Die Kunst der Künstlichkeit

Einst musste er als Broker arbeiten, um seine Kunst zu finanzieren. Heute gehört Jeff Koons zu den schillerndsten Figuren der Gegenwartskunst. Jetzt sind seine Werke in der Fondation Beyeler zu sehen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vielleicht sind Jeff Koons’ aufgeblasene, bunte Ballonhund-Skulpturen so etwas wie Trojanische Pferde. Jedenfalls vergleicht der 57-jährige US-Künstler seine monumentalen Werke aus hochlegiertem, rostfreiem Chromstahl mit jenem legendären Artefakt aus der «Ilias».

Vielleicht verwendet Koons seine Kunst wirklich als List, um gängige Wert- und Qualitätsurteile zu hintergehen. Vielleicht war eine solche List der Kunst vor einigen Jahren wirklich ein wenig schockierend. Jedenfalls hat sich so mancher Kritiker über Koons lustig gemacht; die Rede war von Plattitüden, von Banalität.

So einfach ist das alles nicht

Mittlerweile gehört Jeff Koons zu den bekanntesten Künstlern der Gegenwart, darin – was freilich merkwürdig erscheinen mag – einem Picasso vergleichbar, den jedes Kind kennt. Mittlerweile weiss man vor allem, welche «Helden» aus seinem Trojanischen Pferd gesprungen sind: eben die Banalität und, in einer dialektischen Wendung, die Sakralisierung des Banalen.

Weiter sind dem Kunstpferd entsprungen: das Ikonische, das Monumentale, das Glatte, das Spiegelnde, das Barocke, das Pop-Art-artige, das Hochartifizielle. Und ist man erst einmal bei einer solchen Aufzählung angelangt, die Koons’ Kosmos umkreist, liegt der Schluss auf der Hand: So einfach ist das alles nicht. Auch wenn das nun nicht heissen muss, dass Jeff Koons begeistern würde. Eine Revision dagegen, ein Wiedersehen in neuem Licht, tut not.

Wer vermisst Cicciolina?

Bei einem Rundgang durch die Fondation Beyeler kommt einem unwillkürlich ein weiterer Begriff in den Sinn: jener der Verführung. Koons ist ein Verführer – ein cooler, ohne Frage. Damit sind nun keineswegs seine Sexspiele «Made in Heaven» gemeint, mit seiner damaligen Gespielin Ilona Staller alias Pornostar Cicciolina. Diese skandalträchtige Serie wird bei Beyeler nicht mal gestreift. Kein Manko.

Vielmehr konzentriert sich die Ausstellung auf drei grosse Werkgruppen: «The New» (1980–1987), «Banality» (1988) und «Celebration» (seit 1994). Auffällig dabei ist, wie viele Werke sich bereits, ohne dass man sie vielleicht je im Original gesehen hätte, im Gedächtnis eingeprägt haben.

Das heisst: Koons hat seinen Platz im kollektiven Gedächtnis durch die mediale Verbreitung bereits besetzt. Er hat seine Botschaft, Kunst für alle machen zu wollen, erfolgreich verbreitet: «Kunst muss eine ebenso grosse politische Wirkung haben wie die Unterhaltungsindustrie, der Film, die Popmusik und die Werbung», so Koons. Welchem Politikbegriff die vergoldete Porzellanskulptur, die Michael Jackson mit seinem Affen zeigt, nun wirklich zugrunde liegt, bleibt zwar unklar. Aber die Skulptur ist so bekannt wie Jacksons Songs.

Umformung des Readymade

Was an Jeff Koons fasziniert, ist seine Fähigkeit, sich Dinge anzueignen und sie in neue Wertkontexte zu setzen. So schon in der Gruppe «The New»: Hauptakteure sind hier Hoover-Staubsauger. Koons schafft es nun, diese – durchaus formschönen – Alltagsgegenstände durch die Verbindung mit präzise gesetzten Neonröhren zu minimalistischen Skulpturen zu verwandeln. Die Werke eines Damien Hirst wären ohne eine solche Umformung des Readymade kaum denkbar.

In der Gruppe «Banality» zelebriert Koons den Kult des Banalen, macht Kitsch zu Kunst (oder erklärt zumindest das, was gemeinhin als Kitsch gilt, zu Kunst). Das lässt sich wiederum als listige, bewusst quer interpretierte Aneignung von Konzepten Marcel Duchamps lesen, freilich mit der Freude an der Provokation barock überhöht, ja sakralisiert.

Glamour nach einem strengen Konzept

Koons sagt dazu: «Ich benutze das Barocke, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir uns im Bereich des Spirituellen, des Ewigen befinden. Die Kirche benutzt das Barocke, um zu manipulieren und zu verführen, gibt der Öffentlichkeit als Gegenleistung jedoch eine spirituelle Erfahrung.» Durchaus denkbar, dass Jeff Koons mit Begriffen wie «Spiritualität» und «Ewigkeit» ähnlich trojanisch, ähnlich banal umgeht wie mit seinen Objekten. Seine Aussagen sind ähnlich glatt und überhöht. Das alles hat System, unterliegt bei allem Glamour einem strengen Konzept.

Glatt, spiegelnd, überhöht: Das charakterisiert die dritte Gruppe, «Celebration». Es ist die spannendste. Denn hier agiert Koons als Skulpteur, als Maler, als Technologe. Er setzt für die Realisierung komplexe technische Verfahren in Gang. Dass das nicht einfach Massenware ist, dafür sprechen die erstaunlich langen Produktionsphasen, die von vielen Entwicklungsschritten und Experimenten erzählen. Aber mit dieser technischen Perfektion zelebriert Koons nicht wie die Futuristen Anfang des 20. Jahrhunderts die Schönheit eines Rennwagens oder einer Bombe. Sondern die Schönheit von Ballonhunden, von Schmuckostereiern, von Kunstblumen.

Die Schönheit des Banalen

Die Massstäbe, in denen diese harmlosen Dinge erscheinen, machen sie zu liebevollen Monstern (und damit zu Vorbildern für zeitgenössische Künstler wie etwa den Schweizer Urs Fischer). Der Skulpturbegriff wird ausgedehnt und weitergetrieben. Was die Reflexe in einem Werk von Rodin dem Künstlichen an Leben geben, sind bei Koons coole Spiegelungen, die den Effekt einer einzigen Skulptur multiplizieren, den Raum, die Besucher, das Licht, die Architektur, ja die Skulptur – sie spiegelt sich teils in sich selbst – zu einer multiplen Einheit werden lassen. Das ist verführerisch.

Die grossformatigen Gemälde schliesslich funktionieren nach dem gleichen Prinzip der (Hyper-)Perfektion: Tortenstücke, künstliche Tulpen oder Partyhüte explodieren darin in einem Spiegelungssystem, dessen Herkunft sich nur erahnen lässt. Hier ist vielleicht eine der Quintessenzen dessen, was die Kunst von Koons ausmacht: die Schönheit und die Perfektion des Banalen als Fetisch. Oder, nochmals zugespitzt: Koons beherrscht die Kunst, die Kunst durch die Kunst der Künstlichkeit zu beherrschen.

Ab sofort bis 2. September sind Jeff Koons' Skulpturen in der Fondation Beyeler in Riehen zu sehen.

Jeff Koons im Gespräch mit Kuratorin Theodora Vischer: 14. Juni, 18–21 Uhr. Platzzahl limitiert.

Erstellt: 13.05.2012, 11:58 Uhr

Artikel zum Thema

Erstmals in der Schweiz: Jeff Koons' augenzwinkernde Kunst-Ausstellung

Jeff Koons holt mit seinen üppig-bunten Werken Alltägliches überhöht aufs Podest. Die Fondation Beyeler zeigt Koons Werke zum ersten Mal in einer Schweizer Ausstellung. Mehr...

«Pink Panther» ging für «nur» 17 Millionen weg

Die bekannte Porzellanskulptur «Pink Panther» des Künstlers Jeff Koons ist bei Sotheby's New York für 16,8 Millionen Dollar versteigert worden. Die Gebote blieben unter dem Schätzpreis von 30 Millionen Dollar. Mehr...

Koons, Hirst: Kunst für die Winner-Kaste

Jeff Koons zieht in Versailles ein, Damien Hirst bricht Rekorde: Den beiden geht es nicht um tiefschürfenden Inhalt und anstrengende Reflexion, sondern um coole Machtgesten. Mehr...

Koons in der Fondation Beyeler

Kommentare

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...