von Kunstwerken in der DDR widerfahren ist.

Ricardo Tarli: Operationsgebiet Schweiz. Die dunklen Geschäfte der Stasi. Orell Füssli, Zürich, 2015. 256 S., 26,90 Fr.

Erstellt: 21.04.2015, 23:29 Uhr

Koetser-Sammlung: Keine Raubkunst im Kunsthaus

David H. Koetser entstammt einer traditionsreichen niederländischen Kunsthändler­familie. Der Spezialist für alte Meister führt die gleichnamige Galerie, die seit 1967 ihren Sitz an der Zürcher Talstrasse hat, in dritter Generation. Sein Grossvater eröffnete seine erste Galerie vor dem Ersten Weltkrieg in Amsterdam. Die Galerie Koetser ist spezialisiert auf niederländische, flämische und italienische Altmeister. Koetser, der in England aufwuchs und seit über vierzig Jahren im Kunsthandel tätig ist, ist ­Mit­begründer der Tefaf in Maastricht, eine der weltweit grössten Messen für Kunst und Antiquitäten.

In Form einer Stiftung übergab Galeriegründer David M. Koetser, ein Onkel des heutigen Galeriebesitzers David H. Koetser, seine bedeutende Sammlung alter Meister 1986 dem Kunsthaus Zürich. Die siebzig Werke italienischer, niederländischer und flämischer Maler sind dort in der permanenten Ausstellung zu sehen. Beim Kunsthaus geht man davon aus, dass sich in der Koetser-Sammlung keine DDR-Raubkunst befindet. «Uns liegt und lag in den vergangenen zwanzig Jahren keine Anfrage bezüglich der Herkunft einzelner Werke aus dem Gebiet der ehemaligen DDR vor», sagt Björn Quellenberg, Leiter Presse und Kommunikation. «Grundsätzlich ist die Aktenlage im Kunsthaus für die Sammlung sehr gut.» (R. T.)

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